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In Hypotopia werden Parks gebaut statt Banken gerettet

Wiener Studenten haben eine utopische Modellstadt auf dem Karlsplatz errichtet, die zeigt, wie schön das Stadtleben mit den 19 Milliarden Euro sein könnte, die die staatliche Rettung der Skandalbank Hypo Alpe Adria kosten wird.
23.10.14
Alle Bilder: Armin Walcher.

19 Milliarden Euro—soviel kostete es, die Hypo Alpe Adria Bank vor dem Konkurs zu retten. Nun haben StudentInnen am Wiener Karlsplatz eine Modellstadt aufgebaut, um zu zeigen, was mit diesem Geld alles getan werden könnte. Willkommen in Hypotopia!

Keine Frage: Hypotopia ist eine sehr lebenswerte Stadt! Auf den Straßen gibt es kaum Autos, dafür massig Fahrräder, Straßenbahnen und sogar zwei Schiffslinien, die die Stadtviertel verbinden. Vom Stadtrand bis ins Stadtzentrum gibt es große Grünschneisen, die Uferzonen des Flusses sind nicht kommerziell genutzt sondern für alle zugänglich. Die Erdgeschosszonen sind in der gesamten Stadt offen geplant und können je nach Bedarf genutzt werden, etwa für Geschäfte, Lokale oder Freiräume. Es gibt einen großen Bahnhof, ein Krankenhaus und sogar eine eigene Brauerei. Die Energieversorung ist autark, etwa durch Sonnenenergie, Windräder, eine Biogasanlage und ein Flusskraftwerk.

Projektpräsentation auf dem Wiener Karslplatz. Alle Bilder: Armin Walcher.

Für Lukas Zeilbauer, einen der Projektverantwortlichen, ging es darum, eine Stadt für Menschen zu konzipieren. „Der Mensch steht im Vordergrund unserer Planung und bildet den wichtigsten Maßstab unserer Stadt" lautet dementsprechend die erste Projektvorgabe: „Wir haben unsere Idealstadt konzipiert. Wir haben etwa die Planung so begonnen, dass wir zuerst die Grünräume festgelegt haben."

„Wir leben in einem System, wo die Gier regiert."

Rund 102.000 Menschen könnten in Hypotopia leben. Doch Hypotopia ist nicht real. Es ist ein Modell im Maßstab 1:100, das Studierende der TU Wien im großen Brunnen vor der Karlskirche am Wiener Karlsplatz aufgebaut haben. Noch sind die Ziegel und das Holz nackt, doch Zeilbauer sagt, dass etwa Graffiti in dieser Stadt sehr willkommen wäre. Auch die Nutzung für Filme oder andere Ideen könnte er sich gut vorstellen. Und tatsächlich haben Kinder bereits die ersten Bäume mitgebracht, die jetzt das Modell verschönern. Die gesamte Stadt tatsächlich zu bauen, würde ziemlich genau 19 Milliarden kosten, komplett mit Grundstücken, Baukosten und Infrastruktur. Und das entspricht genau dem Betrag, den es  kosten wird, die Hypo Alpe Adria Bank zu retten.

Am Anfang stand einer der größten Finanzskandale der Zweiten Republik. In Kärnten war die rechtsextreme Buberl-Partie rund um Jörg Haider an die Macht gekommen. Und nun gab es Brot und Spiele. Teuerungszuschüsse, die nicht etwa überwiesen wurden, sondern beim Herrn Landeshauptmann persönlich abzuholen waren (Vergelt´s Gott!). Ein neues Fußball-Stadion, die Hypo-Arena, die allerdings dummerweise bis heute mangels Bundesliga-Club in Klagenfurt leer steht. Sogar ein  eigenes Kärntner Formel-1-Team sollte in Zusammenarbeit mit dem Minardi-Rennstall entstehen.

