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Wie der Kapitalismus den Traum vom ewigen Leben befeuert

Ein neues Buch lädt zur Reise durch die Welt der Transhumanisten ein. Es zeichnet ein ausführliches und spannendes Portrait der exzentrischen Bewegung – und ignoriert doch ein wichtiges Detail.

von Max Read
04 April 2017, 9:41am

Im Transhumanismus dreht sich alles um das ewige Leben. Die Anhänger der Bewegung wollen durch Technologie die biologischen Grenzen verschieben und länger leben – sei es in ihrem eigenen Körper, oder auch in einer anderen Form. Doch die Idee des ewigen Lebens ist nicht nur eine praktische, sondern auch eine philosophische Frage. Um sie zu beantworten, geht es an die großen Themen der Menschheit: Was ist der Sinn des Lebens, was bedeutet Bewusstsein? In seinem neuen Buch To Be a Machine macht sich der Autor Mark O'Connell auf, die Bewegung der Transhumanisten zu erforschen – inklusive aller eigentümlichen, unerwarteten und spannenden Fragen, die ihre Mitglieder aufwerfen.

Einer der Protagonisten von O'Connells Buch ist Roen Horn, ein langhaariger junger Dokumentarfilmer, der Ende 2015 zusammen mit dem transhumanis­tischen US-Präsidentschaftskandidaten Zoltan Istvan in einem sargförmigen Wohnwagen durch die USA reiste. Horn hat eine klare Meinung zum Tod: „Ich kann mir nichts Beschisseneres vorstellen, als tot zu sein", wird er im Buch zitiert. Eine Position, die gar nicht so außergewöhnlich klingt – und doch akzeptieren wir den Tod als unausweichlich. Doch während der Gedanke an den Tod die meisten von uns zu Banalitäten wie gesunder Ernährung, Sicherheitsgurten und kleinen Panikattacken verleitet, begegnen Horn und seine Transhumanisten-Kollegen dem Tod mit Wissenschaft und Technologie. Ihr Ziel: Das biologische Lebensende entweder aufzuschieben oder komplett abzuschaffen. „Ich will einfach für immer Spaß haben", sagt Horn, der Vegetarier ist und auf Alkohol verzichtet. „Ich bin eigentlich ein totaler Hedonist."

„Was sagen Sie Leuten, die Ihnen vorwerfen, Sie wollten Gott spielen?" – „Ich würde dem zustimmen."

Es dürfte kaum verwundern, dass Horn nicht der einzige Exzentriker innerhalb dieser kleinen, aber finanziell gut aufgestellten Bewegung ist. O'Connells Buch ist dann am besten, wenn er witzige und mitfühlende Porträts von Möchtegern-Unsterblichen und quasi-religiösen Käuzen zeichnet, die er in den USA und Europa interviewt hat. Da ist Max More, ein muskulöser Rotschopf und früherer Transhumanist, der jetzt Alcor betreibt, eine Firma für Kryokonservierung in Arizona. Alcor verwahrt die tiefgefrorenen Überreste des Ex-Freundes von Mores Frau. In Kalifornien trifft der Leser dann Nate Soares, der einen bequemen Google-Job verlassen hat, um am Machine Intelligence Research Institute der University of California in Berkeley zu forschen. Er will sich gegen künstliche Intelligenz engagieren, die er als unkontrollierbar und destruktiv für die Menschheit einschätzt. Soares erzählt O'Connell, er sei überzeugt, dass blutrünstige Superintelligenz „der Scheiß [ist], der [ihn] mal umbringt". Woraus seine Forschungsarbeit besteht, ist nicht ganz klar, doch sie beinhaltet offenbar viele Interviews mit Menschen, die apokalyptische Prophezeiungen von sich geben. Den unterhaltsamen Höhepunkt des Buches bildet wohl der Roadtrip von Horn und Istvan, die O'Connell ein Stück weit begleiten darf. „Was sagen Sie Leuten, die Ihnen vorwerfen, Sie wollten Gott spielen?", fragt der Moderator eines kleinen lokalen Nachrichtensenders irgendwo in den USA. „Ich würde dem zustimmen", entgegnet Istvan trocken.

O'Connell, der als Kolumnist für Slate schreibt, ist ein witziger und charmanter Reiseführer durch die Welt des Transhumanismus gelungen. In seinen Beschreibungen lässt er sich allerdings oft zu sehr von der Dramatik mitreißen, die den Versprechen seiner Anhänger innewohnt. Doch sein Auge für menschliche Details – eine Pistazie, die in den Hemdausschnitt eines selbstgefälligen Geschäftsmanns fällt, der „ganz unternehmerisch drei bis vier Knöpfe geöffnet" ist – gibt der Erzählung eine Bodenständigkeit, die eine rein wissenschaftliche Darlegung des Transhumanismus nicht liefern könnte.

Es ist gut, dass die Transhumanisten so interessant sind, denn ihre Ideen – kryogenische Verwahrung toter Körper, Bewusstseinsupload, kybernetische Implantate – wirken oft nur wie eine fade Mischung aus klassischem Science-Fiction und Silicon-Valley-Ideologie. Da wären zum Beispiel solche Transhumanismus-Verfechter, die Reiche und Naive erfolgreich davon überzeugen, es sei sinnvoller, Geld zu spenden, um die hypothetische KI-Apokalypse abzuwenden, als mit dem Geld den Menschen der Gegenwart zu helfen. Auch fällt es schwer, Menschen wie den rauschebärtigen Aubrey de Grey ernst zu nehmen, wenn er ruft: „Mit jedem Tag, den ich den Tod zurückdränge, rette ich hunderttausend verdammte Leben! Das sind 30 elfte September pro Woche!"

Dass dem Transhumanismus etwas von Abzocke anhaftet, ist wenig überraschend. Viele der Akteure sind auf private Geldgeber oder hohe Umsätze angewiesen. Und wenn mich etwas an O'Connells Buch stört, dann genau das: Es spricht nicht genug vom Geld, das die Transhumanisten bewegt.

Zwei Männer erwähnt O'Connell immer wieder in To Be a Machine: Elon Musk, den Gründer von Tesla, und Peter Thiel, den Facebook-Investor. Beide sind Milliardäre und spenden großzügig an  transhumanistische Gruppen. Ohne ihre Investitionen wären die Hohepriester der Bewegung wohl kaum so flüssig. Doch sowohl Musk als auch Thiel erscheinen hier nur als stille Geldgeber im Hintergrund. Dass eine Randgruppe wie diese so reiche, prominente Unterstützer hat, ist bemerkenswert. Auch wäre es sinnvoll zu untersuchen, welche philosophischen und politischen Grundsätze Musk und Thiel zum Transhumanismus gebracht haben. Wie O'Connell richtigerweise schreibt, sind die Probleme, auf die sich die Bewegung konzentriert – die menschliche Fragilität und die Angst vor dem Tod – so alt wie die Menschheit selbst. Neu ist die kapitalis­tische Konstellation, in der es zu diesem Kreuzzug und seinen speziellen Lösungen kommt. Mindestens seit Gilgamesch streben Menschen danach, Leid zu lindern und den Tod zu überwinden. Wir haben Geld für Ersteres. Warum also wird es stattdessen für den unmöglichen Traum von Letzterem ausgegeben?

Dieser Artikel stammt aus der VICE-Ausgabe „The Future of Technology". Alle Artikel der Ausgabe findet ihr hier.