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Champions League

Champions-League-Trophäen made in Turkey sind ein todsicheres Geschäft

Wir haben einen Typen getroffen, der für bis zu 1000 Euro gefälschte Henkelpötte vertickt. Zielgruppe? Betrunkene Fußball-Fans natürlich!
5.1.16
Photo by PA Images

Die Dinger waren wahrlich nicht zu übersehen: Nachbildungen der Champions-League-Trophäe, eingepackt in großen IKEA-Tüten, wanderten mitten in der Rush Hour durch die engen und überfüllten Gänge eines Regionalzugs irgendwo zwischen St. Pancras und Nottingham. Und der Typ, der sie hinter sich her zog, kam ordentlich ins Schwitzen—offensichtlich das Ergebnis ehrlicher Arbeit. Oder vielleicht doch nicht.

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Darren (seinen Nachnamen habe ich leider nie erfahren; ich wäre mir allerdings nicht einmal sicher, ob das überhaupt sein richtiger Vorname ist) und mein Weg kreuzten sich nur für wenige Stunden unseres Lebens, und zwar bis unser Zug in Nottingham einfuhr. Dennoch gehört er zu den Menschen, die man nicht so schnell vergessen wird. Er ließ sich in den Sitz gegenüber von mir fallen, verstaute seine komische Ladung und quetschte dann seinen stämmigen Körper zwischen Tisch und Sitz. Ich las gerade ein spannendes Buch und machte mir dazu Notizen, und weil sich meine Lust auf unnötigen Körperkontakt in Grenzen hielt, rutschte ich einen Platz weiter nach rechts.

Sicherheitshalber setzte ich dann auch noch mein schönstes Schon-OK-dass-du-hier-sitzt-aber-bitte-sülz-mich-nicht-voll-Gesicht auf. Sollte aber nicht nutzen. Denn kaum sah er, dass ich ein Buch über die englische Trainerlegende Brian Clough las, meinte er:

„Der alte Cloughie, ja? Ein absolutes Genie. Ich meine, er hat es einfach mal geschafft, mit Nottingham zweimal den Landesmeisterpokal zu holen. Für so einen kleinen Verein eine echt tolle Leistung. Also nichts für ungut…"

„Kein Problem, ich bin kein Forest-Fan."

„Ah okay. Für welchen Verein schlägt denn dein Herz? Ich bin übrigens Darren."

„Hey Darren. Ich bin Scott. Und die Antwort lautet Liverpool."

„Noch besser."

„Wie meinst du das?"

„Na was die Erfolge auf europäischer Ebene betrifft."

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Und schon ging's los. Sofort kamen wir auf Tommy Smith' Hammer-Kopfball im Finale des Landesmeisterpokals 1977 in Rom gegen Borussia Mönchengladbach zu sprechen, schwärmten gemeinsam über Alan Kennedys spielentscheidende Tor 1981 in Paris, als die Reds im Finale um die europäische Krone Real Madrid mit 1:0 besiegten. Und auch Dudeks Heldentaten im Champions-League-Finale 2005 gegen den AC Mailand wurden nicht ausgespart. Wo ich eben noch in ein nerdiges Buch vertieft war, hatte ich plötzlich nur noch Augen und Ohren für meinen FC Liverpool. Dann erzählte mir Darren, dass er 2005 und 2007 anlässlich des CL-Finales in Istanbul und Athen war. Er senkte seine Stimme und flüsterte mir zu: „Ich war dort aber nicht als Fan, sondern aus geschäftlichen Gründen."

Dann nahm er einen dieser Pokale aus der Tüte, nachdem er vorher geheimniskrämerisch über die Schulter geblickt hatte, und plötzlich—endlich!—fiel der Groschen, warum er mich in ein Gespräch über Fußball und den FC Liverpool verwickelt hatte. Als ich den heiligen Gral eines jeden Champions-League-Fans in den eigenen Händen hielt, hätte ich schwören können, dass das Ding echt war. Und genau das erzählte er auch den etwas leichtgläubigeren Zeitgenossen—wie er mir später zugab—, wenn er mal wieder pünktlich zum Finale der Königsklasse irgendwo in Europa sein Verkaufstalent unter Beweis stellt. Die Nachbildungen verkauft er dann für 200 bis 800 Pfund das Stück, abgängig vom Alkoholpegel seiner Kunden.

