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Deepweb-Schwarzmarkt beschlagnahmt: FBI schaltet Silk Road 2.0 ab

Über ein Jahr nach seiner triumphalen Rückkehr als Darknet-Marktplatz ist heute auch Silk Road 2.0 von den Behörden beschlagnahmt worden. Der mutmaßlich Administrator Defcon wurde festgenommen.
6.11.14
Bildschirmfoto via Reddit. Titelbild: Shutterstock.

Der Deepweb-Schwarzmarkt  Silk Road 2.0, der vor über einem Jahr als würdiger Nachfolger des vom FBI abgeschalteten Darknet-Orginals angetreten war, ist seit Donnerstag nachmittag Uhr nicht mehr erreichbar. Und zwar nicht aufgrund einer im Darknet nicht unüblichen, vorübergehenden Downtime sondern, weil die Seite durch eine internationale Fahndungskooperation dauerhaft beschlagnahmt wurde.

Auf der Homepage von Silk Road 2 wird der Nutzer seit ungefähr 16:30 von einer Bekanntmachung begrüßt, die nur allzu sehr an den Abschaltungs-Disclaimer aus dem Oktober 2013 erinnert. Darin heißt es diesmal, dass die Seite durch eine gemeinsame Aktion von FBI, Ermittlern des US Heimatschutzministeriums und „europäischen Ermittlungsbehörden, die durch Europol und Eurojust agierten", abgeschaltet wurde. Ein Sprecher des FBI hat die Echtheit des Textes gegenüber Motherboard bestätigt.

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Wie das FBI bekannt gab, soll der 26-jährige Blake Benthall als der mutmaßliche Administrator Defcon fungiert haben. Er wurde bereits gestern in San Francisco festgenommen. Staatsanwalt Preet Bharara beschuldigte ihn, „Silk Road wiederbelebt zu haben, in dem er das nahezu identische kriminelle Projekt Silk Road 2.0 betrieben hat. Eines sollte klar sein: Diese Silk Road führt—in welcher Form auch immer—direkt ins Gefängnis."

8 Millionen Euro in Bitcoins verloren?

Von der Abschaltung der Silk Road 2.0 sind gleichermaßen alle Käufer und Verkäufer  betroffen, die auf der Seite jenseits staatlicher Kontrolle ihren Geschäften nachgegangen sind: digitale Drogenhändler, Anbieter von Hacker-Diensten, Waffenhändler, wie auch Anbieter obskurerer Produkte oder mutmaßliche Silk-Road-Samariter, die Anti-Suchtmittel über die Seite vertrieben. Laut Blockchain.info könnten auf Silk Road 2 insgesamt um die 8 Millionen Euro in Bitcoins beschlagnahmt oder zumindest eingefroren worden sein. Der leitende Troels Oerting Europol Ermittler sagte jedoch gegenüber dem Guardian, dass bei der gesamten Operation Onymous „nur" Bitcoins im Wert von 800.000 Euro sichergestellt wurden.

Schon eine Stunde, bevor die schlichte Notiz auf die Seite gestellt wurde, reagierten sowohl die Foren, in denen Betreiber, Käufer und Verkäufer in regem Austausch stehen, als auch die Handelsplattform selbst nicht mehr. Silk Road Nutzer berichteten da bereits seit rund 12 Stunden von eigenartigen Vorkommnissen.

Einige Händler schienen vollständig aus ihren Accounts rausgeschmissen worden zu sein und berichteten, nicht mehr auf diese zugreifen zu können: „Mein Händler-Profil hat mich soeben ausgesperrt. Das gleiche scheint anderen auch passiert sein. Hier könnte etwas faul sein."

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Manche Silk-Road-Nutzer schreiben auch, dass sie ihr Bitcoin-Guthaben nicht mehr von der Seite abziehen konnten: „Die Seite sagt mit, dass ich einen falschen Pin eingegeben habe, aber das ist vollkommener Quatsch. Was geht hier ab?"

Nachdem immer mehr solcher Berichte auftauchten, postete „Alfred", der als Betreiber des Darknet-Treffpunkts „The Hub" fungiert, in seinem gewissermaßen neutralen Forum eine ominöse Warnung in den Silk Road 2 Thread:

„Everyone. I cannot give much detail, only that if you are able to get your coins out of SR you should do so IMMEDIATELY. Please take my word on this."

