Nach unserem Interview wirst du Edgar Davids (leider) für einen Pseudo-Intellektuellen halten

Aus dem bebrillten Mittelfeldterrier ist längst ein Kunstliebhaber geworden. Wir sprachen mit ihm über Fashion, Fotografie und Surrealismus.

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21 Dezember 2016, 10:15am

Alles Fotos: Sanne Zurné

Für manche Fußballer gibt es nur das runde Leder und sonst nichts, woran sich auch nach dem Karriereende nichts ändert. Und dann gibt es Typen wie Edgar Davids, den früheren Star-Spieler von Ajax, Juventus und dem FC Barcelona. Denn die Welt des 43-Jährigen dreht sich nicht mehr (nur) um Fußball, sondern um Kunst, Literatur und Mode.

„Du kannst ja nicht immer nur in Sneakers rumrennen", meint Davids zu mir. Ich schaue auf meine Füße: weiße Sneakers. Er lacht: „Ja, aber doch nicht jeden Tag." Ich nicke, lache und versuche mich daran zu erinnern, wann ich zuletzt andere Schuhe als Sneakers getragen habe. Das ist schon verdammt lange her.

Ich treffe Davids im Parkhotel in Amsterdam. Er kommt direkt vom Flughafen, ist aber spät dran, weil er lange auf seinen Koffer warten musste.

Das tut aber seiner guten Laune keinen Abbruch. Der Aufhänger unseres Gesprächs sind ein paar Schuhe. Für Eureka Shoes hat er nämlich den Ultra entworfen, ein Herren- und Damenschuh, der nach einem fancy Wandertreter aussieht. Am Ende sprachen wir über Mode, Fotografie und Surrealismus.

VICE Sports: Edgar, du hast eigene Schuhe designt. Wie ist es dazu gekommen?
Edgar Davids: Eureka Shows kam auf mich zu und die haben ja einen ziemlich guten Ruf. Das hörte sich nach einem spannenden Projekt an und mir kamen sofort einige Ideen. Klassisch und zeitlos, aber trotzdem mit einem neuen Look. Schuhmode zu entwerfen, war eine sehr spannende Erfahrung—vor allem dass ich von den Entwürfen bis hin zur Produktion in der Fabrik in alle Arbeitsprozesse eingebunden war.

Wie lange arbeitest du schon in der Modeindustrie?
Meine eigene Brand Monta habe ich vor rund 16 Jahren gegründet. Ab einem gewissen Punkt bin ich dann voll in die Materie eingetaucht und habe auch in London Kurse besucht, wo ich viel über Konzepte, Materialien und andere Sachen gelernt habe. Ich werde niemals so viel über Mode wissen wie Leute, die das über Jahre studiert haben. Aber ich weiß genug, um zu wissen, worüber ich rede.

Foto: Sanne Zurné

Wie fanden es deine Kommilitonen, dass plötzlich ein weltberühmter Fußballer neben ihnen saß?
Das ist eine Welt für sich. Manche von denen kannten mich nicht mal. Die waren total into Fashion, was ich sehr cool fand.

Und auch befreiend?
Mir ist das eigentlich ziemlich egal. Ich lerne einfach gerne dazu und lasse mich noch lieber überraschen. Nehmen wir das Beispiel Männermode: Da gibt es häufig viele Wiederholungen, Ähnlichkeiten und Überschneidungen. Wenn es dann aber jemand schafft, mit etwas ganz Neuem anzukommen, dann beeindruckt mich das. Das ist dann echtes Handwerk für mich. Das beeindruckt mich dann genauso, wie wenn Messi oder Cristiano Ronaldo ein Solo hinlegen, mit dem niemand rechnen konnte. Für mich geht es um die Suche nach neuen Elementen, nach Abweichungen von der Regel. Das ist für mich Kreativität in ihrer reinsten Form.

