Wer Winter mag, wird Eisangeln lieben
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Angeln

Wer Winter mag, wird Eisangeln lieben

Ob du es glaubst oder nicht: Manche Leute mögen Schnee und Kälte echt gern. Auf einem zugefrorenen See lässt sich so eine einsame Winterlandschaft doch am besten genießen. Und wenn man dann noch mit ein paar Fischen nach Hause geht, umso besser.
05 Januar 2016, 3:00pmUpdated on 05 Januar 2016, 2:55pm

An mein erstes Eisangeln erinnere ich mich noch genau: Das war vor ungefähr vier Jahren in einem kleinen Teich in den Adirondack Mountains. Gary, ein etwas mürrischer Einheimischer, begleitete mich und zeigte mir, wie es richtig geht: Bei ihm sah Eisangeln so einfach aus, obwohl er es „auf die harte Tour" machte—beheizte Hütten oder Zelte fand er sinnlos. Die bräuchte man nur, wenn man sich betrinken wollte, aber nicht wirklich fürs Eisfischen. Und überhaupt: Alles, was in den letzten 40 Jahren erfunden wurde, sei eh völliger Quatsch. Sein Vater konnte schließlich auch ohne das ganze Equipment Fische fangen.

Gary hat mir die Grundlagen beigebracht: wie man mit einemEisbohrer(sieht aus wie ein riesiger Korkenzieher) Löcher in die Anfang Januar noch dünne Eisdecke bohrt, wie man das Loch innen und außen mit Schaufel und Eiskelle vom restlichen Eis befreit und wie man die „Tip-Ups" aufstellt. Das sind Bissanzeiger, die eine Fahne hochschnellen lassen, sobald ein Fisch anbeißt.

Eisangeln auf dem Ontariosee. Alle Fotos vom Autor.

Bevor Gary seinen letzten Tip-Up überhaupt aufgestellt hatte, flatterte schon die erste Fahne und wir rannten zum Eisloch. Erst überprüften wir, ob der Fisch immer noch am Haken hängt, dann zogen wir die Leine raus und so hatte ich meine erste Forelle in der Hand. Und noch eine! Und noch eine! Das war ja einfach! Er schickte mich zu einer etwas weiter entfernteren Angel, wo ich mich ein bisschen austoben sollte. Da wartete auch schon ein Schwarm Flussbarsche auf mich. Das bekomme sogar ich hin: Die Angelleinen fürs Eisfischen sind kurz. Man wirft sie einfach rein, lässt sie runter und wackelt ein bisschen damit. Sofort hatte ich angebissen und wollte mehr vom Eisfischen.

Als ich mir aber mein eigenes Equipment gekauft habe und auf meinen ersten alleinigen Ausflug fuhr, traf mich die Realität wie ein harter Schlag ins Gesicht: Eischfischen ist… nunja, eisig.

Erstens: Es gibt kein gutes Wetter, um Eisangeln zu gehen. Alles Schuld der Physik, denn damit dein Lieblingssee auch sicherheitshalber mit (mindestens) 8 bis 10 Zentimeter Eis bedeckt ist, muss es ziemlich lange ziemlich kalt sein. Mach dich also auf nordpolartige Temperaturen und wahrscheinlich auch Schnee gefasst.

Eisangeln bei Schnee ist wie Schneeschippen in einer Garageneinfahrt: Wenn Schnee in deine Angellöcher kommt, kannst du deine Leine nicht einwerfen und die Tip-Ups reagieren nicht richtig. Wenn deine Tip-Ups eingeschneit werden, findest du sie wahrscheinlich nie wieder.Du gehst also die ganze Zeit nur von Loch zu Loch, damit auch alles schön schneefrei bleibt. Sobald ein paar Zentimeter Schnee liegen, musst du richtig viel schippen, wenn du ein Loch bohren willst (oder ein Zelt zum Trinken aufstellen möchtest). Zieh mal einen Schlitten mit dem ganzen Equipment über 1 Kilometer durch 30 Zentimeter Schnee—da brauchst du auch nicht mehr ins Fitnessstudio.

