Popkultur

Warum ich einen Mann suche, der kleiner ist als ich

Deutsche wollen Beziehungen auf Augenhöhe – aber größentechnisch soll der Mann auf die Frau herunterschauen. Dabei könnte es sein, dass kleine Kerle die besseren Partner sind.

von Christine Kewitz
28 Februar 2017, 11:18am

Illustration: imago | Arkivi

"Dein Freund ist kleiner als du? Ich weiß ja nicht, ob ich das könnte …" Diese Aussage stammt nicht aus den frühen 50er Jahren, sondern vom letzten Wochenende. So reagierte eine Freundin von mir auf die Beziehungsnews einer Bekannten. Diesen Satz habe ich häufiger in Bars, Cafés und auf Mädelsabenden gehört – und er lässt mich, eine Frau von 1,75 Metern, daran zweifeln, in welchem Jahrhundert wir leben.

In meinem ganzen Bekanntenkreis gibt es ein einziges Paar, bei dem die Frau größer ist als der Mann – und bei den beiden ist der Unterschied wirklich minimal. Und ich gestehe: Ich habe mich schon selbst bei dem Gedanken erwischt, ob ich einem fünf Zentimeter kleineren Typen überhaupt eine Chance geben sollte. Ich weiß, dass unsere Idealvorstellung, dass sich die Frau an die Schulter des Mannes anschmiegt und ihre Stirn in seine Achselhöhle drückt, nach den Moralvorstellungen aus der Zeit von Jane Austen riecht. Trotzdem ließ ich bei jedem Date aus Rücksicht die hohen Schuhe im Schrank.

"Dass der Mann größer sein soll als die Frau, hat keinen wirklichen Vorteil", so Gert Stulp, Soziologe an der Universität Groningen, zu VICE. Er beschäftigt sich in seiner Forschung mit der Frage, inwiefern die Attraktivität mit der Größe eines Menschen zusammenhängt. Stulp befragte 650 Studentinnen und Studenten aus Deutschland und den Niederlanden und fand heraus, dass sich beide Geschlechter einig waren: Der Mann sollte größer sein. Die männlichen Befragten fühlten sich in perfekt harmonischer Partnerschaft, wenn sie die Frau um acht Zentimeter überragten, die Frauen standen sogar auf einen 21 Zentimeter größeren Freund. "Ich denke, es ist ein Ausdruck kultureller Prägungen", sagt Stulp. "Die Körpergröße steht für Männlichkeit, genauso wie Brüste und Hüften für das Weibliche stehen. Das ist ein altes Phänomen. Fast schon anachronistisch."

Willkommen in der beschränkten Welt, in der wir einerseits mit unserem schwulen besten Freund feiern, dass bei GNTM Transgendermodels über den Laufsteg wackeln, uns aber gleichzeitig an jahrhundertealten Mustern orientieren: Der Mann schaut von oben auf seine Freundin herab und sie fühlt sich beschützt. Dabei sind wir in anderen Bereichen schon viel emanzipierter: Männer putzen, nehmen Elternzeit und der Gender-Gap in der Bezahlung ist zwar noch nicht aufgehoben, aber immerhin Diskussionsthema. Wir wollen Beziehungen auf Augenhöhe – aber körperlich soll der Mann trotzdem auf die Frau herabschauen.


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Dabei würde es sich vielleicht sogar lohnen, darüber nachzudenken, ob Kerle, die unbedingt eine kleinere Freundin haben wollen, so eine gute Wahl sind. Bereits im Jahr 1954 fand der Psychotherapeut und Sexologe Hugo Beigel in einer Studie heraus, dass Männer, die ausschließlich kleinere Frauen daten, oft unter Minderwertigkeitskomplexen leiden. Und oft hat ein kleinerer Mann viel mehr Größe, weil es mehr Mut erfordert, eine hochgewachsenere Frau anzusprechen, schreibt die 1,84 Meter große Fredi Ferkova bei VICE. "Weil der kleinere Typ davon ausgeht, dass das größere Mädchen einen noch größeren Prinzen will."

