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Popkultur

Ich habe eine Woche lang nach den Zehn Geboten gelebt

Unser sündiger Author betrat seit fünf Jahren keine Kirche, aber liebt Selbsthilferatschläge. Und sind die Zehn Gebote nicht das älteste Selbstoptimierungs-Listicle der Welt?

von Michi Buchinger
15 Dezember 2016, 5:00am

Ich bin definitiv kein religiöser Mensch. Während andere an Weihnachten beten und in die Kirche pilgern, esse und trinke ich mit meiner Familie bis spätnachts. Spirituelle Anwandlungen habe ich allerhöchstens dann, wenn ich gegen Ende der Feiertage in einem Stoßgebet den lieben Gott darum bitte, dass sich all das Beef Tartare und der Punsch nicht allzu sehr auf meine Figur auswirken.

Zwar habe ich in meiner Jugend eine katholische Privatschule besucht und bin nach wie vor Mitglied der katholischen Kirche (es ist wie dieses Amazon-Prime-Abo, das ich seit Monaten kündigen will und ständig vergesse). Doch bin ich kein praktizierender Katholik und war schon seit fünf Jahren nicht mehr in der Kirche, was unter anderem mit meiner leisen Vermutung zu tun hat, dass ich in lodernden Flammen aufgehen könnte, sobald ich ein Gotteshaus betrete.

Obwohl ich Religion oft kritisch gegenüberstehe, bin ich doch ziemlich anfällig für jegliche Form von Selbstverbesserung und "Regeln". Würden die Zehn Gebote nicht auf Tontafeln, sondern auf Gwyneth Paltrows Webseite oder in Oprahs Newsletter geschrieben stehen, würde ich sie vermutlich auf Schritt und Tritt befolgen und meinen Freunden nach dem Hot-Yoga-Workout davon die Ohren voll schwärmen. Es könnte sogar sein, dass die Zehn Gebote das älteste Selbstoptimierungs-Listicle der Welt sind. Selbsthilferatschläge also, die sich durch Jahrtausende hindurch bewährt haben. Und außerdem ist bald Weihnachten.

So hielt ich es Anfang Dezember für eine gute Idee, mich eine Woche lang an die Zehn Gebote zu halten; jene Regeln, die mir mein Religionslehrer vor über zehn Jahren mit den Worten "Wer sie nicht befolgt, landet in der Hölle!" nahebringen wollte. Wer weiß: Vielleicht würde ich dadurch endlich dieses unendlich tiefe Loch in meiner Seele füllen, das ich seit dem Ende der neuen Gilmore Girls-Folgen empfinde.

Hier drin bin ich seit einen halben Jahrzehnt nicht mehr gewesen | Foto: Dominik Pichler

Montag

Gemeinsam mit meiner Mutter fahre ich heute auf einen Kurzurlaub in die Steiermark—das "Grüne Herz Österreichs"—und fühle mich von Beginn an ziemlich toll und christlich. Grundsätzlich verstehe ich mich mit meiner Mutter immer sehr gut. Aber diesmal gelingt es mir sogar selbst in Situationen, in denen sie vorschlägt, gemeinsame die Böden meiner Wohnung zu schrubben, nicht mit den Augen zu rollen oder mit jugendlichen Ausdrücken wie "fly sein" um mich zu werfen.

Da ich sowohl meine Mutter als auch meinen Vater ehren soll, schicke ich Letzterem per SMS liebe Grüße aus dem Urlaub sowie ein Selfie von mir. Das ist—wie ich mir sicher bin—definitiv eine Ehre. Wenn ich genauer darüber nachdenke, gibt es viele Gebote, bei denen ich mich nicht mal sonderlich bemühen muss, um sie nicht zu brechen:

"Du sollst nicht töten!" – Ich? Töten? Niemals!

"Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!" – Das impliziert, dass es nicht gut ist, an mehrere Götter zu glauben, klingt aber gleichzeitig so, als wäre es voll OK, an gar keinen Gott zu glauben. Wuhu!

"Du sollst nicht ehebrechen!" – Ich habe gar keine Ehe. Tja, the joke's on you!

"Du sollst nicht stehlen!" – Auch kein Problem, obwohl ich öfter beschuldigt werde, meinen Mitmenschen die Show zu stehlen.

"Du sollst nicht begehren deines nächsten Frau!" – Die einzige Frau, die ich begehre, ist Céline Dion.

Im Grunde genommen habe ich also bereits die Hälfte aller Gebote erfüllt und fühle mich auf Anhieb wie ein guter Katholik!

