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„Deitsch un frei wolln mer sei”—was sollte diese Choreo der Aue-Fans?

Vor dem Sachsenderby gegen Dresden präsentierten die Aue-Fans eine Choreo zu Ehren eines regionalen Dichters. Der Vorwurf der Naziparole ist zu kurz gedacht. War es trotzdem eine bewusste Provokation?
25.11.15
Foto: veilchenpower.de

„Deitsch un frei wolln mer sei, un do bleibn mer aah derbei, weil mer Arzgebirger sei." Dieser Schriftzug und ein hochgezogenes Konterfei eines regionalen Volksdichters zierten die Choreo der Fans von Erzgebirge Aue vor dem Derby gegen Dynamo Dresden. Einige Fans sahen in dem patriotischen Zitat aus einem bekannten Volkslied eine rechte Tendenz und empörten sich—die Aue-Fans widersprechen diesen Kritikern.

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„Das ist doch völliger Quatsch", erklärt Dr. Gabriele Lorenz, die erste Bundesvorsitzende des Erzgebirgsvereins, in der sächsischen Zeitung Mopo24. „Ich kann in diesen Strophen kein rechtes Gedankengut finden. Im Gegenteil: Das ist die inoffizielle Hymne des Erzgebirges, erzählt von Heimatverbundenheit und vom Stolz der Region", erläutert sie.

Die brisante Choreo der Aue-Fans vor dem Sachsenderby gegen Dresden (Quelle: Veilchenpower)

Das Lied stammt von dem aus dem Erzgebirge stammenden Volksdichter Anton Günther, der in regionaler Mundart sang. „Deitsch on frei wolln mer sei!" entstand im Jahr 1908 als Antwort für die deutsche Minderheit in Böhmen und die nationalen Spannungen in der Region. Sein Liedgut, das als heimat- und identitätsstiftend gilt, ist bis heute in der Region beliebt. Trotz „vorhandener ideologischer Gemeinsamkeiten" ließ sich Günther nicht von der NSDAP vereinnahmen und nahm sich im Jahr 1937 das Leben.

In die rechte Ecke wollen sich die Menschen aus dem Erzgebirge wegen des Zitats nicht drängen lassen. „Unsere Erzgebirgsgruppen haben dieses Lied zur Weihnachtszeit alle in ihrem Repertoire. Die müssten dann auch in dieser Ecke stehen. Dem ist aber ganz und gar nicht so. Aber heutzutage wird ja mit der Interpretation von Texten viel Schindluder getrieben", stellt sich Dr. Gabriele Lorenz, die dem 1878 gegründeten heimatverbundenen Verein vorsteht, auf die Seite der Fans. Auch auf Facebook empfinden viele Sachsen und Menschen aus dem Erzgebirge die Vorwürfe als haltlos.

Dennoch ist der Zeitpunkt der Choreo sicher nicht ganz glücklich gewählt. Vor allem auch, weil das Spiel ohnehin schon in ganz Deutschland durch die schäbigen und respektlosen „Merkel muss weg"-Rufe während der Schweigeminute für die Opfer der Terroranschläge in Paris für negative Schlagzeilen sorgte. Zwar sollte die Choreo im Sachsenderby gegen Dynamo aus der Landeshauptstadt Dresden die Heimatverbundenheit mit dem Erzgebirge symbolisieren, doch wird das Lied immer wieder von Anhängern von Bewegungen wie Pegida oder nationalistischen Gruppen (wie etwa der NPD) für ihre rechtspopulistischen Parolen missbraucht. Die Choreo hat also—wenn vielleicht auch ungewollt—einen bräunlich-faden Beigeschmack.

In Aue wurde die Schweigeminute für „Merkel muss weg"-Rufe missbraucht

Der Vorwurf einer rechten Parole in dem Choreo-Zitat ist aber nicht angebracht, auch weil die Fanszene in Aue zwar einige verstrahlte rechtsgesinnte Fans im Fanblock stehen hat, doch sind diese klar in der Minderheit. Die Gefahr der Vereinnahmung solcher Heimatverbundenheit für fremdenfeindliche Politik ist dennoch akut—vor allem in Sachsen.

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