Die Web-Auftritte alter Eckkneipen sind Portale in eine andere Zeit
Treten Sie ein! Bild: Wikimedia Commons, Manfred Heyde | CC BY-SA 3.0

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Die Web-Auftritte alter Eckkneipen sind Portale in eine andere Zeit

Mögen sie sich niemals ändern! Wir haben quer durch Deutschland die schönsten Websites ranziger Kneipen für euch zusammengestellt.
23.2.15

Bonjour Tristesse! In den Eckkneipen deutscher Städte ist die Welt noch in Ordnung. Betrittst du eine solche grundsolide Schankwirtschaft, schneidest dir eine Schneise durch die nikotingeschwängerte Luft und wirst irgendwann ungegrüßt bedient, dann fallen auch in anonymen Großstädten spätestens beim dritten Herrengedeck alle Masken. Und kommst du 20 Jahre später wieder vorbei, sieht alles noch genauso aus.

Umso erfreulicher, dass auch die Webauftritte vieler Eckkneipen genauso wenig mit der Zeit gehen wie die Etablissements, die sie bewerben. Als Relikte einer vergangenen Zeit sind sie dank ihrer störrischen Besitzer vor trendy Relaunches sicher und erfreuen uns mit mindestens fünf Schriftarten pro Seite als ein Portal in eine Zeit, in der die Welt der privaten Homepages noch zu großen Teilen von Flashelementen, GIF-Icons und Gästebüchern bestimmt war. Bevor sie verschwinden, haben wir für euch ein paar unserer Lieblings-Websites von Kneipen in deutschen Metropolen zusammengetragen, auf dass wir gemeinsam ihr Lied singen.

Wir wissen ja: Kneipiers haben in ihrer Funktion als Sozialarbeiter, Psychologen und Alltagsdrogendealer schon genug wichtige Aufgaben zu erfüllen—und tun dies auch mit mehr oder minder großer Hingabe. Webdesign gehört meistens nicht dazu. Wir freuen uns jedenfalls über solche gestalterische Vielfalt und wünschen uns, dass diese letzten Horte der Zeitlosigkeit genau so bleiben, wie sie sind.

Trümmerlotte—Berlin

Bei der Berliner Trümmerlotte nutzt man die einzigartigen crossmedialen Synergieeffekte des Internets und setzt profitbewusst auf wild rotierende Werbung für Drucker, Mode, Hauselektronik und, falls es mal ein paar Schnäpse zu viel waren, das Angebot einer Versandapotheke.

Darunter schmücken (analoge, eingescannte) Fotos von der bunt zusammengewürfelten Inneneinrichtung (Ikea ca. 1992) in falschem Format die digitale Pinnwand. Dass sie ein bisschen in die Breite verzerrt sind, tut der überschäumend guten Stimmung unter fröhlichen Glitzergirlanden, wie man unschwer erkennen kann, keinen Abbruch.

„Ob Jung oder Alt… Ich bin der Kneipje Hartmut", schreibt der Inhaber in solidem Times New Roman (Schriftgröße 36) und lässt seine Gäste dann noch wissen, dass er „zum Bequatschen und Beraten gerne und jederzeit zur Verfügung" steht. Na, wer kann das schon von seiner Bank, Krankenversicherung oder der eigenen Mutter behaupten? Die Eckkneipe: Da weiß man, was man hat.

Ubierschänke—Köln

Die Kölner Ubierschänke hat eine eigene Presseabteilung!

Naja, zumindest zwei RTL-Journalistenschüler waren mal da und haben zwischen Smokie-Coverband und der Karnevals-Einsingveranstaltung „Loss mer singe" einen Beitrag über das dort gebraute BöllBier gedreht. Gut, der Beitrag ist unveröffentlicht.

Aber trotzdem jubelt das mindestens zwölfköpfige Digitalteam der gemütlichen Eckkneipe („Da, wo das Bier noch blond ist"), deren Seite in frischem Orange erstrahlt. Nicht im Bild zu sehen sind die designtechnischen Raffinessen, mit denen die Schänke das Letzte aus der Wundertüte Internet rausholt und das Publikum unterhält: Nicht nur gibt es einen peppigen Flashvorspann, auch die Worte „U b i e r s c h ä n k e - K ö l n" folgen dem Mauszeiger wie eine Schlange, wohin man ihn auch bewegt. Es lebe die fröhliche Cursoranimation.

Weitere Special Features: Die leicht melancholische Rubrik „Vergangenes", der Hinweis, man könne „aus organisatorischen Gründen" keine maschinengeschriebnen Rechnungen ausstellen und die grenzphilosophische Verlinkung des Miniatur-Stadtplans unter „Anfahrt", die einen zu der Datei http://files.koeln.de/abseits führt.

