Umfrage

Wir haben Rentner gefragt, was sie heute an Nazi-Deutschland erinnert

"Ich würde eher Erdoğan als Faschisten bezeichnen", sagt Werner Kelm, er ist 84 und könnte es damit besser wissen.

von Melanie Marks
17 März 2017, 1:17pm

#FrauHitler. Daneben: "Hässliche Merkel" auf Türkisch. Die Überschriften prangen auf dem Titelbild der türkischen Boulevardzeitung Günes neben einem Bild der Kanzlerin in schwarzer Uniform, mit Hakenkreuz und Schnauzbart.

Wenige Tage zuvor:

Der türkische Präsident Erdoğan empörte sich mit "Deutschland übt Nazi-Praktiken aus!", als deutsche Städte Wahlkampfauftritte der AKP absagen.

Ähnlicher Vorwurf, anderer Präsident:

"Nazi-Deutschland hat so etwas gemacht!", sagte Donald Trump kurz vor seiner Amtseinführung, als ein unbestätigter Bericht eines Geheimdienstlers behauptete, die Russen besäßen kompromittierendes Material über das Sexleben des Präsidenten (#goldenshower, du erinnerst dich).

Wenn der Nazi-Vergleich ausgepackt ist, dann ist jede rationale Argumentation hinfällig. Entweder können wir den Vergleich empört zurückweisen, ebenfalls stänkern oder beleidigt bzw. moralisch und intellektuell überlegen schweigen (=Merkel-Methode). Der Nazi-Vergleich ist, wie "UNO" zu sagen und einen Joker auf der Hand zu haben. Die Mitspieler können nicht mehr viel entgegnen.

Jan Delay verglich 2013 Heino mit Hitler und musste dafür 20.000 Euro zahlen. Anke Engelke erklärte bei ihrer Berlinale-Moderation 2016 Leipzig zum neuen Nazi-Deutschland. Und auch die Politiker Sigmar Gabriel und Wolfgang Schäuble griffen schon zum Nazi-Vergleich.

Der Nazi-Vergleich ist die letztmögliche Eskalationsstufe eines Konflikts. Dieses Phänomen ist schon Gesetz: Godwin's Law, am Ende landen alle Diskussionen bei Hitler.


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Bei VICE sind wir immer bemüht, der Sache auf den Grund zu gehen. Also sind wir dahin, wo die Leute wissen müssen, was tatsächlich ist wie in der Nazi-Zeit: ins Seniorenheim in Berlin-Lichtenberg.

Werner Kelm, 84: "Die Aufmärsche der ganzen Rechten erinnern mich sehr an damals."

VICE: Wo sehen Sie heute Parallelen zu Nazi-Deutschland?
Werner: Die Aufmärsche der ganzen Rechten erinnern mich sehr daran. Ich verstehe sie einfach nicht. Die kriegen doch heute in der Schule beigebracht, was damals passierte. Wie können sie dann jetzt noch auf die Straße gehen? Das stört mich sehr.

Wie denken Sie über Nazi-Vergleiche?
Ich würde eher Erdoğan als Faschisten bezeichnen. Er betreibt genau die gleiche Propaganda wie Hitler damals. Er möchte die alleinige Macht. Was ihn noch von Hitler unterscheidet, ist, dass er so tut, als wäre er durch das Volk legitimiert. Hitler hat sich die Macht einfach genommen. Die Zeit damals war furchtbar. Wer sie nicht miterlebt hat, wird sie nicht nachempfinden können.

Was bleibt Ihnen aus der Zeit besonders im Gedächtnis?
Ich wurde geboren, als Hitler an die Macht kam. Meine ersten Erinnerungen habe ich also erst, als der Weltkrieg ausbrach. Es war sehr bedrückend. Es gab keine Meinungsfreiheit. Da sind mir besonders zwei Beispiele in Erinnerung. Zum einen hörten meine Eltern Moskau-Radio. Uns wurde sehr früh eingetrichtert, das auf keinen Fall weiterzuerzählen. Zum anderen verteilte mein Onkel Flugblätter mit Heinz Kapelle [einem kommunistischen Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime, Anm. d. R.]. Sie schmissen die Zettel bei der Fahrt vom Mofa aus. Aber einmal verrutschte die Abdeckung vor dem Nummernschild. Dadurch flogen sie auf. Mein Onkel erhielt 15 Jahre Gefängnisstrafe. Das hieß dann KZ. Kapelle wurde hingerichtet.

Paula Brauner, 93: "Es gab fast jede Nacht Angriffe. Ich habe Kranke auf den Rücken genommen und in den Keller getragen."

VICE: Wo sehen Sie heute Parallelen zu Nazi-Deutschland?
Paula: Ich weiß nicht, was ich da sagen soll. Ich sehe keine.

