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Berlin

Was es bedeutet, mit 8.000 beleuchteten Ballons der Berliner Mauer zu gedenken: Christopher Bauder im Interview

Wir haben den Mann hinter der Lichtgrenze gefragt, wie man eine 15,3 Kilometer lange Installation durch die komplette Berliner Innenstadt realisiert.

von Johannes Hausen
27 Oktober 2014, 6:29pm

Foto: Christopher Bauder im Studio seiner Firma WHITEvoid (© Marc Bauder)

Christopher und Marc Bauder kommen vom Bodensee. Sie waren 1989 noch keine 18 Jahre alt. Trotzdem hat sie der Mauerfall damals so bewegt, dass sie sich seitdem intensiv mit der deutsch-deutschen Geschichten auseinandersetzen. Die Zusammenarbeit der Brüder findet dieses Jahr anlässlich des 25. Mauerfalljubiläums einen vorläufigen Höhepunkt: Ihre gemeinsam entwickelte Installation Lichtgrenze wird für ein Wochenende lang mit 8.000 beleuchteten Ballons auf einer Strecke von 15,3 Kilometer den Originalverlauf der Berliner symbolisieren. Wir haben mit Lichtkünstler und Designer Christopher Bauder über das Mammutprojekt gesprochen, das er gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder und Filmemacher Marc auf die Beine gestellt hat.

>> Weitere Hintergrundinformationen zur Lichtgrenze und der großen Ballonaktion am 9. November findet ihr hier

Foto: Christopher und Marc Bauder mit den Carbonstelen der Lichtgrenze im Lager von WHITEvoid (© Frank Ebert)

The Creators Project: Ihr hattet die Idee zur Lichtgrenze bereits 2011. Kannst du kurz skizzieren, wie sie sich bis zur diesjährigen Installation entwickelt hat?

Christopher Bauder: Eigentlich hatten wir die Idee bereits zum 20. Mauerfalljubiläum [2009]. Wir haben uns schon sehr früh mit der deutsch-deutschen Geschichte auseinandergesetzt. Ich war damals direkt nach dem Mauerfall als Schüler mit meiner Klasse in Berlin. Es war faszinierend, wie unterschiedlich Ost und West aussahen. Genauso fasziniert war ich allerdings auch, als ich acht Jahre später nach Berlin gezogen bin, und von der Mauer so gut wie nichts mehr zu sehen war. Wir dachten, man müsste zum Gedenken an die ehemalige Mauer etwas Temporäres erschaffen, das die Dimensionen des Bauwerks auch physisch zurück in die Stadt holt.

Wir wollten dabei aber einen Kontrast zur Größe, Schwere und Härte der ehemaligen Mauer schaffen. Also etwas ganz Leichtes, das am besten nur aus Licht und Luft besteht. Etwas mit natürlicher Anziehungskraft, sozusagen buchstäblich auf Augenhöhe der Berliner. Es sollte auf alle Leute wirken, unabhängig ihrer Beziehung zur Mauer oder der deutschen Geschichte. Die ursprüngliche Idee bestand darin, einfach ein paar Ballonpaten Ballons mit LED-Lichtern in die Hand zu geben. Sie sollten sie dann für 28 Minuten halten–eine Minute für jedes Jahr, in dem die Mauer stand–und anschließend fliegen lassen. Die ganze Aktion hätte nicht mal einen kompletten Abend in Anspruch genommen und wäre hauptsächlich durch die Menschen der Stadt selbst getragen worden.

Christopher Bauder & Robert Henke (Monolake) - Atom (2009)

Die Lichtgrenze ist bei weitem nicht die erste Installation, für die du beleuchtete Ballons einsetzt. Vor fünf Jahren hast du zum Beispiel mit Robert Henke (aka Monolake) die 60-minütige Performance Atom entwickelt, bei der mit 64 Ballons, die von LEDs beleuchtet werden, die Atome eines komplexen Moleküls simuliert werden. Verwendest du für die Lichtgrenze ähnliche Ballons?

