Fußball

Was sich der BVB von seiner „Strahlkraft" wirklich kaufen kann

Laut Aki Watzke habe der BVB eine höhere Strahlkraft als Manchester City. Dafür aber weniger Finanzkraft. Reicht sie aus, um mit dem BVB Titel gewinnen zu können?
14.7.16
Foto: Imago

„Wir müssen anerkennen, dass es Klubs gibt, die von der Strahlkraft noch eine Stufe über uns stehen", erklärte BVB-Trainer Thomas Tuchel am Dienstag zu den Abgängen von Henrikh Mkhitaryan, Ilkay Gündogan und Mats Hummels. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sah das einen Tag später ein wenig anders: „An Finanzkraft und Strahlkraft übertreffen vielleicht fünf Klubs den BVB." Diesen Aki Watzke im Rechtfertigungsmodus konnte man in den letzten Monaten zur Genüge bestaunen. Doch was soll diese Strahlkraft sein, die den BVB im internationalen Vergleich die finanzkräftigere Konkurrenz ausstechen lassen soll?

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Die letzten Monate waren für Watzke nicht einfach. Der ursprüngliche Plan, nicht alle drei unersetzbaren Spieler auf einmal ziehen zu lassen, schlug fehl. Stattdessen nahm man über hundert Millionen Euro ein und kaufte vor allem europäische Jungtalente. Dieser Schritt sei „alternativlos" gewesen, wie Watzke erklärte. Der BVB musste schmerzhaft erkennen, dass man wohl doch kleiner ist als gedacht. Nun müssen also die eigenen Core Assets als Balsam für das gescholtene schwarz-gelbe Ego herhalten: Der verblichene Mythos Borussia Dortmund.

Die Strahlkraft—also der Zauber, mit dem man eine starke Wirkung auf andere hat—hat sich der BVB im In- und Ausland in den letzten acht Jahren hart erarbeitet. Aus dem Pleiteverein entwickelte sich der „heißeste Klub Europas", wie das englische Fußballmagazin FourFourTwo im Jahr 2013 titelte. Das größte Zuschaueraufkommen Europas sowie wahnsinnige Choreografien katapultierten die gelbe Wand in die Träume der weltweiten Fußball-Community. Der moderne Spielstil und die Vordenker-Trainer Klopp und Tuchel bleiben bei den Fans im Kopf. Weil der BVB den Weltklubs die Talente vor der Nase wegschnappt und sie zu Stars entwickelt, schwingt immer auch ein bisschen Fußballromantik mit.

Adorable! RT @dembowskibvb: First German team on the cover of Four Four Two: Borussia Dortmund #bvb pic.twitter.com/5WzHPH2v
— Anne (@cheekybackheel) 5. Februar 2013

Für die europaweit gejagten Neuzugänge Raphael Guerreiro, Ousmane Dembelé oder Emre Mor ist der BVB der perfekte Verein: Sie können sich in einem der stimmungsvollsten Stadien Europas mit den ganz Großen in Bundesliga und Champions League messen, haben aber auch eine reale Chance, zu spielen und sich unter Thomas Tuchel zu entwickeln. Kaum ein Verein kann wie der BVB Talente zu internationalen Superstars züchten. Mkhitaryan, Hummels oder Gündogan nutzten diese Startrampe—wie auch Robert Lewandowski oder Mario Götze. Zu diesen lukrativen Zukunftsaussichten kommt noch der hohe Stellenwert des BVB. Der Klub strahlt sein positives Image auch auf seine Spieler und Trainer aus. Man denke nur an den Hype um Klopp in Liverpool oder den halbjährlichen Transfergerüchte-Wahnsinn, bei dem gefühlt jeder zweite Verein mit einem BVB-Spieler flirtet. Und das ist Dortmunds Dilemma.

„Ich glaube, es ist unstrittig, dass Dortmunds Strahlkraft höher ist als die von Manchester City. Aber dann kommt die Finanzkraft dazu und dann sieht es ein bisschen anders aus", ließ Watzke tief blicken. Die Transfer-Offensive auf dem U20-Markt hat nämlich einen einfachen Grund: Der BVB kann sich nur künftige und keine derzeitigen Superstars leisten. Man hat zwar Geld, aber Chelsea, Bayern München oder der FC Barcelona haben noch mehr—und sind zudem erfolgreicher. Die romantische Strahlkraft des BVB ist nicht wettbewerbsfähig. Die ganz großen Stars fordern Gehälter, die der Verein nicht zahlen kann. Städte wie Barcelona, London und sogar Manchester sind für millionenschwere Profis reizvoller und mondäner als Dortmund, das nicht viel mehr als das „U" und Ruhrpott-Charme zu bieten hat. Dazu kommt dann natürlich noch der Wettbewerbsvorteil. „Sie bieten diesen Spielern eine noch größere Bühne und eine höhere Wahrscheinlichkeit, Titel zu gewinnen", erklärte Tuchel über die Absichten seiner drei Abgänge. „Ich hätte gedacht, wenn wir nach Dortmund kommen, wird uns das nie passieren." Leider falsch gedacht. Darum versucht der BVB jetzt aus diesem Dilemma ein cleveres Geschäftsmodell zu basteln.

Das Geld für ganz große Stars ist nicht da, also nutzt man den eigenen Stellenwert wenigstens, um im Talente-Teich den attraktivsten Köder zu legen. Im Team entstehen durch Tuchels Liebe zur Rotation, der Teilnahme an drei Wettbewerben und ständig frei werdenden Plätzen viele Chancen auf Spielzeit. Die Transfereinnahmen von über 100 Millionen Euro werden zudem nicht nur in blutjunge Talente investiert. Um auch Erfahrung und direkte fußballerische Klasse in den Kader zu bringen, kaufte sich der Verein mit Marc Bartra und Sebastian Rode zwei hochveranlagte Spieler von Barca und Bayern. Auch André Schürrle und Mario Götze werden als weitere Neuzugänge gehandelt. Alle eint ihre internationale Klasse, ihr tristes Dasein im Schatten anderer Weltklasse-Spieler und die Hoffnung, beim BVB doch noch den großen Sprung an die Spitze zu schaffen. Sie lechzen nach den Möglichkeiten in Dortmund, die Borussia nach ihrem Hunger auf Titel. Der BVB ist eine Art Darmstadt 98 auf Champions-League-Niveau.

Borussia Dortmund lebt derzeit noch vom Mythos der Klopp-Jahre, wo man Real Madrid aus der Champions League prügelte, ganz Europa verzauberte und die Bayern in der Liga durch zwei Meisterschaften erniedrigte. Der Neuanfang wird zeigen: Wird man ein Ausbildungsverein oder gar ein Arsenal 2.0, das talentierte Spieler zusammensammelt und immer den eigenen Erwartungen hinterherhechelt, oder reicht es für mehr? Bestimmt nicht in dieser Saison, das hat auch schon Watzke zugestanden. So muss man sich mit dem Status des sympathischen Underdogs begnügen, der mit jungen Wilden ab und zu mal die ganz Großen ärgern kann. Es muss der feuchte Traum eines Ausnahmetalents sein: Champions-League-Fußball vor einer vollen „Süd" und an der Seitenlinie ein Trainer, der dich zu Weltruhm bringt. Doch nach vier Jahren im Schatten der Bayern verliert auch die gelbe Wand ihren Reiz und plötzlich strahlt eine 0 mehr auf dem Kontoauszug funkelnd hell. Und sowieso glänzt nichts mehr als ein Pokal. Welcher Fußballer würde heute nicht den Hummels machen?

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