Wie haben Sie die Zeit damals erlebt?
Ich bin im Sudetenland groß geworden. Bis 1938 lebten wir dort friedlich in unserem kleinen Dorf zusammen. Danach kam der Krach. Im Krieg habe ich unter anderem in einem Krankenhaus in Dresden gearbeitet. Es gab fast jede Nacht Angriffe. Ich habe Kranke auf den Rücken genommen und in den Keller getragen. Das war sehr schlimm.

Was halten Sie von heutigen Nazi-Vergleichen?
Wenn ich das höre, finde ich das schrecklich. Was will denn Erdoğan in Deutschland mitreden? Wenn ich verfolge, was er in der Türkei macht, dann kriege ich Angst. Er ist doch der zweite Hitler.

Werner Wulff, 92: "Mir geht es hier in Deutschland sehr gut."

VICE: Sehen Sie heute Parallelen zu Nazi-Deutschland?
Werner: Das ist großer Blödsinn. Ich bin jetzt 92 Jahre alt und Rentner. Mir geht es hier in Deutschland sehr gut.

Und damals ging es Ihnen nicht gut?
Ich war neun, als Hitler an die Macht kam. Mein Vater sagte gleich nach den Wahlen: "Wer Hitler wählt, wählt den Krieg." Später hätte er das nicht mehr sagen dürfen. Hitler hat Arbeit und Brot für jeden versprochen. Wir dachten damals, er kann es ja versuchen, und wenn es nicht klappt, wählen wir ihn nicht wieder. Es kamen nur keine Wahlen mehr. Dass wirklich etwas schiefläuft, habe ich verstanden, als er den Krieg angefangen hat. Ich habe aber alles als unabwendbar hingenommen. Als Kind ist man ja beeinflussbar.

Margarete Klindt, 95: "Die Begeisterung für Hitler war schon sehr besonders."

VICE: Was erinnert Sie heute an Nazi-Deutschland?
Margarete: Das kann man überhaupt nicht vergleichen. Nazi-Deutschland wurde kommandiert. Hier ist es frei. Wir können unsere Meinung sagen. Das ging damals nicht. Ich war 12 und ging auf die Mittelschule. Dort lernten wir das, was Hitler wollte.

Und wie haben Sie das wahrgenommen?
Die Begeisterung für Hitler war schon sehr besonders. Das ist jetzt kaum zu glauben. Ich lebte in Pommern, in einem kleinen Städtchen mit 8.000 Einwohnern. Eines Tages wurde uns gesagt, dass Hitler in die nächstgrößere Stadt komme. Die war 20 oder 30 Kilometer von uns entfernt. Alle fuhren dort hin. Die Menschen kletterten auf Bäume und auf Hausdächer, um ihn zu sehen. Aber wir haben auch schnell gemerkt, dass etwas schieflief. Meine Mama kam eines Tages empört nach Hause, weil ein Mann der SS ihr verbieten wollte, in einen Textilladen zu gehen, um Knöpfe zu kaufen. Der Laden gehörte einem Juden. Meine Mama sagte: "Wo ich einkaufen gehe, entscheide noch immer ich." Das hatte kein Nachspiel, wir hatten sehr großes Glück.

Also halten Sie einen Nazi-Vergleich für absurd?
Ich würde heute ganz andere Dinge kritisieren. Wenn ich den Fernseher anmache und sehe, dass in Afrika die Kinder verhungern.

Helmut Böttcher, 90: "Die Vergleiche kann man niemandem übelnehmen, oder? Wir haben die beste Vorlage geliefert."

VICE: Erinnert Sie heute noch etwas an die Nazi-Zeit?
Helmut: Mich hat die DDR-Zeit unter der SED an die Nazi-Zeit erinnert. Da hat sich doch nur die Farbe geändert. Braun wurde Rot. Aber offen reden durften wir noch immer nicht. Wir haben dann eine Geheimsprache entwickelt. Wenn wir wussten, dass jemand der Partei angehört, dann haben wir das Gespräch sehr kurz gehalten.

Auch schon in der Nazi-Zeit?
Na ja, ich war acht Jahre alt. Meine Eltern haben mich aufgeklärt. Aber ich war trotzdem im Jungvolk, die Generation vor der Hitler-Jugend. Da wurden wir militärisch gedrillt. Ich musste später auch als Soldat in den Krieg. Das war eine sehr unschöne Zeit. Die Angst war immer da.

Und heute ist alles besser?
Klar, schauen Sie sich doch um. Es gibt viele Parteien mit unterschiedlichen Meinungen. Alles andere war furchtbar. Jetzt würde ich gerne noch viel reisen. Aber nun bin ich leider zu alt.

Was halten Sie dann von den Vergleichen?
Die kann man niemandem übel nehmen, oder? Es war schlimm, was damals abgelaufen ist. Wir haben also die beste Vorlage geliefert.

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