Garys rustikaler Tip-Up aus Holz

Bei klarem blauen Himmel liegen die Temperaturen meist weit unter Null. Alles was du mitbringst, wird also irgendwie gefrieren. Das scheint erstmal logisch, aber wahrscheinlich bist du dir der Folgen nicht bewusst. Probier mal, wie Gary per Hand in eine 60 Zentimeter dicke Eisschicht ein Loch zu bohren. Das ist purer Masochismus. Die Angelschnur wird an deinen Tip-Ups und an deiner Rolle festfrieren, deine gebohrten Löcher frieren zu, der frisch gefangene Fisch in deinem Eimer friert ein. Deine Hände frieren ab, denn klar, du kannst die Angelleine und die kleinen Haken nur schwer mit Handschuhen zu greifen bekommen. Immer wieder kommt Wasser an deine Hände. Wenn du dir dann doch Handschuhe überziehst, saugen die sich mit der Nässe voll und gefrieren auch. Ach, und denk bloß nicht, dass deine Thermosflasche mit heißer Schokolade schön lange warm bleibt. Aber es könnte auch schlimmer kommen, schließlich könnte es auch windig sein.

OK, du hast dich also entschlossen, den Elementen zu trotzen: Du hast die Stadt hinter dir gelassen, hast dich auf in den hohen Norden gemacht, deinen Wagen auf einem schneebedeckten Parkplatz abgestellt (in der Hoffnung, dass du nachher nicht stecken bleibst) und dein ganzes Gepäck ausgeladen. Ich hoffe mal, du hast das alles bereits vor Sonnenaufgang gemacht. Manche Angler sind so gut, dass sie zu jeder Tageszeit einen guten Fang landen. Die meisten von uns aber fangen nur in den sehr frühen Morgenstunden oder spät am Abend ein paar Fische. Den Rest des Tages frieren wir uns nur den Arsch ab.

Flussbarsche angeln mit Captain Bill auf dem Ontariosee

Wo stellt du dich am besten hin? Es ist durchaus vernünftig, sich einfach der Masse anzuschließen. Immerhin wissen ein paar der Angler hier wirklich, was sie tun. Man muss nur wissen, welche von ihnen. Aber das war's auch: Den Rest musst du allein hinbekommen. In Angelbüchern stehen ein paar nette Theorien:die Bedeutung von Thermoklinen, die Aufenthaltsgebiete bestimmter Fische, welche Fischart zu welcher Zeit welche Wasserschicht bevorzugt und was dir bestimmte Landschaftsformationen unter Wasser sagen.Aber anders als in den Büchern, sind auf einem gefrorenen See keine hilfreichen Linien gemalt. Das wäre ja auch zu einfach. Du musst also selbst ein Loch bohren und die Wassertiefe messen. Dafür brauchst du natürlich länger, wenn du das auf Garys Art machst, als wenn du dir wie ein moderner Angler einfach einen elektrischen Bohrer und ein Echolot schnappst. Und bei den Thermoklinen könnte dir ein Tiefenthermometer helfen. Wie, du hast keins?

Die Versuchung ist immer groß, sich noch mehr Geräte anzuschaffen. Wenn ich eine Unterwasserkamera hätte, könnte ich sicher mehr Fische fangen, oder? Oder ein beheiztes Tip-Up? Oder ein vibrierender Fischköder?

Angeln auf dem Lac Memphrémagog Fishing in Québec: Jemand was zu trinken?

Nehmen wir mal an, du hast für dich eine klare Grenze zwischen wirklich notwendigen Geräten und Dingen, die einfach nur an Sexspielzeug erinnern, gezogen. Du hast schon ein paar Löcher gebohrt und dir einen Überblick über die Lage verschafft. Du wartest nur noch auf den ersten, der anbeißt. Und da: Eine Fahne an deinem Tip-Up schnellt hoch. Ja, endlich! Denkst du zumindest… Am Ende deiner Leine hängt vielleicht kein Fisch, du kannst nämlich gar nichts spüren, aber nichtsdestotrotz musst du die Leine komplett einholen, den Köder überprüfen und dann wieder reinwerfen. Vielleicht hatte aber auch ein Fisch angebissen, der dann mit deinem Haken im Maul einfach davon geschwommen ist, weil sich einer deiner Knoten gelöst hat. Beim Tip-Up musst du nämlich ganz schön viel knoten: einen Knoten für den Haken, zwei für den Fasswirbel, der verhindert, dass sich die Schnur verheddert, einen Knoten, um die Leine an der Rolle festzumachen… Bei jedem Knoten kann irgendetwas schief gehen, sodass du am Ende ohne Fisch dastehst, dein Tip-Up nur halb funktioniert und deine Hände definitiv in den nächsten zehn Minuten zu Eis erstarren werden, während du versuchst, es wieder zu reparieren. Kleiner Hinweis für die ganzen Autoren von Angelbüchern: Mit einem einfachen Schwarz-Weiß-Bild hat noch niemand einen Knoten gelernt.