Stichwort Kreativität, Stichwort Kunst: Du bin ein begeisterter Sammler mit einer Leidenschaft für Surrealismus. Was gefällt dir daran?
Ich mag es, wenn es Leuten gelingt, eine ganz neue Welt zu erschaffen. Die Tatsache, dass dir ein Bild in deinem Kopf rumschwirrt, das nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt, und du es umsetzen kannst, ist für mich ein Zeichen von außergewöhnlicher Qualität. Ich liebe den Moment, überrascht zu werden. Das gilt auch für Literatur.

Welche Autoren magst du?
Oh, es gibt so viele. Das hängt auch von meiner Stimmung ab. Von Kafka bis Emerson. Und Charles Bukowski. Bestes Beispiel: sein Werk „
Der Mann mit der Ledertasche". Obwohl es um einen Postbeamten geht, bleibt es bis zum Ende spannend. Das nenne ich schreiben können.

Machst du auch selbst was in die Richtung?
Ich beschäftige mich in letzter Zeit vor allem mit Fotografie. Egal, wo ich hingehe, meine Kamera ist immer dabei. Die liegt auch jetzt wieder in meiner Tasche. Am Ende mache ich die Fotos vor allem für mich, um meinen Weg zu dokumentieren. Ich reise viel. Vor ein paar Wochen war ich in einem Flüchtlingslager in Jordanien. Solche Momente möchte ich festhalten.

Foto: Sanne Zurné

Und sind deine Fotos gut?
Ich will jetzt nicht eingebildet klingen, aber ich bin mit den Ergebnissen zufrieden. Ich habe aber auch Freunde, die professionelle Fotografen sind. Und die reagieren nicht bei all meinen Ergebnissen so begeistert (lacht). Aber das ist mir egal. Hauptsache, ich habe Spaß.

Zurück zum Thema Fashion. Wie wichtig ist Mode für dein alltägliches Leben?
Ich sage mal so: Nur wenn dich etwas interessiert, siehst du es auch. Denk an einen Fiat Punto. Erst wenn du selber einen fährst, werden dir andere Fiat Puntos auffallen. So ist das bei mir mit Mode. Jetzt gefallen mir Sachen, die mir vorher nicht mal aufgefallen wären.

Wann war der Moment, der deine Augen geöffnet hat? War das während deiner Zeit in Italien?
Nein vorher, bei Ajax. Du kannst dir ja vorstellen, was in Umkleidekabinen abgeht. Man mustert immer die Klamotten der anderen. Es war aber in Italien, dass ich mit einem für mich neuen Kleidungsstil in Berührung kam: enge Hosen, Hemd und Pullover—schlicht, aber elegant. So haben sich dann auch die Fans angezogen, selbst der harte Kern. Ich hatte Mitspieler, die perfekt gekleidet waren. Ich habe sie nur angeschaut und dann gedacht: Wow! Das ist zwar nicht mein Stil, aber ich verstehe, was du damit ausdrücken willst. Und das gilt auch für Kunst: andere Stile zu wertschätzen, die sich von deinem eigenen unterscheiden.

Foto: Sanne Zurné

Wenn man sich heutzutage Profifußballer anschaut, dann hat das fast schon was von einer Mode-Show. Was hältst du davon?
Ich finde das super. Ein jeder sollte sich nach seiner Persönlichkeit anziehen dürfen. Und wenn das Ergebnis extravagant ausfällt, dann ist das auch nicht schlimm. Ich fand das beispielsweise großartig, als Memphis Depay mit Hut und Schal ankam. Ich habe mich nur gefragt, ob er sich das bei mir abgeschaut hat, weil ich zwei Jahre zuvor etwas Ähnliches anhatte, inspiriert von alten Western. Viele Leute kritisieren nur allzu gerne den Kleidungsstil ihrer Mitmenschen. Aber ich finde: Das Entscheidende ist, dass man sich in seinen Klamotten wohl fühlt. Und was Fußballer betrifft, wirst du sehen, dass sie der Modewelt immer mehr ihren Stempel aufdrücken werden.

