In China kommt dein Essen aus Roboterhand

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In China kommt dein Essen aus Roboterhand

Seit Anfang August flitzen sie durch ein chinesisches Fast-Food-Restaurant und transportieren Tabletts mit Teigtaschen. Die Rede ist aber nicht von Kellnern, sondern von ROBOTERN. Und die sollen, wenn es nach dem Firmenboss geht, eines Tages Menschen...
11 September 2014, 10:00am

Die Roboter-Kellner im Tian Waike Restaurant in der chinesischen Stadt Kunshan sehen so aus, als seien sie zum Zweck der Welteroberung designt worden, erwecken jedoch gleichzeitig den Eindruck, als würden sie nie wieder auf die Beine kommen, wenn du sie einmal umkickst.

Seit Anfang August flitzen sie durchs Fast-Food-Restaurant in der Provinz Jiangsu und transportieren Tabletts mit Teigtaschen, gebratenem Reis und vielem mehr, während ihre metallenen Mitarbeiter das Essen in der Küche zubereiten. Pangolin—das Unternehmen hinter den Robotern—ist vielleicht noch ein gutes Stück davon entfernt, an die Spitze der Fast-Food-Industrie zu steigen, doch Firmenboss Song Yugang hat sich kein geringeres Ziel gesetzt, als irgendwann mal Menschen auf der ganzen Welt durch Roboter zu ersetzen.

Three robots behind the counter

Er hat das Tian Waike eröffnet, um die von ihm geschaffenen Cyber-Köche geschickt in Szene zu setzen. Und die Möglichkeit, sich hier von Robotern bekochen zu lassen, hat sich als durchaus populär erwiesen. Als ich ihn dann am Montag zur Mittagszeit traf, war sein Lokal dennoch menschenleer. Doch Yugang zufolge sieht die Lage am Wochenende ganz anders aus, wo es oft so voll wird, dass er schon gegen Mittag die ersten Leute nicht mehr reinlassen kann.

Obwohl das Lokal hauptsächlich dazu dient, die Roboter potentiellen Käufern schmackhaft zu machen, hat die Entstehungsgeschichte der Cuisine-Droiden einen familiären Hintergrund.

„Ich habe das hier für meine Töchter gemacht", erzählt mir Yugang, der auf dem nächsten Foto zu sehen ist. „Sie tun sich im Haushalt extrem schwer. Ich habe ihnen empfohlen, das Nötigste von meiner Frau zu lernen, aber sie können sich einfach nicht dazu durchringen. Daraufhin warnte ich sie, dass sie so niemals einen anständigen Mann finden würden. Vor knapp vier Jahren haben mir meine Töchter dann den Auftrag gegeben, Roboter zu entwickeln, die sie im Haushalt unterstützen und vor allem auch kochen können. Ich meinte daraufhin nur

OK, wird

gemacht

, und ein guter Vater hält natürlich sein Versprechen."

Owner with menu robot

Nach dem zu urteilen, was die Roboter so alles können (oder eben auch nicht), wird Yugangs Crew aus Fleisch und Blut noch lange nicht den Kochlöffel an den Nagel hängen können. In der Küche gehen aktuell vier Roboter zu Werke und erfüllen ausschließlich leichte Aufgaben wie etwa Quirlen, Umrühren oder Schütteln. Dabei müssen jedoch stets echte Mitarbeiter zugegen sein, die die richtigen Zutaten an den richtigen Ort bringen, Teller umladen oder das Hühnerfleisch kleinschneiden.

So wirkten die Roboter auf mich auch eher wie eine etwas bessere Ausführung einer multifunktionalen Küchenmaschine mit tollen, leuchtenden Augen. Yugang erzählt, dass ihm die Präsenz der Roboter ermöglicht, nur sechs Leute pro Schicht zu beschäftigen. Ansonsten wäre die Arbeitskraft von 20 Personen nötig geworden. Außerdem, so Yugang weiter, kann er dank seiner Roboter mit weniger erfahrenen (und damit günstigeren) Köchen zusammenarbeiten.

Kitchen robot with chicken

„Ein Roboter kann sieben bis acht Jahre im Einsatz sein und schafft dabei mehr als zehn Stunden täglich", berichtet er. „Kellner hingegen schaffen maximal neun Stunden am Tag. Außerdem musst du dich noch um ihre Unterbringung und Verpflegung kümmern. Dieses Problem stellt sich bei unseren Robotern nicht. Sie kosten mich am Tag gerade mal 40 Cent Strom."