Und es kommt doch auf die Größe an—wenn deine Forelle aus dem Blue Mountain Lake in New York kürzer als 50 Zentimeter ist, musst du sie zurückwerfen.

Nehmen wir aber mal weiter an, dass du ein Meister des Blutknotens geworden bist und auch den verbesserten Clinch blind beherrschst (Irgendwas stimmt doch mit einem Knoten nicht, wenn irgendjemand eine (doppelt) „verbesserte" Version davon erfunden hat?), und dass das Fähnchen an deinem Tip-Up auch aus gutem Grund so wild wackelt. Jetzt musst du den Fisch irgendwie an die Oberfläche bewegen. Ich weiß, das hört sich sehr simpel an. Mit deinen Handschuhen kannst du die Leine natürlich nicht einholen, du musst also deine Eisfinger wieder auspacken. Die Schnur brennt sich scharf in deine Handflächen ein, während der Fisch noch am anderen Ende um sein Leben zappelt. Hmm, ganz schön stark für einen Barsch. Hmm, jetzt wo er etwas weiter oben ist, sieht der auch ziemlich groß aus. Das ist in Wirklichkeit gar kein Barsch, sondern eine große Forelle. Viel zu groß, als dass sie durch das kleine Loch passen würde, dass du gebohrt hast (Eisbohrer haben schließlich unterschiedliche Durchmesser). Der Kopf des Fisches schlägt schon gegen die Eisdecke, deine Angelleine reißt und du sagst der schönen Forelle Lebewohl, die sich dann wieder in die Tiefen des Sees verabschiedet. In den nächsten Tagen wird sie sich keinem kleineren Fisch mehr nähern.

Mein erster Fang beim Eisangeln ind den Adirondack Mountains

Aber stellen wir uns nur einmal vor, du hast deine Beute tatsächlich aus dem Wasser befördert. Ich habe noch nie von jemanden gehört, der Eisfischen nur aus Liebe zum Sport gemacht hat und die Beute kunstvoll wie ein Fliegenfischer eingeholt und wieder zurück ins Wasser geschmissen hat. Aber auch beim Eisangeln kann man nicht jeden Fang behalten. Es gibt Regeln. Diese schöne 50 Zentimeter lange Forelle, die du im Blue Mountain Lake gefangen hast? Nur ein paar Zentimeter zu kurz (Du hast hoffentlich ein Maßband dabei?). Zurück in den See damit, schnell. Du kannst auch nicht mehr als zwei pro Tag mitnehmen (nicht, dass du jemals mehr fangen würdest). Aber wegen des ganzen Quecksilbers solltest du eh nicht so viel davon essen.

Warum also überhaupt der ganze Kram? Naja, frag dich mal, was du den letzten Winter über so gemacht hast. In Jogginghose auf der Couch gesessen und Serien geguckt? Auf künstlichen Pisten Ski gefahren?

Unser Autor geht das erste Mal Eisangeln.

Eisangeln ist auch nicht immer so schlimm, insbesondere wenn du hartnäckig bist und du die richtigen Leute an der Hand hast. Klar, ich habe Leute getroffen, die sechs Löcher gebohrt haben, sich dann in ihr Zelt gesetzt haben um Kaffee mit Billigrotwein zu trinken und am Ende des Tages glücklich nach Hause gegangen sind, wobei ihre Flachmänner genauso leer waren, wie ihre Fischeimer. Dann gibt es aber auch Eisangler wie Captain Bill, der sich auf den unendlichen Weiten des Ontariosees ganz zielstrebig umherbewegt, ein erstes Loch bohrt und sofort zwei Flussbarsche fängt—und zwar mit einem Haken. OK, das passiert nicht jeden Tag.

Ob du es glaubst oder nicht: Manche Leute (mich eingeschlossen) mögen Schnee und Kälte echt gern. Auf der Mitte eines zugefrorenen Sees lässt sich so eine einsame Winterlandschaft doch am besten genießen.

Außerdem gibt es Fisch.