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Er erzählte mir, dass für ihn alles 1999 mit dem Last-Minute-Sieg von Manchester United im CL-Finale gegen Bayern München begann. Ein Kumpel von ihm, gewissermaßen wohl das Mastermind hinter dieser Business-Idee, verdiente dank Solskjaers Tor zum 2:1 in kurzer Zeit fast 5.000 Pfund durch den Verkauf von Replica-Pokalen. Einfach alle in Manchester wollten damals auch mal den Pokal in den Händen halten. Darum hat auch Darren neben seiner Tätigkeit als Koch begonnen, hier und da ein paar dieser Pokale an den Mann zu bringen: erst nur in Großbritannien, dann auch in Amsterdam. Bis das Finale in Istanbul anstand und Darren entschied, sein Glück in die Waagschale zu werfen. Er orderte über 50 Trophäen made in Turkey, verzichtete von da an auf Mittelsmänner und ließ sich die Henkelpötte an strategisch günstige Orte quer in Europa verteilt—Madrid, Milan, Amsterdam und Liverpool—schicken, wo sie in Lagerräumen unterkamen. „Kein' Plan, wie die drei besoffenen Clowns in Istanbul, denen ich jeweils einen Pokal andrehen konnte, die Dinger heil nach Hause bringen wollten. Handgepäck war das auf jeden Fall nicht. Aber hey, ich habe einfach mal in 20 Minuten 1.800 Pfund gemacht", erzählte mir Darren kichernd.

Aber am besten lief es einmal in Glasgow, obwohl die mit dem CL-Finale traditionell nicht wirklich viel zu tun haben, wie er mir verriet. „Ob du's glaubst oder nicht", kicherte er eifrig weiter. „Ich habe reihenweise Celtic-Fans kennengelernt, die in einem Drecksloch wohnen, nichts außer Bier im Kühlschank haben, aber ihr letztes Hemd dafür geben würden, einen Champions-League-Pokal auf ihrer Glotze stehen zu haben. Und denen konnte ich die Dinger für mehr Geld verticken als den Schnöseln in scheiß Mailand. Würde mich nicht überraschen, wenn die auch noch mit meinen Pokalen Sternfahrten durch Glasgow machen!" Ich sah ein, dass der Samariterpreis wohl nicht mehr an meinen Darren gehen würde.

Doch anscheinend wirkte ich ziemlich mitgerissen. Denn plötzlich versuchte er, mich mit ins Boot zu holen, indem er mir genau erklärte, wie man am besten vorzugehen habe: Am großen Finaltag sollte man natürlich rechtzeitig in einschlägigen Fankneipen aufschlagen, sich dort mit mindestens einem Pokal im Schlepptau unters Volk mischen und ruhig ein paar Runden schmeißen. Dann soll der Pokal ganz nonchalant in den Händen des ersten Fans landen und darf dann gerne rumgereicht werden, um den natürlichen Jagdinstinkt zu wecken. Am Ende darf man gerne versuchen, die mitgebrachte(n) Trophäe(n) gleich vor Ort zu verkaufen, auf jeden Fall aber müssen so viele Visitenkarten wie möglich verteilt und die Nummern von potentiellen Kunden notiert werden. „Stichwort", sagte er mir mit seinem schönsten falschen Lächeln, „ich habe natürlich auch eine für dich, falls du Lust bekommen hast, mit einzusteigen…"

„Man darf aber selber nicht zu viel trinken", riet er mir und zeigte dann ein Foto von sich zusammen mit Ultras von Feyenoord Rotterdam und einem CL-Pokal. Mit denen habe er nach eigener Aussage kräftig einen gehoben und auch geraucht, um den Verkauf am „Standort Amsterdam" anzukurbeln. Leider war er irgendwann so bekifft, dass er seine Schlüssel verloren hat—darunter auch den zu dem angemieteten Lagerraum, wo er 22 seiner Schätze aufbewahrte. Der war dann am nächsten Tag komplett ausgeräumt.

Aufgrund der Tatsache, dass in den letzten Jahren doch immer wieder dieselben Mannschaften den Titel unter sich ausgemacht haben, habe er echt Schwierigkeiten, neue Märkte zu erschließen, beschwerte er sich. Vorbei die Zeiten, als auch noch Vereine wie der FC Porto (1987 und 2004), Olympique Marseille (1992), Roter Stern Belgrad (1991) oder Steaua Bukarest (1986) die Königsklasse gewinnen konnten.