Außerdem behauptet die Ubierschänke ungeachtet des seit Jahren flächendeckenden (und ziemlich streng umgesetzten) Rauchverbots in Kneipen trotzig, sie sei ein Raucherlokal. Diese Seite atmet den rebellischen Geist eines CBGB.

Lotta —Köln

Die Kölner Lotta ist eine moderne Absturzkaschemme, denn es läuft Rock. Entsprechend lässt sich die gern von Studenten besuchte, fensterlose Kellerkneipe in der Südstadt nicht lumpen und greift ganz tief in die Flashtrickkiste. Die ganze Website spielt sich auf einem Flash-Plattenspieler ab, der circa ein Viertel der Bildschirmgröße ausfüllt. Ein Klick auf Laden lädt den Plattenspieler, rechts blinken die Rubriken zwischen fetzigen Reglerlämpchen.

Enttäuschenderweise gibt es keine MIDI-Musik, die automatisch abgespielt wird. Das war früher noch anders. Hier ist die Devise Interaktion: Ein Klick auf Start legt eine Platte auf, es läuft komprimierter Stoner-Rock a la Kyuss für ungefähr zehn Sekunden. Das ist toll. Wenn du also mal Lust auf richtig gute Musik hast, geh einfach auf www.lotta-koeln.de.

Die Navigation auf der Seite gestaltet sich allerdings knifflig, um nicht zu sagen, labyrinthär. Rote, mikroskopisch kleine Schrift kündigt Veranstaltungen an, die in einem noch kleineren Fenster durchgescrollt werden müssen. Es gibt keinen Home-Button, aber 30-Liter-Fässer Kölsch an den Tisch auf Vorbestellung. Lotta katapultiert dich zurück in ein Zeitalter, in der du Flashanimationen, Viren oder beides im Tagesrhythmus als E-Mail-Anhang bekommen hast.

Paule Panke—Berlin

HTML pur. Bei dem rustikal-minimalistischen Design der „Trödelkneipe Paule Panke" kommt Freude auf, aber so richtig! Kurze Texte, kaum Spielereien (abgesehen von überraschenden Spezialeffekten beim automatischen Durchwechseln der Bilder in der Galerie—was kommt wohl als nächstes?), nur das begeistert gastfreundliche Gesicht des Wirtes wärmt das Herz der Besucher auf der dezenten Digital-Version einer Rauhfasertapete. Ein Lächeln kann sich der Ostberliner Gastgeber nicht abringen, die Hände bleiben hinter der holzgetäfelten Theke in der Tasche. Uwe Klempin mag es schlicht und sachlich. Da bei web.de der Alias „kneipenwirt" leider schon vergeben war, entschied er sich pragmatisch für „kneipenwirt2".

Doch was ist das? Zwischen Frakturschrift, dem appetitlichen kalten Buffet mit Präsentkorb für Feierlichkeiten und dem unwiderstehlichen Farbschema blassgelb-grau-oliv versteckt sich, womöglich internetexklusiv, leibhaftige POESIE! Es handelt sich um eine zehnstrophige, gereimte Ode an die Kneipe von dem mutmaßlichen Stammgast und unterschätzten Pankower Lyriker Jürgen Büchel. Verfasst im Jahr 2007 haben elegant gereimte Zeilen wie „…ist in Pankow sehr bekannt/ (…) vielleicht in ganz EUROPA-Land" nichts von ihrer Brisanz verloren und berühren den Gast durch ein intimes psychosoziales Portrait des Kneipiers und seines Ladens (Anschreiben ist OK, besoffen sein auch) aus 1. Hand.

Gitti's Bierbar—Berlin

Der Webauftritt von Gitti's Bierbar (nur echt mit Deppenapostroph) lügt dem Besucher als allererstes frech ins Gesicht, das müssen wir hier so drastisch festhalten. Diese von uns hochgeschätzte Pinte liegt nämlich in Laufweite zur Redaktion und noch nie haben solche jungen Hüpfer wie auf dem hölzernen Stockfoto im Headerbild diese Kneipe frequentiert. Es sei denn, man konnte sie durch die Rauchschwaden und vergilbten Vorhänge schlecht sehen. Gitti, warum verleugnest du deine Stammgäste? An diesem Beispiel lässt sich anschaulich zeigen, wie schlecht ein vermeintlich moderner Website-Relaunch einer urigen Kneipe tun kann.

