baldo unchained

Baldo Di Gregorio——was ist aus dem Beckenbauer Hessens geworden?

Baldo wurde als Talent in einem Atemzug mit Robben genannt. Doch er traute sich nicht, in Barcelonas Talentschmiede zu gehen. Es folgte eine unglaubliche Odyssee, die vorläufig in Schwanheim Halt macht.

von Arne Siegmund
30 April 2015, 7:18am

Foto: imago

An einem Sonntag im Januar 1984 kommt der Deutsch-Italiener Baldassare di Gregorio in Offenbach am Main zur Welt. Einen Tag darauf wird Arjen Robben geboren. Im Jahr 2001—die beiden sind mittlerweile Teenager—veröffentlicht das englische Fußballmagazin „fourfourtwo ein illustres Ranking der hundert hoffnungsvollsten Talente der Fußballwelt. Di Gregorio, der in diesem Jahr als Kapitän der deutschen U16 um Piotr Trochowski und David Odonkor zur Europameisterschaft nach England fährt, steht auch auf dieser Liste. Auf Platz 19. Dahinter, auf Platz 27: Arjen Robben.

Es sieht danach aus, als würde beiden eine große Karriere bevorstehen. Doch zum Star wird nur einer von beiden: Robben ist heute bei den Bayern auf dem Zenit seiner Karriere. Di Gregorio, in seiner Jugend sogar „„Franz Beckenbauer Hessens" genannt, ist seit dem vergangenen Jahr Spielertrainer beim Frankfurter Stadtteilklub Germania Schwanheim in der Verbandsliga Hessen Mitte.

„„Überall, wo ich bis jetzt gespielt habe, auch jetzt in Schwanheim, werde ich auf diese Liste angesprochen." Genervt ist er davon aber nicht. „„Ich kann's nicht mehr rückgängig machen. Man hätte früher sicher ein bisschen etwas anders machen können oder müssen." Aber was genau ist schiefgelaufen?


Bei Eintracht stand Di Gregorio eine große Karriere bevor. Foto: Imago

Mit 15 Jahren bekommt der damalige Jugendspieler von Eintracht Frankfurt ein Angebot vom FC Barcelona. Eigentlich ein Traum, den jeder kleine Fußballer einmal hat: Eine Ausbildung in „„La Masia", sich bei Barca mit den Besten messen. Doch er traut sich nicht und lehnt ab. Er will nicht weg von seiner Familie. Heute scheint er es ein wenig zu bereuen, dennoch zweifelt er daran, ob er es überhaupt gepackt hätte: „„Klar hätte ich nach Barcelona gehen können, aber was wäre dann gewesen? Hätte ich den Sprung in die erste Liga geschafft?"

Bei Eintracht Frankfurt schafft er den großen Sprung jedenfalls nicht, unter anderem weil ihm Trainer Willi Reimann keine Spielzeit gibt. Wenn man sich ansieht, wie Baldo di Gregorio Fußball spielt, kann man nicht verstehen, warum Trainer Reimann ihn damals verschmäht. Es wird vielmehr klar, warum di Gregorio Anfang des Jahrtausends als so großes Talent gilt: Er beweist technische Qualitäten und eine gute Übersicht bei der Spieleröffnung. Dazu besitzt er einen unheimlichen Willen und ist sich für keine Grätsche zu schade. Ein Beckenbauer mit Berti Vogts' Terrierqualitäten. Eigentlich ein Verteidiger, wie man ihn sich wünscht. Trotzdem macht er kein einziges Erstligaspiel in Deutschland.

Di Gregorio wagt den berühmten Schritt zurück nach vorn. Er wechselt 2003 in die Regionalliga nach Schweinfurt, steigt aber in die Oberliga ab und wechselt nach zwei Jahren zu Hamm in die Verbandsliga—Rückschritt um Rückschritt. 70 Zweitligaspiele für LR Ahlen und Arminia Bielefeld sind ein paar Jahre später der größte Erfolg in seiner Karriere. Dennoch ist er zufrieden: „„Ich habe immerhin drei Jahre lang in der zweithöchsten Spielklasse in Deutschland gespielt". Auch auf ein paar Auslandsstationen kann er zurückblicken. Um die Kohle sei es ihm dabei aber nicht gegangen: „„Das war das Abenteuer!" Er spielt 2005 in Bulgarien bei Slavia Sofia und 2011 beim Gostaresh FC im Iran—jeweils nur die Hinrunde.