Von genau dieser Installation sind die Ballons der Lichtgrenze inspiriert worden. Wir produzieren diese Art von Ballons schon seit acht Jahren. Ich habe früh angefangen, mit Licht und Ballons zu experimentieren und schnell Gefallen daran gefunden. Und ich stellte die Faszination fest, die die Leute dafür haben. Jeder mag auf gewisse Weise Ballons und Licht hat diese magische Anziehungskraft. In Kombination ist das natürlich unschlagbar. Die Ballons aus Naturkautschuk, die wir jetzt für die Lichtgrenze verwenden, sind das gleiche Fabrikat. Der Gedanke, die Installation dann aber über mehrere Tage laufen zu lassen, hat der ursprünglichen Idee der Lichtgrenze natürlich noch einmal eine ganz andere Richtung gegeben. Der Schwierigkeitsgrad der Aufgabenstellung war extrem angewachsen. Auf einmal brauchten wir etwas Stabiles, das Wind und Wetter im November drei Tage lang trotzt, die gesamte Zeit leuchtet und dann aber auch am Ende der Installation leicht und locker davon fliegt. Außerdem mussten sich Auf- und Abbau unkompliziert realisieren lassen. Aus diesen Gründen unterscheidet sich die Lichtgrenze eigentlich radikal von allem, was wir jemals vorher gemacht haben.

Es gibt im Vorfeld der Aktion auch kritische Stimmen, was die Umweltfreundlichkeit der Lichtgrenze angeht. Wie umweltfreundlich sind die Ballons? Wie lange dauert es, bis sich das Material zersetzt hat?

Die Ballons sind zu 100% biologisch abbaubar. Sie zersetzen sich ähnlich wie Eichenblätter durch Umwelteinflüsse wie UV-Licht und Regen. Wir gehen davon aus, dass es etwa acht Monate dauert, bis sich die Materialien vollständig zersetzt haben. Wir haben uns da wirklich sehr viele Gedanken gemacht. Zum Beispiel haben wir die Verschlüsse, die wir benötigen, um den Ballon oben an der Stele in den Mechanismus einzuhängen, von einem extra dafür eingerichteten Forschungsprojekt der Uni Hannover herstellen lassen. Sie wurden so entwickelt, dass sie sich ähnlich wie die Ballons durch Umwelteinflüsse zersetzen. Wir konnten nämlich keine Materialien finden, die so ausgereift sind, dass sie sich wirklich vollständig kompostieren. Es gibt kein anderes Material, was den Ansprüchen unserer Installation gerecht wird. Natürlich kann man immer etwas Negatives finden, wenn man lange genug sucht. In diesem Zusammenhang muss ich sagen, dass Kunst schon immer auch ein bisschen Verschwendung war.

Foto: Die fertiggestellten Stelen im Lager von WHITEvoid

Ihr habt mittlerweile über 8.000 Carbonstelen im Lager stehen. Wie wurden die produziert und welche Eigenschaften haben sie, die sie für einen Einsatz für die Lichtgrenze prädestinieren?

Wir haben insgesamt anderthalb Jahre gebraucht, um die jetzige Form der Stelen zu entwickeln. Jede Stele besteht aus über 40 verschiedenen Einzelteilen, die in 18 verschiedenen Ländern produziert wurden. Man kann hier wirklich von einem weltweiten Projekt sprechen. Zusammengebaut wurden die Stelen in den DRK Behindertenwerkstätten in Potsdam. Ein Projektleiter von uns hat zusammen mit den Werkstattleitern die geistig Behinderten, die dort arbeiten, mehrere Tage in der Montage der Stelen geschult. Wir waren vom besonderen Arbeitsklima vor Ort wirklich begeistert und haben bei der Zusammenarbeit mit anderen Werkstätten noch nie ein so zielgerichtetes Arbeiten erlebt. 

Wir haben uns für Kohlenstofffaser als Hauptmaterial der Stelen entschieden, weil es leicht und stabil ist. Kein anderes Material erlaubt es, so dünne Rohre herzustellen, die gleichzeitig hart und flexibel sind. Am oberen Ende der Stange befindet sich ein Kunststoff-Trichter mit einem Spannmechanismus, an dem die Ballonverschlüsse eingerastet werden. Über ein Stahlseil sind die Verschlüsse mit einem Hebel am Fuß der Stele verbunden. Wenn man den Hebel zieht, öffnet sich der Spannmechanismus und löst den Ballonverschluss, so dass der Ballon wegfliegt. Der Fuß der Stelen wird mit ca. 18 Litern Wasser befüllt, um die Stelen zu beschweren. Insgesamt wiegt dann jede Stele 23 Kilo. Der Tank ist mit einem Spezialschlüssel gesichert, um Vandalismus zu vermeiden. Eine Stele einfach wegzutragen, dürfte also ziemlich schwierig werden.

Was passiert mit den Stelen nach der Installation?