Manche Nutzer zeigten sich dabei auch besorgt, dass die Moderatoren—diejenigen Silk Road Mitarbeiter, deren Job es ist, die Foren am Laufen zu halten—sich gar nicht geäußert hatten. Alfred behauptete in einem anderen Post, dass diese Moderatoren ebenfalls aus „ihren Foren-Accounts ausgesperrt" worden seien.

Die Reaktionen der Nutzer fielen bis dato noch unterschiedlich aus: Manche brachen in Panik aus, während andere nicht glauben wollten, dass es einen Grund zur Sorge gäbe. Spätestens mit der Mitteilung, die jetzt auf der Silk Road 2.0 Homepage prangt, wird die Sache schon einmal deutlich klarer. Über die genauen Hintergründe der Ermittlungen und Abschaltungen werden wohl erst die nächsten Wochen und spätestens ein mögliches Gerichtsverfahren weiteren Aufschluss geben.

Keiner der Silk-Road-Mitarbeiter wollte offiziell zitiert werden.

Dass Silk Road 2.0 offline ist bedeutet auch, dass weder Käufer, Verkäufer noch Mitarbeiter aktuell miteinander kommunizieren können, es sei denn, es entwickelt sich eine andere Kommunikationsplattform abseits der viel frequentierten Silk Road Boards.

Von den Mitarbeitern von Silk Road 2.0 wollte sich niemand offiziell äußern bzw. zitiert werden.

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Schon die vergangenen Monate waren in der Tat nicht immer einfach für den Deepweb-Marktplatz. Nachdem bei einem Hacking-Angriff im Februar angeblich Bitcoins im Wert von über 2 Millionen Euro gestohlen wurden, versprach der Administrator Defcon, das Geld an die Nutzer zurückzuzahlen. Das gelang in den vergangenen Monaten tatsächlich nach und nach, wenn auch in deutlich langsameren Tempo als geplant. Erst kürzlich ist einer der Moderatoren von seiner Position zurückgetreten und äußerte dabei gleichzeitig, dass die Nutzer der Seite angeblich „belogen wurden".

Silk Road 2 ist unterdessen schon länger nicht mehr der größte Marktplatz des Deepwebs. Sowohl Agora als auch Evolution haben inzwischen ein umfassenderes Angebot an Drogen oder anderen Waren. Abgesehen von diesen beiden Darkmarkets gibt es inzwischen auch noch zahlreiche weitere Deepweb-Marktplätze—so viele, dass es mit Grams längst ein eigenes Darknet-Drogen-Google gibt.

Silk Road 2.0 arrest. MT @teddy: 20 FBI agents searching my neighbor's tesla & suv earlier today in mission. #mystery pic.twitter.com/wNDlMrqiM0

— Kashmir Hill (@kashhill) November 7, 2014

Dem 26-jährigen Benthall wird nun ein bunter Strauß an Straftaten vorgeworfen: Drogenhandel, wofür ihm in den USA eine Gefängnisstrafe von 10 Jahren bis lebenslang droht; Computer-Hacking (maximal fünf Jahre Gefängnis); Handeln mit gefälschten Identifikationsdokumenten (maximal 15 Jahre) und Geldwäsche (maximal 20 Jahre).

Sollte dies das Ende von Silk Road als Online-Schwarzmarkt sein, so dürfte es in der Tat auch das Ende von Silk Road als vertrauenswürdiger Deepweb-Marke sein. Gleichzeitig hat die Original-Silk-Road und ihr Nachfolger Silk Road 2.0, die die Seite nach dem ersten FBI-Schlag gegen Dread Pirate Roberts triumphal ersetzte, zweifelsfrei bewiesen, dass das Konzept der Deepweb-Markets insgesamt nicht so schnell verschwindet.

Ein virtueller Ort, an dem Nutzer anonym, sicher und weitestgehend außerhalb staatlicher Kontrolle und gesetzlichen Zugriffs handeln können, wird uns also noch länger erhalten bleiben.