Die kellnernden Roboter haben bei mir schon eher Eindruck hinterlassen. Sie sind im Lokal von Tisch zu Tisch gedüst, wo die hungrigen Kunden ihre jeweiligen Gerichte in Empfang genommen haben, bevor sie den Robotern einen Klaps auf den Kopf gaben, um sie somit zurück in die Küche zu schicken.

Toddler with robot waiter

Sie waren zwar nicht imstande, für die dinierende Gesellschaft ein tolles Erinnerungsfoto zu knipsen, aber ihre (zugegeben simplen) Aufgaben erledigten sie tadellos.

„Viele Leute beschweren sich im Internet, dass unsere Roboter zu langsam wären", verrät mir Yugang. „Das liegt aber nur daran, dass oft Kinder im Weg stehen, um mit ihnen zu spielen. Dadurch wird der reibungslose Arbeitsablauf gestört. Die Kinder umarmen oft unsere Roboter und wollen sie am liebsten gar nicht mehr loslassen. Da ich Kinder aber liebe, schreite ich in solchen Situationen nicht ein."

Kid scare of robot

Natürlich blieben auch einige der kleinen Gäste vor Schreck stehen.

Schon am Eingang werden die neugierigen Gäste von einem Begrüßungsroboter empfangen (unten). Der kann prinzipiell zwischen kommenden und gehenden Gästen unterscheiden und gibt dementsprechend entweder ein Hallo oder ein Auf Wiedersehen zum Besten. Aber damit sich seine Roboter nicht verquatschen, bleibt diese Funktion meistens deaktiviert.

Greeting robot

„Unsere kochenden Roboter können auch sprechen, aber diese Funktion habe ich deaktiviert", erzählt er mir. „Schließlich ist für ihre Aufgaben Sprache nicht erforderlich. Roboter können aber schon längst einfache Sätze bilden wie Tut mir leid, ich bin gerade beschäftigt, was sich vor allem bei spielwütigen Kindern anbieten würde_._ Sie sind zudem zu einem sehr einfachen Gespräch fähig, indem sie Fragen à la Wie alt bist du? oder Bist du ein Junge oder Mädchen? formulieren können. Aber auch diese Funktion habe ich abgestellt. Ansonsten würden die Leute nur noch mit den Robotern sprechen wollen."

Natürlich ist die Neuheit von kellnernden und kochenden Robotern der wichtigste Faktor im Tian Waike, doch Yugang ist überzeugt, dass er und seine Roboter an der Spitze einer Entwicklung stehen, die in Zukunft unsere Gastronomie gehörig aufmischen wird. So behauptet er, dass er allein in China „tausende" Aufträge für Arbeitsroboter erhalten hat. Aktuell sucht er nach Investoren, um aus seiner Idee ein weltweit operierendes Franchise zu machen. (Er hat in China schon zwei weitere Filialen eröffnet.)

Food on tray

Er gibt zu, dass er mehr von Robotern als von Gastronomie versteht, und sein Essen bezeugt das leider. Doch auch das wird sich noch verbessern, verspricht mir Yugang. Und ergänzt: „Kochroboter sind echt eine schwierige Angelegenheit. Manche behaupten sogar, dass es leichter ist, ins Weltall zu kommen, als einen guten Roboter zu entwickeln. Wir investieren viel Geld, um sie weiter zu verbessern. Und schon in ein paar Jahren werden wir, wenn wir Hühnchen Kung Pao essen wollen, auf einen Knopf drücken können und einen Roboter mit der Zubereitung beauftragen. Oder aber wir sagen es ihm gleich."

Girls at table with robot

Für den Moment klingt eine von Robotern beherrschte Fast-Food-Industrie noch nach ferner Zukunftsmusik. Genauso wie die Vorstellung, dass ein von Cyber-Köchen kredenztes Gericht wirklich gut schmecken soll.

Aber was soll's. Dann begnüge ich mich eben damit, in ein paar Restaurants in China mein Essen aus den Händen von Objekten entgegenzunehmen, die aus einem Science-Fiction-Film entsprungen sein könnten. Denn die dabei ausgelöste Euphorie peppt sogar das lascheste Gericht wieder auf.

Mit freundlicher Unterstützung von Jane Wu.