FYI.

This story is over 5 years old.

Tech

Wie wir unser Stromnetz vor Scharfschützen absichern können

Ein erst jetzt öffentlich gewordener Vorfall enthüllt, dass eine Attacke von Scharfschützen im vergangenen Jahr beinah die Stromversorgung im Silicon Valley lahmgelegt hätte.

Ein Scharfschützengewehr; idealerweise nicht auf ein Kraftwerk gerichtet. Bild: Luhai Wong/Wikimedia

Seit Jahren schon warnen Politiker und Kritiker davor wie anfällig unser Stromnetz ist—nicht nur für Naturkatastrophen, sondern auch für physische Attacken.

„Unsere Feinde haben die Absichten, die Fähigkeiten und die Kapazitäten unser Stromnetz mit potentiell katastrophalen Folgen anzugreifen“, sagte der Republikaner Ed Markey schon im vergangenen Jahr gegenüber Bloomberg. „Die Frage ist ob die Betreiber der Anlagen die selbe Entschlossenheit haben unser Land gegenüber diesen Gefahren zu beschützen.“

Anzeige

Ein kürzlich enthüllter Vorfall beweist nun, dass die Betreiber scheinbar nicht gewillt sind diesen Schutz zu gewährleisten—geschweige denn die Öffentlichkeit über die Gefahren zu informieren. Wie das Wall Street Journal berichtet ist es vor knapp einem Jahr Scharfschützen gelungen, ein von PG&E betriebenes Kraftwerk anzugreifen und fast einen Stromausfall in Teilen Kaliforniens zu verursachen. Nachdem zunächst jemand die Telefonkabel in einem unterirdischen Schacht durchtrennte, geschah laut dem Bericht der Zeitung folgendes:

„Innerhalb einer halben Stunde eröffneten Scharfschützen das Feuer auf ein nahegelegenes Umspannwerk. Nachdem sie über 19 Minuten feuerten, hatten sie mit gezielten Schüssen 17 gigantische Transformatoren ausgeschaltet, die den Strom Richtung Silicon Valley fließen lassen.“

Keiner der Schützen wurde gefasst. Die Polizei traf nur eine Minute nach den letzten Schüssen des Angriffes, der sich kurz nach Mitternacht ereignete, am Tatort ein. Die Netzbetreiber haben es geschafft die Lichter überall in Kalifornien anzubehalten, indem sie den Strom durch andere Umspannwerke umgeleitet haben, aber der Mann der damals als Leiter der staatlichen Kommission zur Regulierung der Energie arbeitete, ist so besorgt vor weiteren bevorstehenden Angriffen, dass er den Vorfall publik gemacht hat.

In seiner Aussage bezeichnete Jon Wellinghoff den Vorfalll als „signifikantesten inländischen Terrorakt aller Zeiten, der es auf das Stromnetz abgesehen hat.“ Er sagte, dass die Attacke, sollte sie kopiert werden und in größerem Ausmaß durchgeführt werden, das Stromnetz „im Großteil des Landes zum Zusammenbruch bringen könnte.“

Anzeige

Seiner Meinung nach liegt das Problem in den Umspannwerken, von denen es alleine im deutschen Hochspannungsnetz mehrerer Hunderte gibt und in den USA über 2.000 Stück. Sollten nur eine Handvoll dieser Stationen gleichzeitig ausgeschaltet werden, dann wäre ein weitreichender Stromausfall die Folge, glaubt Wellinghoff.

Selbstverständlich hält Wellinghoff die Sicherheitsmaßnahmen für nicht ausreichend, und drängt auf einen besseren Schutz der Umspannwerke. Er klingt dabei wie einer der bewährten Handlungsaufruf vor dem Hintergrund eines gestiegenen Bewusstseins für die Anfälligkeit unseres Stromnetzes—sei es durch Hacker-Angriffe, durch von Naturkatastrophen beschädigte Leitungen, oder unmittelbar durch terroristische Attacken auf die Kraftwerke.

Und bis zu einem gewissen Grad hat Wellinghoff sicher Recht; insbesondere das us-amerikanische Stromnetz ist alt, anfällig und relativ ungeschützt. Andererseits ist es immer empfehlenswert skeptisch gegenüber angsteinflössenden Bedrohungsszenarien bezüglich unseres Stromnetzes zu sein, die zwangsläufig Bilder eines stockdüsteren Landes provozieren, in dem die Zivilisation zusammenbricht. Hacker waren bis jetzt ohnehin noch nicht in der Lage all zu viel Schaden an Kraftwerken anzurichten (zumindest nicht absichtlich)—während, wie sich in den USA zeigte, Wirbelstürme und Schneefall bisher sicher die effektivere Gefahr darstellten.

Bis heute sind die echten Bedrohungen vor allem physischer Natur, und ein Terrorangriff, wie unwahrscheinlich er auch sein mag, stellt dabei zugegebenermaßen ein größeres Risiko als eine Hacker-Attacke dar. Um jedoch dieser Gefahr zu begegnen müssen wir gar keine Spezialeinheiten in jedem Kraftwerk stationieren. Wir brauchen eigentlich nur ein wenig Solarenergie und ein intelligenteres Stromnetz.

Momentan kommt ein viel zu großer Teil unserer Energie immer noch von riesigen, zentralisierten Kraftwerken, die ihren Kohle- oder Atomstrom zu Konsumenten schicken, die dutzende, wenn nicht gar mehrere hundert Kilometer entfernt wohnen. Die „richtigen“ Transformatoren auf diesem Weg in die Luft zu jagen, könnte so den Energiefluss erheblich stören und zu einem Blackout führen.

Eine massenhafte Installation kleinerer Kraftwerke, wie beispielsweise Solaranlagen, könnte helfen das Stromnetz zu dezentralisieren und Konsumenten und Gemeinden weniger abhängig von dem sich im hypothetischen Fadenkreuz befindenden Stromfluss machen. Eigentlich boomt diese Art der unabhängigeren Versorgung bereits in Kalifornien, was nun ironischerweise ausgerechnet die Region war, in dem der Scharschützenangriff stattfand. Selbstverständlich hat die Solarenergie auch den Vorteil Energie mit ganz niedrigem oder fast keiner Emission zu produzieren und die Stromherstellung zu demokratisieren.

Es wäre außerdem auch eine gute Idee das „Smart Grid“ Konzepte eines cleveren Stromnetzes umzusetzen, von dem die Politiker in wohlmeinenden Reden nun schon seit sechs oder sieben Jahren sprechen—eine Folge von Sensoren könnte Ausfälle entdeckten, und auch die regionale Nachfrage und das Angebot ausbalancieren, und den Stromfluss entsprechend lenken. Solche intelligenten selbstregulierenden Netze benötigen eine ansehnliche Anfangsinvestition—aber auch wenn der Energiespareffekt verspricht die Kosten auszugleichen, war die Umsetzung des Konzepts bisher äußerst langsam und schwerfällig.

Nichtsdestotrotz ist der Angriff auf das kalifornische Kraftwerk eine weitere Erinnerung daran, dass unser Netz viel zu anfällig gegenüber äußeren Störungen ist, seien sie nun menschlicher oder natürlicher Art—es ist vermutlich höchste Zeit, dass ganze Chaos nachhaltig abzusichern gegen Scharfschützen und gegen Wettereinflüsse.