Die zweijährige Matheryn Naovaratpong. Bild von der Familie zur Verfügung gestellt

Thailands ewiges Wunderkind

Als klar war, dass die 2-jährige Matheryn ihren Hirntumor nicht überlebt, entschieden sich ihre Eltern dafür sie einzufrieren. Jetzt wartet sie bei -196 Grad darauf wiederbelebt zu werden und eines Tages mit neuen Therapien geheilt zu werden.

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22 Mai 2015, 10:48am

Die zweijährige Matheryn Naovaratpong. Bild von der Familie zur Verfügung gestellt

Matheryn Naovaratpong war zwei Jahre und zwei Monate alt, als sie am Morgen des 19. April 2014 plötzlich nicht mehr aufwachte.

Sie wurde sofort in ein Bangkoker Krankenhaus gebracht, wo die Ärzte schließlich einen elf Zentimeter langen Tumor in der linken Hälfte ihres Gehirns diagnostizierten. Matheryn—die von ihren Eltern nur Einz genannt wurde—litt an einem Ependymoblastom, einem äußerst seltenen Hirntumor, der fast ausschließlich bei Kleinkindern auftritt. Optimistisch geschätzt lag ihre Überlebensrate bei 30 Prozent.

Einz war ins Koma gefallen und es war äußerst unwahrscheinlich, dass sie je ihr zehntes Lebensjahr erleben dürfte.



Beim ersten Eingriff im Krankenhaus entfernten die Ärzte die Hälfte des Tumors und bohrten durch Einz' Schädel, um den Druck auf ihr Gehirn zu entlasten. Nach dem Eingriff erklärten die Ärzte den Eltern, die beide selbst promovierte Wissenschaftler sind, dass ihre Tochter wohl niemals wieder aufwachen würde. Das Krankenhaus empfahl den Eltern, die lebenserhaltenden Maßnahmen abzustellen.



„Doch nach einer Woche wachte Einz auf und kam wieder zu Bewusstsein", erklärte mir ihr Vater Dr. Sahatorn Naovaratpong. (Ich konnte ihn dank seiner Schwester Dararat interviewen, die für uns übersetzte.) „Einz bewies, was das Leben wirklich Wert ist."



Die Familie entschied sich, die Behandlung fortzusetzen. „Wir wollten gegen diesen Krebs ankämpfen", erklärte mir Sahatorn. „Vielleicht würden wir die Schlacht verlieren, aber das Leben meiner Tochter könnte die Menschheit insgesamt weiterbringen, und dabei helfen, in der Zukunft einmal den Krebs zu besiegen."

Let Einz be the first to guide us.



Im folgenden Jahr verlor ihre 2-Jährige Tochter 80 Prozent ihrer rechten Hirnhälfte und unterzog sich insgesamt 12 Hirnoperationen, 20 Chemotherapien und 20 Strahlentherapien. Am Ende war die rechte Hälfte ihres Körpers nahezu gelähmt. In den zwölf Monaten gab es Momente großer Hoffnung und trauriger Ernüchterung. Sahatorn beschreibt die Zeit als eine emotionale Achterbahnfahrt.

Der zähe Kampf

„In ihren wunderschönen runden Augen sahen wir, wie etwas um das Überleben kämpfte", beschrieb ihr Vater die bangen Monate und die ersten Erfolge der Behandlung. „Schließlich konnte Einz wieder stehen und mit beiden Augen sehen—es war, als hätte sie den Hirntumor überlebt. Wir konnten nicht anders, als uns zu wünschen, dass sie nun auch mit nur einer Gehirnhälfte wieder eine normale Kindheit erleben würde."

Die Famillie gründete eine Stiftung zur genetischen Erforschung von Krebs und startete eine Social Media Kampagne, um die Aufmerksamkeit auf die Probleme von Kindern mit Krebs zu lenken. Ihr Motto: „Let Einz be the first to guide us."

Doch im November 2014 hatte der Krebs sich erneut im Gehirn von Matheryn ausgebreitet und sorgte schließlich für eine Lähmung ihres Gesichts und ihrer Muskeln.

