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Hier kannst du sehen, was Facebook über dich denkt

Zwischen Tentakeln, Riesenpandas und Zahnseide: Facebook denkt, dass dich die seltsamsten Anzeigen interessieren. Du kannst dem System beibringen, dich besser zu verstehen—oder es mit sinnlosen Angaben verwirren.
19.4.16
Bild: Shutterstock

Nein danke, Facebook, ich brauche wirklich kein Recycling-Wohnmobil. Und bevor die nächste Werbekampagne mit personalisiertem Esel-Content auf meinen Kollegen losgelassen wird, darf ich mal festhalten: Das Netzwerk scheint uns und unsere wirklichen Interessen höchstens rudimentär durchdrungen zu haben, obwohl wir schon (rein beruflich natürlich!!1!!) jeden Tag viele Stunden dort ahängen.

Facebook denkt jedenfalls, ich stünde auf eine kasachische Wasserballmannschaft, auf „Berg- und Talbahnen" und auf Schinken. Auf Hauptplatinen, auf Tentakel und auf „Eltern (alle)". Woher ich das weiß? Facebooks Werbeanzeigen-Einstellungen meinen das alles über mich zu wissen—und spülen mir entsprechende Anzeigen in die Timeline.

Du kannst dir dein persönliches Absurditäten-Sammelsurium von auf deinen Interessen basierenden Schlagworten, Firmen, Hobbys und Personen ganz einfach selbst anschauen. Die Ergebnisse sind teilweise so eigenartig, dass auch die überwachungskritische Aktivistin Jillian York darauf aufmerksam wurde und mit ihren Followern die Ergebnisse unter dem Hashtag #facebookadprefs postet. Tatsächlich gibt es keine Garantie, dass du dich darin wiederkennst, wie wir in einem kurzen Selbstversuch erfahren durften.

Ein nur unter dem Siegel der Anonymität frei sprechender Kollege reagiert brüskiert, weil ihm Facebook unterstellt, sich nicht nur für die großen Kunstausstellungs-Hotspots dieser Welt zu begeistern (MoMA PS1, Biennale), sondern sich auch ab und zu im Waschsalon blicken zu lassen und Zahnseide zu verwenden. „Ich bin enttäuscht, wie erst mein kulturelles Kapital und meine Geschmackssicherheit (zeitgenössische Kunst etc.) anerkannt wird und dann am Ende der Liste doch so banale Alltäglichkeiten auftauchen", schmollt er per Slack.

Dabei ist Facebook nur pragmatischer als jedes selbsteingestellte Checker-Interessensprofil: Selbst, wer sich 24 Stunden am Tag mit exaltierten Galeristen Rotwein reinkippt und über abstrakte Raum-Installationen philosophiert, muss irgendwann verkatert lästige rote Flecken aus dem Hemd waschen. Jeder von uns hat eine durchschnittliche Seite!

Ich gebe zu, ebenfalls eine Tendenz zur kulturellen Sebstüberhöhung bei meinen Likes aufzuweisen (habe mir Mühe gegeben, lauter hippe Musikmagazine anzuklicken), aber Facebook durchschaut auch mich einfach gestrickten Menschen gnadenlos. „Schinken und Orangen" würden mein Herz also höher schlagen lassen, und je nach Uhrzeit stimmt das tatsächlich. Das Leben kann so erfrischend einfach sein! Auch mein Musikgeschmack scheint mich als alles andere als treffsicher auszuweisen, zumindest wenn man den Werbevorschlägen Glauben schenken mag:

Ein weiterer Kollege hat den Fehler gemacht, irgendetwas namens „Face" gutzufinden, und bekommt nun eine attraktive Produktauswahl quer durch die menschliche Gesichtsanatomie angeboten (Vom Nasenhaarschneider bis zur Zombie-Kontaktlinse wird sicher irgendwann etwas für ihn dabeisein). Und unserer Wissenschaftsredakteurin unterstellt Facebook in der Sparte Hobby ein verstärktes Interesse an Maßeinheiten, Riesenpandas und Schlachthöfen. Da sind wir doch mal gespannt, was da für Anzeigen raus kommen—zeitgesteuerte Fleischwölfe mit W-Lan nehmen wir selbstredend gern zum Testen entgegen, wenn ich nicht gerade in meinem Tata durch die arabische Welt hustele:

Wie funktioniert dieses seltsame System also? Facebook trifft zunächst eine Vorauswahl und entscheidet über dich basierend auf deinem Alter, Geschlecht, Wohnort und angegebenen Interessen. Für die Anzeigen, die es dir ausspielt, ist aber noch eine Funktion von Relevanz, die Freunde der Privatsphäre nicht ganz so frenetisch begrüßen dürften: Die Werbeanzeigen, die abbilden sollen, was dir wichtig ist, basieren nämlich auf „Informationen aus deinem Profil sowie Handlungen auf und außerhalb von Facebook". Heißt im Klartext: Facebook spioniert dich über Tracker und Widgets auch auf allen Websites aus, die du außerhalb des sozialen Netzwerks besuchst.

Zum Schluss noch ein Tipp: Solltest du etwas aus Facebooks Werbeanzeigen-Gedächtnis löschen wollen, kannst du das sehr einfach tun. Du gelangst hinter diesem Link zu einer personalisierten Liste deiner Interessen, wo du deine absolut irrelevanten Neigungen für immer mit einem Klick auf das Kreuz neben dem Eintrag aus deiner Kategoriensammlung entfernen kannst.

Auch hier bleibt der Facebook-Algoritmus ein Mysterium: Wie errechnet Facebook eigentlich, wer unsere Top-Freunde sind?

Doch das funktioniert leider nur in manchen Fällen: Hast du zum Beispiel wirklich keinen Bock mehr auf Cricket-Anzeigen (zweifelsfrei der langweiligste Sport der Welt), findest aber Fußball gut, könnte es sein, dass du immer noch mit Cricket-Schlägern im Sonderangebot bombardiert wirst, wenn der Werbetreibende alle Sport-Fans beackern will (Werbemenschen nennen das in wunderschön militarisierter Sprache „targeting").

Bevor du jetzt also manisch alle kleinen Kreuze von oben nach unten wegklickst, sei gewarnt: Werbung gibt es trotzdem. „Wenn du alle deine Einstellungen entfernst, werden dir dennoch Werbeanzeigen angezeigt. Diese könnten allerdings weniger relevant für dich sein.", heißt es bei Facebook. Und auch die Tracker werden dich weiter quer durchs Netz verfolgen.

Den Tentakeln der Werbung entkommt also niemand auf Facebook—aber du kannst zumindest dafür sorgen, dass Facebook dir entweder noch genauer auf deine Persönlichkeit zugeschnittene Anzeigen ausspielt oder das System durch sinnlose Angaben verwirren. Dann darfst du dich aber auch nicht mehr über Cricket-Anzeigen wundern.