All das musste natürlich finanziert werden. Die Großgrundbesitzer und Industriellen in Kärnten waren die besten Freunde vom „Jörgl" und der FPÖ und finanzierten sie auch – da mit Steuern zuzugreifen wäre also ein wenig unpassend gewesen. Doch es gab ja noch eine Bank im Landesbesitz, die Hypo. Die wurde also kurzerhand als blau/schwarz/oranger Bankomat verwendet, wobei ordentlich geschmiert wurde—bis in höchste Kreise wanderten die Kuverts und ein sechseitiges Gutachten war da schon mal 12 Millionen Euro wert. Tatsächlich  wanderte das Geld allerdings an ÖVP und die Haider-Partei FPÖ/BZÖ. Auch einige Großunternehmen vor allem aus dem blau-orangen Umfeld verdienten sich eine goldene Nase.

Im Zuge der Finanzkrise brach das gesamte Kartenhaus allerdings zusammen, die Hypo, die inzwischen mehrheitlich von der BayernLB gekauft worden war, wurde notverstaatlicht. Diese Lösung war für die SteuerzahlerInnen extrem teuer. Es ist umstritten, warum diese Konstruktion gewählt wurde. Als gesichert kann gelten, dass vor allem der Raiffeisen-Konzern davon profitierte, da sonst eigene Haftungen für die Hypo schlagend geworden wären. Und Raiffeisen hat ja  bekanntlich beste Verbindungen zur ÖVP.

Somit übernahm die Republik Haftungen in Höhe von 19 Milliarden Euro. Eine bombastische und gleichzeitig abstrakte Summe, die Studenten für moderne Stadtbewohner nun etwas greifbarer machen wollen. Aus heutiger Sicht wird das Geld tatsächlich fast vollständig ausbezahlt werden müssen, sechs Milliarden sind bereits geflossen.

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Lukas Zeilbauer möchte zusammen mit seinen Kommilitonen von der TU Wien zeigen, was mit dieser enormen Summe eigentlich sonst noch angestellt werden könnte. „19, das klingt doch nicht viel. Doch das wären 6000 Euro für jede Familie im Land."

Sie beschlossen also, eine Stadt zu bauen. Wichtig war ihnen dabei, alles genau und korrekt durchzurechnen. Als Vorbild wurde in vielen Fällen Klagenfurt genommen, etwa bei den Grundstückspreisen oder bei den Kosten für das Stadion von Hypotopia.Und 10.200 Arbeitsstunden, 270 Liter Kaffee und 4759 Krebsstengel später war es soweit, die letzten Arbeiten waren geschafft und Hypotopia war errichtet.

Möglich war das nur, weil alle Leute ehrenamtlich gearbeitet haben und sehr viele Leute begeistert waren vom Projekt. Zeilbauer erzählt, dass in der Planung rund 30 Leute mitgearbeitet haben, beim Aufbau dann ca. 70 HelferInnen. „Teilweise sind Leute einfach auf  unseren Aufruf auf Facebook vorbeigekommen und haben mitgearbeitet."

Die PlanerInnen sind mit den bisherigen Rückmeldungen sehr zufrieden. Der Karlsplatz ist sehr belebt, also wird auch das Modell sehr gut angenommen. Es entwickeln sich vielfältige Diskussionen. Auch während meines Besuchs kommen mehrmals Leute zum Infocontainer und bedanken sich spontan bei den Leuten vom Team. Es entwickeln sich auch immer wieder Debatten rund um die Hypo und ganz allgemein das Wirtschaftssystem, in dem wir leben. Zeilbauer sagt, dass es bei dem Projekt im Kern darum gegangen sei, was die Hypo-Rettung eigentlich bedeutet. Doch für ihn ist die Hypo nur ein Symptom. „Wir leben in einem System, wo die Gier regiert. Eine Veränderung ist nötig. Denn Kapitalismus ist nun mal zerstörerisch."

Hypotopia kann noch bis 30. Oktober am Wiener Karlsplatz besichtigt werden. Es gibt ein umfangreiches Rahmenprogramm.