„Wir wussten, dass das das Ende war", sagt Sahatorn. „Wir mussten uns darauf vorbereiten, von Einz Abschied zu nehmen. Am 8. Januar 2015 wurde Matheryn aus dem Krankenhaus entlassen. Sie war bei vollem Bewusstsein.


Einz soll als jüngster Mensch, der je eingefroren und kryokonserviert wurde, weiterleben. Sie wartet jetzt in einem Kältetank auf die Entwicklung neuer Therapien.

„Wir versammelten unsere Familie und Freunde, spielten mit Einz und hielten sie in unseren Armen, bevor wir das Lebenserhaltungssystem abschalteten. Um 18:18 Uhr nahmen wir die Last von ihren Schultern", beschreibt Sahatorn ihren letzten gemeinsamen Tag.

„Die Krebszellen und weitere Zellen ihres Körpers werden für spätere Studien aufbewahrt. Ihr Körper wurde in Arizona [bei der Alcor Life Extension Foundation] kryokonserviert und wartet nun auf neue Technologien, um wiederbelebt zu werden."

Damit wurde Matheryn Naovaratpong zum jüngsten Menschen, der je in einem Kryo-Tank eingefroren und für eine spätere Wiederbelebung konserviert wurde.

Das Versprechen der Kryonik

Alcor ist eine der größten Organisationen im Bereich der Kryonik und verspricht seinen Kunden gegen eine stattliche Gebühr die Möglichkeit auf ein zweites Leben. Alcor gibt an, jene Patienten zu konservieren, denen die moderne Medizin mit ihren Mitteln nicht mehr helfen konnte. Wenn Wissenschaft und Biotechnologie weit genug fortgeschritten sind, um sie zuerst wiederzubeleben und sie dann zu heilen, sollen die Patienten wieder aufgetaut werden.

Lest hier unser Interview, in dem der Alcor-Chef Max More erklärt, wie die Arbeit seines Unternehmens funktioniert

In den vergangenen Jahren haben die Mediziner und Techniker von Alcor rund 130 Kryokonservierungen durchgeführt. Matheryn ist ihr neuester Patient.

Matheryns Gehirn lagert nun zusammen mit anderen Alcor-Mitgliedern in einem dieser mit Stickstoff gefüllten Container. Bild: Xavier Aaronson.

An dem transhumanistischen Traum von der Kryonik wird vor allem in den USA gearbeitet (hier hat auch der wohl größte Konkurent von Alcor, das Cryonics Institute, seinen Sitz). Neben der britischen Niederlassung von Alcor kann das ambitionierte russische Unternehmen KrioRus als wohl einziges ernstzunehmendes internationales Kryoprogramm gelten. Dank einer Renaissance des Traums von einem zweiten konservierten Leben in den vergangenen Jahren und durch die zunehmende Reichweite von Social Media, verbreiten sich die Verheißungen der Kryonik jedoch inzwischen weltweit.

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„Die Eltern haben von unserer Arbeit durch das Internet erfahren", erklärte mir die Alcor-Sprecherin Marji Klima. „Sie sind beide selbst Ärzte. Sie haben uns kontaktiert, als ihnen nach der elften Operationen klar wurde, dass ihre Tochter es nicht schaffen würde."

Alcor stimmte zu, Matheryn als Mitglied und Patientin aufzunehmen. Ursprünglich sollte sie für den Eingriff in die USA geflogen werden, um dort die komplizierte und aufwändige Operation durchzuführen.

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Zwei Tage vor dem Abflug musste die 2-Jährige jedoch an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden. „Das machte die Reise praktisch unmöglich", erklärte mir Aaron Drake, der als Medical Response Director bei der Alcor Life Extension Foundation arbeitet.

Alcor musste für den Eingriff zu Einz nach Thailand reisen.

Die Alcor-Einrichtung in Scottsdale. Bild: Xavier Aaronson

Einz war eine besondere Herausforderung für Alcor. Einmal, da sich die Gefäßstruktur eines kleinen Kindes wesentlich von den vorherigen Patienten unterscheidet und dann auch aufgrund ihrer Hirntumore. Drake nahm also den erfahrenen, pensionierten Neurochirurgen Dr. Jose Kanshepolsky mit nach Thailand. Sie blieben zwei Tage im „Stand-by-Modus", wie Alcor jene Phase der Kryokonservierung nennnt, in der die Ärzte in der Nähe des Patienten den Eingriff vorbereiten und darauf warten, bis er verstirbt.

