„Ruf an die Ritter des Uploading“: Der IS sucht neue Social Media-Manager

Die Job-Beschreibung verlangt nach Kandidaten, die multitasking-fähig sind und bereit sind, das Social Media-Dauerfeuer der Extremisten aufrecht zu erhalten. Ein Faible für religiös motivierten Terrorismus und sinnlose Gewalt ist sicher auch von Vorteil.

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18 März 2016, 4:58pm

Bild: Screenshot Shumukh al-Islam

Die Terrororganisation des sogenannten Islamischen Staats heuert nicht nur in Moscheen Kämpfer und Kanonenfutter an, die mit Kalaschnikows den Maghreb in Angst und Schrecken versetzen, sondern auch versierte digitale Krieger, die Social-Media-Strategien für die Verteilung von Propagandamaterial an die Massen ausarbeiten und umsetzen sollen.

Die jüngste Stellenausschreibung stammt aus einem passwortgeschützten islamistischen Forum, das zunächst von Al-Qaida-Personal betrieben wurde und nach der Spaltung von Islamisten aus der Führungsriege der IS übernommen wurde.

Der jüngste „Ruf an die Ritter des Uploading" (der IS benutzt diese Ansprache auch in anderen digitalen Zusammenhängen recht ironiefrei) verlangt laut Medienberichten nach Menschen, die multitasking-fähig sind und als Strategen das Social Media-Dauerfeuer der Extremisten aufrecht erhalten können.

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Ganze sieben ähnliche Positionen schreibt der IS in den VIP-Foren al-Minbar and Shumukh al-Islam aus, in dem normalerweise Anleitungen für chemische Waffen-Bastelsets, Aufforderungen zu Messerattacken in Urlaubsorten oder Attentatspläne auf ranghohe Offiziere geteilt werden.

Zu dem Aufgabenprofil gehört neben der Unterstützung des sogenannten Islamischen Staats selbstverständlich auch, „die Feinde Allahs zu provozieren". Und für alle Digitalsoldaten, die sich einer Vollzeitaufgabe noch nicht gewachsen sehen, lockt der IS noch mit einer schnellen Anleitung zum Upload von Videos auf mehreren cloudbasierten Diensten gleichzeitig, mit dem man die Terrororganisation auch ohne besondere Kenntnisse „schnell und einfach" unterstützen könne.

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Wie Vocativ berichtet, unterscheiden sich manche im Forum beschriebenen Aufgaben des Social Media-Strategen nicht wesentlich von denen eines vergleichbaren Jobs aus der freien Wirtschaft: Man solle die Publikumsreichweite sowie das Engagement der Community erhöhen. Ein gewisses Faible für religiös motivierten Terrorimus und sinnlose Gewalt ist sicher auch von Vorteil. Die Personalmarketingabteilung des IS beschreibt das eher blumig-konventionell: Der geeignete Kandidat solle kein Problem damit haben, unter Druck zu arbeiten.

Aus dem Post bei Shumukh Al-Islam | Bild: Vocativ

„Es gibt viele, die Expertise auf diesem Gebiet haben, aber die vielen Aufgaben verwirren sie", heißt es im Post, „und noch schlimmer: Der Druck bringt manche dazu, den Job ganz aufzugeben." Daher wolle man in Zukunft „die Arbeitsteilung unter unseren Brüdern und Schwestern wieder zurückbringen".

Die gut geölte Medien-Terrormaschine geriet in letzter Zeit tatsächlich ein wenig ins Stocken, seitdem verschiedene Nachrichten- und Social Media-Plattformen wie Twitter und Telegram etwas Sand ins Getriebe streuten. Denn die Suspendierung der Terror-Accounts durch die Unternehmen zeigte durchaus Erfolg. Hunderttausende Konten, die IS-Propaganda verbreiteten, wurden in den letzten Monaten gelöscht, sodass IS-Unterstützer enormen Aufwand betreiben müssen, um mit ihrem Folgeaccount wieder die gleiche Reichweite zu erlangen wie mit dem vorigen Konto.

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Auch auf Telegram werden Kanäle mit islamistischer Propaganda immer häufiger so schnell gemeldet, dass die Verbreitungswege für Enthauptungsvideos und Gewaltaufrufe gegen „Ungläubige" zwar noch gegeben sind, ihre konstante Lieferung an die Abonnenten einer Gruppe aber deutlich erschwert wird.

Gleichzeitig setzt der IS in seiner Social Media-Strategie weiter auf sich stetig steigernde Schockvideos—und muss zum Teil herbe Verluste einstecken. Die jüngste, für den IS sehr peinliche Episode sind Vorwürfe, der IS würde kanisterweise Kunstblut kaufen, das er für seine Videos einsetzen würde, und viele Hinrichtungen nur inszenieren.

Wie ein desillusionierter Al-Qaida-Überläufer in einem Video erklärt, habe der IS ihn nicht nur gezwungen, gleich in einer Doppelrolle im jüngsten—gestellten—Exekutionsvideo aufzutauchen, sondern ihm auch noch die Rolle eines ängstlich fliehenden Opfers (eines Huthis) zugeteilt. Das hatte sich der junge Aspirant dann doch ein wenig anders vorgestellt.

Der Wahrheitsgehalt dieser Aussagen lässt sich zwar nur schwer überprüfen, klar ist jedoch, dass die Kunstblut-Anschuldigungen für einstimmigen Social Media-Spott selbst im kriegsgeschüttelten Syrien gesorgt haben —und Meldungen wie diese dem IS etwas von seinem Schrecken nehmen.