„„Bei Sofia war Petar Chubtschew mein Trainer, den ich von Eintracht Frankfurt kannte. Der wurde dann nach zwei, drei Monaten entlassen. Dann hatte ich keine Bezugsperson mehr. Es fiel mir dann schwer, mich dort wohlzufühlen." Im Iran gibt es einige Missverständnisse: „„Bei Gostaresh habe ich die ganze Hinrunde gespielt, dann saß ich monatelang mit meinem Handgepäck im Iran, mit dem ich für die Vertragsunterschrift hingeflogen bin." Endlich darf er nach Deutschland fliegen, um seine restlichen Sachen zu holen. Nach drei Tagen soll er zurück im Iran sein. Aufgrund schlechten Wetters wird sein Rückflug allerdings abgesagt. „„Die dachten dann, ich hätte sie verarscht. Dann war ich nach der Hinrunde aussortiert." So kann's gehen.

Sein letztes Abenteuer führt ihn im vergangenen Sommer nach Sizilien zum NFC Orlandina in die Serie D. Zu Orlandina wechseln Anfang der Saison neben di Gregorio auch einige andere deutsche Spieler. „Alle „mindestens mit Regionalliga- oder Oberligaformat."

Trainer ist dort der Ukrainer Wiktor Passulko, der in den Achtzigern als Spieler von Spartak Moskau zwei Mal die sowjetische Meisterschaft gewinnt. Eine deutsch-italienisch-ukrainische Konstellation auf Sizilien? Der Reihe nach: „„Ich habe mich mit Marco Quotschalla bei der Vereinigung der Vertragsfußballer fit gehalten. Der ist ein guter Freund von dem Sohn vom Passulko. Der sportliche Leiter beim NFC Orlandina war auch Deutsch-Italiener. Und dann ging es ratzfatz."

Beide wechseln also zum NFC Orlandina. Auf Sizilien hat man hohe Ziele, vom Durchmarsch ist die Rede. Irgendwie zwielichtig. „„So wie die mit uns gesprochen haben, hat es sich so angehört, als wollten die die nächsten vier Jahre aufsteigen und dann die Champions League gewinnen." Der Vereinspräsident ist Politiker und verspricht den Spielern das Gelbe vom Ei. Noch viel zwielichtiger. „„Wir dachten nicht, dass der uns verarscht. Wir dachten: Wenn irgendetwas an die Presse rauskommt, bekommt er als Politiker natürlich Stress." Beim ersten Monatsgehalt gibt es schon die ersten Probleme. „„Die haben gesagt: Wir können euch nur 80 Prozent zahlen. Die Auszahlung der restlichen 20 Prozent haben sie zwei mal verschoben. Dann ging das zweite Monatsgehalt natürlich auch flöten." Dementsprechend unmotiviert spielt die Mannschaft dann auch. Nach drei Unentschieden feuert die Vereinsführung Wiktor Passulko, „obwohl der arme Mann ja nichts dafür konnte. „Der hat seine Arbeit gut gemacht."

Das Umfeld auf Sizilien ist Chaos pur, die Trainingsbedingungen sind schlecht. „„Die eine Hälfte der Klamotten hat gefehlt, die andere Hälfte war nass und hat gestunken, weil die Waschmaschine immer kaputt war. Nach dem zweiten Monatsgehalt, das nicht gezahlt wurde, haben wir deutschen Spieler die Reißleine gezogen." Wieder nur die Hinrunde gespielt. Baldo di Gregorio kehrt im Oktober zurück in seine Heimat, nach Frankfurt. Eine Weile später hört er davon, dass der Präsident des NFC Orlandina mittlerweile im Knast sitze. „Wegen Waffenschmuggels. „Keine Ahnung, ob der wieder draußen ist..."

Bei Germania Schwanheim gibt es vermutlich keinen waffenschmuggelnden Präsidenten. Bei Germania Schwanheim stinken nicht einmal die Trikots. „Die Spieler müssen zur Zeit ihre eigenen Sachen mitbringen. Dementsprechend sind die Sportsachen aber nicht nass und stinken nicht. „Das ist ein Riesenvorteil", sagt er und lacht.

Di Gregorio als Spielertrainer bei Germania Schwanheim. Foto: Imago

Germania Schwanheim ist in Abstiegsgefahr. Das Saisonziel sei ganz klar der Klassenerhalt. „„Was danach passiert, sehe ich dann im Sommer, wenn ich mich mit der Vereinsführung zusammensetze und die Ziele neu abstecke", sagt er in astreinem Trainerslang. „„Klar, wenn ich als Trainer weitermachen will, möchte ich natürlich nicht immer um den Abstieg spielen." Dennoch bleibt er bescheiden. „„Mir langt als Trainer erst mal die Ober- und Regionalliga. Es muss nicht direkt eine der drei Profiligen sein. Was sich alles ergeben kann im Leben, das habe ich ja selber erfahren."

Aber wer weiß, wo er als Trainer noch überall landet, in welchen Ligen und Ländern. Man sieht sich an der Seitenlinie: Vielleicht trifft er ja in 20 Jahren mal auf Bayerntrainer Arjen Robben. Und gewinnt. Denn Sonntagskinder wie Baldo di Gregorio gelten eigentlich als Glückskinder.

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