Die fragilste aller Kryonik-Operationen

Kanshepolsky untersuchte Einz bevor sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde und stellte ein alarmierendes Problem fest: Da ein so großer Teil ihres Gehirns entfernt worden war, hatte sich ihr Schädel mit Rückenmarksflüssigkeit gefüllt, was den anstehenden Eingriff noch einmal verkomplizieren würde.

„Normalerweise bohren wir zwei Löcher in den Schädel, so dass wir das Gehirn sehen können. Wenn das Hirn sich zusammenzieht, dann funktioniert die Kryo-Operation", erklärte mir Drake. Das liegt daran, dass das spezielle Anti-Frost-Mittel, das Alcor benutzt, die Hirnmasse austrocknet und schrumpfen lässt. Die Alcor-Techniker führen bei der Prozedur auch wichtige Instrumente in den Schädel ein. „In die Löcher führen wir auch kleine Testgeräte ein, die letztlich nichts anderes als Temperaturmesser sind, die die Kälteentwicklung im Schädel prüfen", sagt Drake.

Da sich jedoch so viel Flüssigkeit in dem Gehirn von Einz befand, entschied sich Dr. Kanshepolsky, mit der Entfernung des Hirns zu warten und stattdessen zunächst mit der Ganz-Körper-Konservierung zu beginnen.

Auf -79 Grad heruntergekühlt verließ Einz schließlich Thailand

Laut Drake beschloss das Alcor-Team, „die schützende Perfusion der Kryo-OP an Matheryns Hirn vor Ort in Thailand durchzuführen." Die Ärzte entschieden sich dagegen, die Operation durchzuführen ohne den Kopf vom Rest des Körpers abzutrennen (wie es sonst üblich ist bei der Kryo-Option für die Einz ihre Eltern angemeldet hatten). „Das sollte sich als effezienteste Möglichkeit für die Abwicklung des Rückführungsprozess in die USA erweisen", erklärt Drake in einer Zusammenfassung der gesamten Prozedur, die er zusammen mit Alcor-Chef Max More verfasst hat.

Alcor-Chef Max More zwischen den Kryo-Tanks seiner Organisation. Bild: Daniel Oberhaus.

Die Alcor-Zentrale in Arizona. Bild: Daniel Oberhaus.

Alcor musste sich bei dem Transport von Einz in seine zentrale us-amerikanische Aufbewahrungsanlage den strengen Regeln unterwerfen, die für den internationalen Transport von Verstorbenen gelten. Um bei den unterschiedlichen Grenzkontrollen zwischen Thailand und den USA nicht in Komplikationen zu geraten, entschied sich das Alcor-Team den Kopf nicht vom Körper abzutrennen und Einz vollständig im gefrorenen Zustand zu transportieren.

„Der gesamte Patient wurde in einen speziell angefertigten Eis-Transport-Container transportiert und vor Ort auf -79 Grad heruntergekühlt", schreiben Drake und More. Ein Team von Alcor nahm Einz schließlich am Zoll des Los Angeles International Airport in Empfang und transportierte den Container unter einer weiteren Ladung Trockeneis in die Firmenzentrale nach Scottsdale. „Die Neuro-Seperation wurde in der Alcor-Anlage durchgeführt und Matheryn wurde zu unsere 134sten Patientin" erklärte das Unternehmen.

Die Kry-Option, die die Eltern für Matheryns auswählten, wird von Alcor mit der Kurzform „Neuro" beschrieben. Bei dieser günstigeren Variante wird nur das Gehirn konserviert und nicht der gesamte Körper.

Zumindest haben wir das Leben unser Tochter der Wissenschaft gewidmet. Das ist für uns ein Trost. Wir wissen, dass sie lebt—auch wenn wir von ihr getrennt wurden.