Dienstag

Mit Eltern-Ehren geht es schon beim Frühstück bergab. Denn meine Mutter, stets topinformiert, was Internet-News betrifft, gibt mir ein üppiges Update über das Leben meiner Blogger-Kollegen. Meine Karriere ist im Vergleich zu deren in etwa so steil wie eine Fahrt durch Slowenien. Eine Kollegin soll laut meiner Mutter heute in einem TV-Spot zu sehen gewesen sein, während eine andere einen Preis gewonnen habe.

Meine "großen Neuigkeiten" in letzter Zeit: Ich konnte diese Kakerlake, die ständig hinter meinem Kleiderschrank hervorlugt und sich, sobald ich mich ihr mit einer zusammengerollten Zeitschrift in der Hand nähere, wieder hinter diesem verschwindet, endlich erschlagen. (OK: Vielleicht töte ich doch ab und zu.)

Ich weiß, dass es falsch ist, aber heute fällt es mir ein bisschen schwer, "meines Nächsten Hab und Gut" nicht zu begehren. Ich wünschte, die Zehn Gebote würden mir nicht nur sagen, dass ich etwas nicht tun soll, sondern auch ein kleines Tutorial darüber geben, wie es mir gelingt, diese Sache nicht zu machen. "Wie?", frage ich, meinen Blick fordernd gen Himmel gerichtet. Das muss—zugegeben—ein bisschen komisch aussehen, da ich gerade mitten in einem Frühstückslokal sitze.

Mittwoch

Zurück in Wien drücke ich mir als Erstes die 10 Gebote überdimensional groß auf Papier aus und klebe sie an die Wand, was—sollte ich diese Woche ermordet werden—den Ermittlern sicher unzählige Rätsel aufwirft. Dann beschließe ich auf der Party heute Abend keinen Alkohol zu trinken. Ich weiß, dass es nicht Teil der Zehn Gebote ist, aber immerhin ist es Mittwoch und besonders auf wilden Partys, auf denen Rock'n'Roll-Musik gespielt wird, hat Sünde immer Saison! Nicht mit mir!

So trinke ich stattdessen über den Abend verteilt drei koffeinhaltige Getränke und fühle mich schon bald wie Courtney Love in den 80ern. Ich versuche, katholische Gesprächsthemen wie "der brennende Busch" und "eure liebsten Tiere auf der Arche Noah" anzusteuern, doch stoße nur auf taube Ohren. Dann mache ich den Fehler, meinen Freunden zu erzählen, dass ich nach den Zehn Geboten lebe.

"Das heißt, du gehst am Sonntag in die Kirche?", sagen sie alle fast einstimmig, als würden sie nicht wissen, dass Kirchen mein Kryptonit sind. Klar ist es ein Gebot, den Feiertag zu "heiligen", aber ich hatte mir eigentlich ausgemalt, Tacos zu bestellen und sie zu verschlingen, während ich Sister Act schaue und bei jedem Lied mitsinge. Erbost (und weil mir ohne Alkohol ziemlich langweilig ist) verlasse ich die Party bereits um 1 Uhr.

Donnerstag

Bisher habe ich in meinem Selbstexperiment das Gebot "Du sollst nicht lügen" gekonnt umschifft. Wer mich kennt und trotzdem mag, weiß, dass ich gerne und oft lüge, da es eines meiner liebsten Hobbys ist. Ich lüge so oft, dass selbst Pinocchio entsetzt auf mich spucken würde.

Da ich das schauspielerische Talent eines Kartoffelsacks habe und es nicht mal schaffe, meinem Zahnarzt glaubwürdig zu vermitteln, dass ich regelmäßig Zahnseide verwende, lüge ich mit Vorliebe per SMS oder E-Mail. Besonders, wenn Bekannte mich zu Dingen einladen, auf die ich einfach keine Lust habe.

Fragt jemand "Michael, möchtest du mit mir in den Zumba-Kurs gehen?", antworte ich nicht etwa mit der Wahrheit ("Die Freundschaft ist zu Ende!"), sondern sage: "Ich würde gerne, aber an diesem Tag bin ich leider im Ausland!" Damit ziehe ich mich geschickt aus der Affäre und deute subtil an, dass ich äußerst weltlich bin.

Da ich diese Woche aber nicht lüge, nähere ich mich meiner Inbox wie einem grusligen Horror-Spiel à la Slenderman und versuche, dabei so neutral und unemotional zu bleiben wie Britney Spears in einem Interview.

"Michael, kannst du mir beim Ausmalen helfen?" – "Das wird nicht möglich sein!"

"Möchtest du meine Band auf deiner Facebook-Seite teilen?"—"Ich denke nicht."

