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Phantom „Alfonso“: Der Typ, der bei fast jedem Terroranschlag ums Leben kommt

Ob beim Absturz der EgyptAir, dem Amoklauf in Orlando oder dem Anschlag auf den Istanbuler Flughafen—jedes Mal befand sich dieser Mann unter den Todesopfern. Wer steckt wirklich hinter „Alfonso"?

von Johannes Hausen
06 Juli 2016, 11:22am

Der Mann auf dem obigen Foto ist in den letzten sieben Wochen mindestens drei Mal gestorben—das suggerieren zumindest diverse Tweets mit verschiedenen Fotos des Mannes, die nach dem Absturz der Egypt-Air-Maschine (19. Mai), dem Amoklauf im Nachtclub Pulse (12. Juni) und dem Terroranschlag auf den Istanbuler Flughafen Atatürk (28. Juni) von verschiedenen Twitter-Accounts aus abgesetzt wurden.

Dass irgendetwas an „Alfonso"—wie die unbekannte Person in den meisten Tweets genannt wird—nicht stimmt, fiel zunächst Leticia Miranda von Buzzfeed News auf. Durch eine einfache umgekehrte Bildsuche entdeckte Miranda, dass nach dem Flugzeugabsturz von mindestens zwei verschiedenen Twitter-Accounts vermeintliche Familienmitglieder mit unterschiedlichen Fotos nach „Alfonso" suchten. Diese Gesuche wurden von anderen Nutzern geretweetet und mit Trauerbekundungen bedacht. Außerdem tauchte ein Account auf, der „Alfonso" als Profilbild benutzte und ebenfalls nach Angehörigen suchte, die an Board der Maschine gewesen sein sollten. Die Bildersuche zeigte außerdem, dass zumindest eins der Fotos des Mannes von weiteren Twitter-Accounts benutzt wurde, von denen alle spanischsprachig und in Mexiko verortet sind.

„Alfonso" wurde dann nach dem Attentat im Nachtclub Pulse zum Beispiel dafür, wie vorschnell sich auch etablierte Medien bei Breaking News gezwungen sehen, Bildmaterial aus den sozialen Netzwerken aufzugreifen und dann fälschlicherweise für ihre Berichterstattung nutzen. So zeigte die New York Times im Zuge der Berichterstattung zum Amoklauf von Orlando ein Video mit einem Bild von „Alfonso" als vermeintlichem Opfer im Pulse (das Bild wurde mittlerweile aus dem Video entfernt und durch die Erklärung ersetzt, man könne nicht bestätigen, ob der Mann tatsächlich ein Opfer gewesen sei.) In einem noch sehr viel gravierenderen Fall mangelnder Recherche hatten mehrere internationale Medien Ende November 2015 zunächst auf ähnliche Weise das Bild einer Frau aus sozialen Netzwerken verwendet und diese fälschlicherweise als Selbstmordattentäterin von Paris deklariert.

Nur eine Woche nach dem Pulse-Attentat kamen im mexikanischen Asunción Nochixtlán bei Zusammenstößen zwischen streikenden Lehrern und der mexikanischen Polizei mehrere Menschen durch Schüsse ums Leben. Während mexikanische Medien Bilder bewaffneter Polizisten zeigten und diese für die Toten verantwortlich machten, tauchte auf Twitter ein Foto von „Alfonso" auf, mit der Behauptung er habe der Polizei den Schießbefehl gegeben, wie France 24 berichtet. Der französische Auslandsrundfunk startete dann seinerseits eine Recherche zu „Alfonso", nachdem dessen Foto nach dem Anschlag auf den Istanbuler Flughafen am 28. Juni erneut auf Twitter aufgetaucht war und er dieses Mal wieder als vermeintliches Opfer bezeichnet wurde.

Wie France24 erklärt, hätte man verschiedene Twitter-Accounts, die „Alfonsos" Fotos verbreitet hatten, angeschrieben und von allen dieselbe Geschichte erfahren: „Alfonso" sei ihnen persönlich bekannt und er habe sie um verschieden hohe Geldbeträge (1000 US-Dollar sei als höchste Summe genannt worden) betrogen. Handelt es sich bei den unzähligen Gesuchen und Todesmeldungen mit verschiedenen Fotos „Alfonsos" also um eine Art Racheaktion von verschiedenen Personen, die ein und demselben Betrüger aufgesessen waren?