Die Stelen werden nach der Installation in derselben Werkstatt auch wieder recycelt. Die Werkstatt ist darauf spezialisiert und recyclet bereits andere Materialien wie z.B. Computer-Hardware. Alle Stelen werden also wieder in ihre Einzelteile zerlegt. Natürlich werden wir auch einige Exemplare behalten und für andere Zwecke nutzen.

Foto: Die fertiggestellten Stelen im Lager von WHITEvoid

Wie lange werden die Ballons, nachdem die Ballonpaten sie von den Stelen gelöst haben, noch beleuchtet sein? Wie weit werden die Ballons fliegen?

Das kommt vor allem auf den Wind an. Die an den Stelen befestigten LED-Lichter werden die Ballons noch etwa drei bis vier Meter weit anleuchten, ja nachdem wie gerade sie aufsteigen. An den prägnanten Stellen der Installation, wie dem Brandenburger Tor, dem Checkpoint Charlie oder dem Mauerpark, werden die Ballons zusätzlich noch etwas nachgeleuchtet. Man wird hier die Ballons noch etwa zehn Minuten sehen können. Wie weit die Ballons fliegen, hängt neben Wind und Temperatur vor allem von den am Abend des Aufstiegs herrschenden Luftdruckverhältnissen ab. Manchmal werden Ballons durch Fallwinde auch sehr schnell wieder runtergedrückt. 8.000 Ballons, verteilt auf eine Strecke von über 15 Kilometern, sind übrigens keine besonders große Menge. Bei anderen Massenaufstiegen ist die Konzentration wesentlich höher.

Wie ist die Zahl von 8.000 Ballons denn letztendlich zustande gekommen? Werden für die Lichtgrenze Straßen gesperrt?

Wir wollten ursprünglich sogar alle 42 Kilometer der Berliner Mauer nachstellen. Allerdings wurde schnell klar, dass das kostentechnisch und logistisch zu anspruchsvoll wäre bzw. wir in sehr unwegsame Gebiete vorgestoßen wären. Gemeinsam mit Kulturprojekte Berlin und der Havemann-Gesellschaft |mit denen die Lichtgrenze realisiert wird] haben wir dann entschieden, nur den Verlauf innerhalb des S-Bahn-Rings nachzustellen. Also die 15,3 Kilometer lange Strecke, die die zentrale Teilung der Stadt bedeutete. Per Computersimulation fanden wir heraus, dass die optische Ästhetik der Lichtgrenze unter Berücksichtigung der Größe der Ballons und Höhe der Stelen bei einem Abstand von 2,50 Meter zwischen den Stelen am besten zur Geltung kommen würde. Natürlich mussten wir auch sicherstellen, dass sich die Ballons bei starkem Wind nicht gegenseitig berühren und im Notfall auch Einsatzfahrzeug die Lichtgrenze problemlos passieren können.

Foto: Daniel Büche

Am Abend des 9. November werden alle 8.000 Ballons mit den persönlichen Botschaften der Ballonpaten in den Berliner Nachthimmel steigen. Wie wird diese Ballonaktion genau ablaufen? Wie werden die Ballons von den Stelen gelöst?

Die verschiedenen Abschnitte entlang der Lichtgrenze sind verschiedenen Gruppen von Ballonpaten zugewiesen. Nach dem Haupt-Startschuss am Brandenburger Tor, den wahrscheinlich Angela Merkel übernehmen wird, bekommen alle anderen Gruppen gleichzeitig den Startschuss, um die Ballons loszulassen. Es findet eine Art Kettenreaktion statt. Jeder Ballonpate hat einen kleinen Knopf im Ohr, über den die Aktion synchronisiert wird, und bekommt kurz vorher einen speziellen Schlüssel. Nur mit diesem Schlüssel lässt sich der Ballon von der Stele lösen. Wir rechnen damit, dass es zwischen zehn und zwanzig Minuten dauern wird, bis tatsächlich alle Ballons aufgestiegen sind.

Wo werdet ihr selbst zum Zeitpunkt des Ballonaufstiegs sein?

Wahrscheinlich werden wir an dem Abend überall und nirgendwo unterwegs sein. Bestimmt auch am Brandenburger Tor, obwohl es eher unser Wunsch ist, an einer eher ruhigen Stelle zu stehen und den Moment mit unserem Team genießen zu können. Für uns ist das Aufstiegs-Event der Schlusspunkt dieser Ausstellung im öffentlichen Raum. Ein stiller Moment, in dem sich alles auflöst. Sozusagen der Schlussakkord, mit dem dann alles vorbei ist.

Foto: Daniel Büche