"Ich schmeiße eine Kostümparty mit dem Motto 'Moulin Rouge' und jeder muss verkleidet kommen!" – "Niemand mag dich."

Mir scheint, ich hätte niemandes Gefühle verletzt. Dennoch fühle ich mich so k.o. wie nach einem Derwisch-Tanz über ein Minenfeld, lege mich schlafen und träume von einer Zeit, in der ich einfach wieder "Da bin ich leider im Ausland!" sagen kann.

Freitag

Der heutige Tag steht ganz unter dem Motto der katholischen Schuldgefühle. Das ist die Sache am Katholizismus: Obwohl ich alle Zehn Gebote befolgt habe, habe ich das Gefühl, dennoch zu wenig getan zu haben. Wieso habe ich kein einziges Mal in der Bibel geschmökert? Wie geht die dritte Strophe von "Hosanna in der Höhe"? Sollte ich in die Beichte gehen und erzählen, dass ich letzte Woche diese Kakerlake getötet habe?

Als Wiedergutmachung beschließe ich, am Sonntag in die Kirche zu gehen.

Samstag

Ich bin ein so unerfahrener Kirchgänger, dass ich erstmal "Öffnungszeiten Kirche" googeln muss, um herausfinden, dass Kirchen, ähnlich wie meine liebste Kebap-Bude, grundsätzlich fast immer geöffnet sind. Wow! Außerdem erfahre ich, dass die Kirche, die meiner Wohnung am nächsten ist, Sonntags drei Gottesdienste feiert. Ich beschließe, gemeinsam mit meinem Freund den 11-Uhr-Dienst zu besuchen, was zeitlich sehr angenehm klingt.

Dennoch bin ich nervös: Was, wenn nur wenige Leute in der Kirche sind und der Pfarrer etwas sagt wie "Oho, wie ich sehe, haben wir zwei neue Gesichter in unserer Mitte. Na, ihr Knaben, warum kommt ihr nicht auf die Bühne, stellt euch vor und erzählt uns von eurem liebsten Psalm?" Und was ist, wenn ich mich vor allen Anwesenden blamiere und vor Nervosität einfach den Songtext von Like A Prayer vortrage? Was dann?

Sonntag

In der Kirche mit den freundlichen Öffnungszeiten | Foto: Dominik Pichler

Ich habe gute Neuigkeiten: Nicht nur gehe ich beim Betreten der Kirche nicht in Flammen auf, nein, der Gottesdienst ist auch so voll, dass niemand uns bemerkt oder anspricht. Entspannt nehme ich auf einer freien Bank Platz, schlage mein "Gotteslob"-Songbuch auf und singe artig die Lieder, die ich noch aus meiner Schulzeit auswendig kann.

Mein Highlight ist, als einmal eine gewisse "Madonna" erwähnt wird und ich kurz davor stehe, enthusiastisch aufzuspringen und meinen Vogue-Tanz vorzuführen. Dann fällt mir ein, dass die Mutter Jesu ebenfalls den gleichen Spitznamen trägt. Ups.

Dafür stelle ich fest, dass ich selbst als Kirchenverweigerer dem Gottesdienst doch einige Dinge abgewinnen kann: Liedersingende Männer in festlich geschmückten Roben machen die gesamte Experience dem Film Priscilla – Königin der Wüste nicht unähnlich. Und die darauf folgende Predigt behandelt das Thema "Selbstverbesserung", was für mein Experiment natürlich wie die Faust aufs Auge passt.

Im Grunde genommen wird bestätigt, was ich mir in der vergangenen Woche ebenfalls gedacht habe: Die Bibel und die Zehn Gebote dienen als Anleitung, ein guter und glücklicher Mensch zu sein. Ich muss ein bisschen lachen, als der Pfarrer erklärt, dass es in der katholischen Kirche darum geht "in die Zukunft zu blicken und nicht in der Vergangenheit festzustecken". Jep, darum hält man sich auch an ein Buch, das Tausende Jahre alt ist.

Dennoch kann ich nicht leugnen, dass ich in der vergangenen Woche ein wirklich angenehmerer, mit sich selbst zufriedener Mensch war und mich mit all meinen Mitmenschen gut verstanden habe. Gebote wie "nicht lügen", "nicht stehlen", "nicht töten" und "nicht eifersüchtig sein" sind generell gute und wertvolle Tipps und vielleicht wäre die Welt ein bisschen schöner, wenn wir uns alle daran halten würden.

Trotzdem finde ich diese Ratschläge um einiges reizvoller, wenn Oprah sie mir erteilt, die—anders als mein Religionslehrer—selten bis gar nicht mit der Hölle droht.

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