Fein, Gitti hat jetzt ein BVG-Routenplaner-Plugin nebst QR-Code, als grafisches Element eine urban-stilisierte Berlin-Skyline mit Spiegeleffekt und sorgfältig ausgesuchte Schriftarten. Aber Gitti, wo bleibt die Fotogalerie mit dem „Mensch-Ärger-Dich-Nicht"-Automaten? Wann stellst du uns die mit der Eckbank verwachsenen Herren aus dem Doppelkopf-Club vor? Was soll die höfliche Ansprache auf der Website? Gitti, wenn das so weiter geht, musst du dich nicht wundern, wenn deine Absteige mit einer derart verfehlten Online-Informationspolitik bald von verwirrten Agenturfuzzis überlaufen wird, die Wraps bestellen.

HappyCorner—München

Siehst du, Gitti: So geht das. Man kann sich sogar mit dem Hauch der Exotik umwehen, ohne seine stilprägende Piefigkeit auch nur einen Millimeter weit aufzugeben. Die Münchner HappyCorner macht es vor: Ein uncooler englischer Name, sechs verschiedene Schriftarten pro Seite, eine unbeholfen-niedliche Grafik und die schizophrene Selbstbeschreibung als „urige Pils- und Cocktailbar" wirken schonmal vielversprechend.

Unter dem Menüpunkt „Wir über uns" listet deine neue Stammkneipe dann alle Musikgenres bis auf Trap und Chillwave als in der Kneipe gern gespielt auf und hat auch ein besonderes Bonbon für den kurzsichtigen Gast: „Dabei können Sie Musiktitel und Interpret auf einem großen Monitor ständig ablesen." Vorbildlicherweise hat HappyCorner auch eine Sitemap auf der Seite eingefügt (noch vor 15 Jahren ein Muss), damit sich der informationsbedürftige Besucher nicht im detaillierten Online-Angebot verliert.

Bistro No. 2—München

Das ehrwürdige Bistro No. 2 („Die Legende geht weiter… seit 1981!") aus München hat es verstanden, geschickt Multimedia-Elemente in die Seite einzubinden. Es gibt Songs und vielleicht auch ein spannendes Video zum Download. Die Kneipe ist so legendär, dass ihr über die Jahre der Codename Laimer Bistro verpasst wurde, erfahre ich. Man lernt nie aus.

Das Monatsthema „Schwarze Nächte" ist stringent und angemessen umgesetzt, die falschen Apostrophe an den richtigen Stellen. Es finden sich interessante Zusatzinformtionen wie die Geschichte der Boazn und eine geschätzte 80 GB große Fotogalerie von allen Feierlichkeiten, die im letzten Vierteljahrhundert in der Kneipe stattgefunden haben. Ein vorbildlicher Internetauftritt, der Lust auf mehr macht.

Zum Goldenen Handschuh—Hamburg

Bei der Internetpräsenz des rund um die Uhr geöffneten Goldenen Handschuh konzentriert man sich in auf eine Kernkompetenz, und das ist der nächtliche „Partyalarm". Dieser geht wochentags nahtlos in den Frühschoppen ab vier Uhr morgens über, wie die Website informiert.

Neben einer kleinen Biografie des Gründers und Boxmeisters Herbert Nürnberg („der Stiefvater war sehr streng", heißt es dort unheilvoll) strotzt die bildgewaltige Website nur so vor visuellem Beweismaterial, das mit gnadenlosem Blitz die ausgelassenen Festivitäten in „rustikaler, einzigartiger" Atmosphäre dokumentiert—gern auch mal zu fortgeschrittener Stunde mit Stripperinnen oder Passantinnen, die sich spontan als Stripperinnen anbieten.

Das besondere Highlight ist der Kneipenrundgang als Juergen Teller'scher Fotoessay mit Dutzenden pittoresker Ansichten (nur eins von vielen Beispielen: Das Stillleben mit Eingang zur Herrentoilette, Getränkekästen und „Cigaretten"-Automat garantiert ohne Altersprüfung).

Interessant auch die meisterhafte Cadrage und die Inszenierung der unterschätzten Statisten eines reibungslosen Gaststättenbetriebs: Hier wird einem schmuddeligen Lappen hinter dem Sperrholz-Tresen endlich eine Bühne geboten, in einem anderen Bild senkt sich mysteriös der waldgrüne Filz des Windfangs über die Gumminoppen des Fußbodenbelags.

Wenn man so überzeugend den ehrlichen Urin am Boden durch das ganze Internet riechen kann, macht es rein gar nichts, dass die Bilder fast alle um 90 Grad gedreht sind. Wer weiß, vielleicht ist das sogar ein Stilmittel.