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Das heißt, dass die Mode- und die Fußballwelt immer enger miteinander verwoben sein wird?
Eigentlich war das schon immer so. Aber dadurch, dass Leute Fußballer rund um die Uhr in den sozialen Medien verfolgen können, ist ihr Einfluss noch größer geworden.

Hast du damals deine Brille nur aus medizinischen Gründen getragen oder auch, weil du ihr modisches Potential erkannt hattest?
Spielst du Fußball?

Klar.
Dann setz das nächste Mal eine Brille auf und erzähl mir, wie es war. Glaub mir, sie behindert dich. Egal, ob ich jetzt mit dieser Brille cool ausgesehen habe oder nicht: Sie hat eine praktische Funktion erfüllt. Ich stand vor der Wahl: aufhören oder mit Brille weiterspielen. Auch die Farbe der Gläser hatte keine modischen Beweggründe. Sie waren orange, weil das gut mit dem Kontrast zwischen weißem Ball und grünem Rasen zusammenpasst.

Foto: Sanne Zurné

Du bist nicht mehr der einzige Fußballer mit einer Modebrand.
Alle sind willkommen. Mein Motto lautet: „I do not hate, I congratulate". Aber ich kann nur aus eigener Erfahrung empfehlen: Solange du noch aktiv Fußball spielst, solltest du dich darauf auch hundertprozentig konzentrieren. Der Druck ist hoch, weswegen du Ablenkung nicht gebrauchen kannst. Und umgib dich mit Leuten, die wirklich verstehen, was sie tun. Wenn du selbst keine Ahnung hast, können sich viele als Experten ausgeben. Als ich mit Monta angefangen habe, bin ich auch auf ein paar Cowboys gestoßen, die große Reden geschwungen, aber nichts fertig bekommen haben.

Ist die Modewelt so hart wie die Fußballwelt?
Einfach so hart wie jede Welt, in der es um viel Geld geht, jede Welt, die sexy ist. Dort treiben sich auch immer viele Opportunisten rum.

In der Modewelt gibt es aber auch einige Übel. Zeigst du dich dort verantwortungsbewusst?
Meinst du die Arbeitsbedingungen? Das Problem ist, dass es zwischen den Modefirmen und den Fabriken häufig nicht genügend Kontakt gibt. Ich fahre aber selbst zu den Fabriken und nehme kein Blatt vor den Mund, und zwar mit Amsterdamer Humor: „Hey Jungs, ihr habt hier keine Kinder versteckt, oder?" Dann lachen erst alle und dann schaue ich mir die Fabrik
genau an.

Welche Rolle spielt Fußball noch in deinem Leben?
Ich mache aktuell ein Praktikum bei Al-Ahli in Dubai. Ich mag die Sportart noch immer und finde, dass sie sich toll entwickelt. Man kann so viel über neue Trainingsmethoden dazulernen. Fußball wird immer physischer. Schau dir nur Cristiano Ronaldo an, der ist ein echter Athlet. Er ist selten verletzt und spielt in fast jedem Spiel.

Schaust du noch Fußball?
Manchmal schon noch, aber ich verfolge es nicht mehr so aufmerksam. Das habe ich eigentlich noch nie. Im Allgemeinen gehe ich mittlerweile lieber zu einer Galerieeröffnung als zu einem Fußballspiel.

Hast du noch die Ambition, Trainer zu werden?
Ich will mich in vielen Dingen weiterentwickeln und nichts ausschließen. Mein Herz schlägt für so viele Sachen.

Du siehst dich also auch noch mal etwas ganz Anderes machen?
Ich bin für alles offen, solange es mit Leidenschaft und Kreativität einhergeht. Das Entscheidende ist, dass ich in einer Sache voll aufgehen kann. Das ist beispielsweise auch bei meinem „Streetpro"-Projekt der Fall, wo wir uns um Kids am Rande der Gesellschaft kümmern. Ihr Problem ist häufig, dass sie noch nicht ihre Passion gefunden haben. Genau dabei helfen wir ihnen. Denn Passion ist die beste Voraussetzung für Motivation.

Dieses Interview ist ursprünglich bei VICE Sports Niederlande erschienen.