„Dieser Mann war mal mein Freund, aber er hat mindestens vier Leute, die ich kenne, um Geld betrogen. Ich habe sowohl zivile als auch strafrechtliche Anklagen gegen ihn erhoben, aber die Prozesse ziehen sich hin, und er hat uns unser Geld noch immer nicht zurückgegeben. Wir haben entschieden, ihn durch das Posten seines Fotos zu bestrafen. Unser Ziel ist es, seinen Ruf zu ruinieren. Wir wollen, dass die ganze Welt sein Gesicht erkennt", wird einer der vermeintlich Geschädigten zitiert.

Aber würde man es tatsächlich riskieren, mit einer derartigen Online-Rufmord-Kampagne gegen mexikanische Gesetze zu verstoßen, wenn man genau diese gegen seinen Schädiger geltend machen will? Ein Blick auf das Twitter-Profil von Nutzer Perro al-Baghdadi beispielsweise, dessen Egypt-Air-Tweet mit „Alfonsos" Bild sowohl von anderen Nutzern als auch Medien aufgegriffen worden war, legt nahe, dass es sich hier um einen Troll handelt, der nicht nur in Sachen „Alfonso" Falschinformationen verbreitet. Die Tatsache, dass alle von France24 Befragten angeblich eine ähnliche Geschichte erzählt hätten, könnte auch bedeuten, dass sich hinter den verschiedenen Accounts eine einzige Person verbirgt. Perro al-Baghdadi jedenfalls scheint jeden neuen Artikel zum Thema „Alfonso" sichtlich erheitert zu zelebrieren.

Nun behauptet France24 allerdings, sogar den Mann auf den Fotos selbst, tatsächlich ausfindig gemacht und mit ihm gesprochen zu haben. Er habe bestätigt, dass er sich in juristischen Auseinandersetzungen befinde und nun Opfer eines „Pranks" sei. „Ich habe die Leute, die mir das angetan haben, niemals angezeigt, denn in Mexiko passiert in solchen Fällen niemals etwas. [...] Ich habe mehrere Medien wie die BBC und die New York TImes kontaktiert und sie gebeten, mein Foto zu löschen, aber sie haben nie geantwortet."

Wie genau verifiziert werden konnte, dass es sich tatsächlich um die reale Person hinter „Alfonso" handelt, bleibt im France24-Artikel unklar. Und so liegt es im Bereich des Möglichen, dass statt des echten „Alfonsos" auch einer der Trolle mit France24 gesprochen und sich als „Alfonso" ausgegeben haben könnte

Ob man Alfonsos Identität jemals abschließend erklären kann, ist für die Moral von der Geschicht' letztlich unerheblich. Die rasante Verbreitung der verschiedenen „Alfonso"-Fotos zeigt vor allem, wie groß der öffentliche Hunger nach authentischen, persönlichen Bildern nach Unglücken und Terroranschlägen ist—vor allem um ein schwer fassbares und entferntes Ereignis durch persönliche Geschichten mit Identifikationspotential einfacher begreifbarer zu machen.

Dass durch die sozialen Medien die Notwendigkeit, derartige Bilder möglichst schnell präsentieren zu können, sehr viel größer geworden ist, droht gerade bei News-Geschichten dazu zu führen, dass eine Verifizierung der Bilder oft nur oberflächlich und mangelhaft durchgeführt wird. Im Falle von „Alfonso" konnten die Trolle—welcher Art auch immer sie sein mögen—deshalb so erfolgreich sein, weil sie genau diesen Bedarf bedienten und es zusätzlich mit ihren öffentlichen Gesuchen und Trauerbekundungen anderen Nutzern einfach machten, durch das Teilen der Tweets nach den tragischen Ereignissen zu „helfen" und so Zugang zu den abstrakten Geschehnissen zu finden.