So lagert das Gehirn von Einz nun in einem „Bigfoot Dewar"—einem rostfreien Vakuum-Stahl-Container, der mit flüssigem Stickstoff gefüllt ist und in dem eine konstante Temperatur von -196 Grad herrscht. Zusammen mit den Gehirnen andere Alcor-Kunden wartet Einz dort nun in Arizona auf die Entwicklung neuer Therapien für ihre Krankheit und ein Verfahren, um ihren Körper nachzuzüchten.

Der Wunsch nach dem ewigen Leben ist wohl eines der universellsten Bedürfnisse der Menschheit. Es verwundert also nicht weiter, dass die Möglichkeiten der Kryonik auch international immer bekannter werden. „Uns erreichen inzwischen auch von außerhalb der USA immer mehr Anfrage", erklärte mir Klima. Alcor hat allerdings noch nicht die Ressourcen oder die Infrastruktur allen Anfragen nachzukommen.

Bild: Daniel Oberhaus / MOTHERBOARD.


Der Preis für die Chance auf ein zweites Leben ist durchaus ansehnlich aber nicht so astronomisch, wie man vielleicht denken würde. Eine Mitgliedschaft, mit der du das Recht erwirbst auf „Standby" eingefroren zu werden, kostet knapp 700 Euro pro Jahr, sowie einen Beweis, auch die finanziellen Aufwendungen für den finalen Eingriff tragen zu können. Die Kryokonservierung selbst kostet dann noch einmal rund 72.000 Euro (für einen Neuro-Eingriff bei dem nur das Gehirn konserviert wird) bzw. 180.000 Euro für die Konservierung des ganzen Körpers. Alcor empfiehlt seinen Mitgliedern eine besondere Lebensversicherung, um diese Kosten für die Operation tragen zu können.

Auch ihre Eltern haben sich bereit erklärt, nach ihrem Tod ihr Schicksal in die Hände von Alcor zu legen.

Hoffnung ist die wichtigste Grundlage für eine Organisation wie Alcor. Aus heutiger Sicht ist vollkommen unklar, ob die Wissenschaft je eine Methode entwickeln wird, die lädierten Körper der Vergangenheit vollständig zu heilen. James Lovelock mag es zwar gelungen sein, eingefrorene Ratten zu reanimieren, doch das heißt noch lange nicht, dass auch das Auftauen von Menschen, die Jahrzehnte lang in einem eisigen Container konserviert wurden, funktionieren muss. Eine Unternehmung wie Alcor braucht überbordenden Optimismus und den Glauben an einen rasanten technologischen Fortschritt.

„Wir wissen, dass wir bereits heute kleine Organe regenerieren und ein neues künstliches Herz züchten können", erklärte mir Drake abschließend. „Es sind schon Methoden bekannt, um Zellen und Herzen im 3D-Drucker herzustellen. Eines Tages werden wir den ganzen Körper, oder zumindest die Organe von Matheryn wiederbeleben müssen. Und dann fügen wir alles zusammen und müssten ihr Gehirn noch auf einen neuen Körper transplantieren."

So viel kostet es, menschliche Zellen im 3D-Drucker zu reproduzieren


Wie reanimiert man einen verstorbenen menschlichen Körper? Nicht einmal der Alcor-Chef Max More gibt vor, dafür die Lösung zu haben. So wie tausende andere hoffnungsvolle Kryonik-Fans setzt auch er auf den Forscherdrang der Wissenschaft, die eines Tages ein praktikables technisches Verfahren entwickeln.

„Zumindest haben wir das Leben und den Körper von Einz dem Fortschritt und der Entwicklung der Wissenschaft gewidmet", sagt auch Matheryns Mutter, Nareerat. „Für unsere Familie ist das ein Trost. Wir wissen, dass sie lebt, auch wenn wir von ihr getrennt wurden."

Sollte je der Tag kommen, an dem die Menschheit ihre Verstorbenen technisch wiederbeleben kann, dann wird Einz zumindest nicht alleine sein. Auch ihre Eltern haben bereits zugesagt, sich nach ihrem Tod in die Hände von Alcor zu begeben.

Wenn ihr Plan aufgeht, dann werden sie eines Tages gemeinsam in einer besseren Welt wieder auferstehen.