Dabei sollten gerade Frauen, die etwas Langfristiges suchen, über eine Partnerschaft mit einem kleinen Mann nachdenken. Kleine Männer heiraten laut den Soziologen Abigail Weitzman und Dalton Conley zwar seltener und auch später, lassen sich aber auch nicht so oft scheiden. Möglicherweise liegt das daran, dass die kleineren Männer treffsicherer wählen, vermuten die Wissenschaftler. Außerdem vögeln sie weniger herum: Männer unter 1,64 Metern haben im Schnitt neun Sexpartnerinnen, größere dagegen um die zwölf, so eine Onlinestudie, die zwei US-Psychologen mit über 60.000 Teilnehmern durchgeführt haben.

Es könnte zwar passieren, dass kleine Männer einen Komplex wegen ihrer Größe haben. "Viele kleine Männer sind machtorientiert und sexistisch, um ihren 'Makel' zu kompensieren", sagt Rolf Pohl, Sozialpsychologe an der Leibniz Universität Hannover, zu VICE. "Man denke nur an Berlusconi, Putin oder den frühen Sarkozy." Aber dieses Risiko muss man bei jeder Körpergröße in Kauf nehmen. Und im Übrigen war Napoleon, der dem Komplex des kleinen Mannes den Namen gab, gar nicht so klein, sondern zwischen 1,68 und 1,70 groß – und damit höher als der Durchschnittsfranzose zu seiner Zeit.

Aus mir und dem 1,70-Meter-Mann ist übrigens doch nichts geworden, allerdings nicht wegen seiner Größe. Die ist mir nach dem zweiten Treffen nämlich gar nicht mehr aufgefallen. Aber nach der Größendiskussion vom letzten Wochenende war ich schockiert, wie viele verstaubte Rollenklischees doch noch in mir schlummern. Warum ist Größe überhaupt ein Faktor, über den ich mir bei der Partnersuche Gedanken mache? Ich rühme mich doch sonst, so wahnsinnig liberal und entspannt zu sein. Ich brauche keinen Beschützer. Aber dass Zentimeter immer noch so eine Rolle spielen, weist vor allen Dingen auf eins hin: dass Frauen immer noch einen starken Kerl an ihrer Seite suchen. Einen, der sie körperlich und wirtschaftlich überragt – und mit dem wir traditionelle Rollen ausleben können.

"Wir haben immer noch eine kulturell starke Verankerung der Männlichkeit. Das äußert sich besonders in der Beschützerfunktion, die sich über Größe und Stärke definiert. Die Vorherrschaft des Mannes", sagt der Sozialpsychologe Pohl. "Das hat nichts mit Evolutionsbiologie zu tun, das sind tiefsitzende kulturelle Verankerungen. Es war früher nicht unbedingt so, dass der Mann der Jäger war und die Frau in der Höhle das Feuer schürte. Es gab nämlich auch Kulturen, in denen die Frauen gejagt haben."

Für Pohl begann das ganze Schlamassel mit der ökonomischen Arbeitsteilung. Es wurde gesellschaftlich normal, dass der Mann das Geld nach Hause bringt und die Frau die Kinder großzieht und den Haushalt schmeißt. Diese patriarchalische Struktur verlangte, dass der Mann die Frau in seiner gesellschaftlichen Stellung überragt. Diese Vorstellung leben wir auch heute noch aus, wenn wir nach links wischen, nur weil der Mann auf seinem Profil die Zahl 1,70 stehen hat.

Es ist doch egal, wie viele Zentimeter Mann oder Frau messen. Wer kann schon etwas für seine Körpergröße? Augenfarbe, Sommersprossen, Schuhgröße oder das Haustier der Eltern haben schließlich genauso wenig Einfluss auf den Menschen und darüber denkt auch niemand nach. Da orientiere ich mich lieber an meiner Freundin Andrea: "Ich war mal mit einem kleineren Mann zusammen und fand es großartig. Ich habe mich endlich einmal selbst wie die Beschützerin gefühlt." Mir hat die Diskussion jedenfalls etwas gebracht: Die Auswahl an potentiellen Partnern hat sich enorm vergrößert.

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