Restaurant Confessionals

In Restaurants sind Mörder die besten Kollegen

"Jemand fragte aus Interesse, ob er je jemanden umgebracht hätte. Ganz gelassen antwortete er nur: „Ja, zehn Menschen.“"
5.7.16
Photo by Tibor Kovacs via Flickr

Als ich in verschiedenen Restaurants in New York City gekellnert habe, fand ich es immer toll, dass man mit so unterschiedlichen Personen zusammengearbeitet hat: Schauspieler, Comedians, Musiker und später dann vor allem Musical-Darsteller, die waren total anders. Ein Typ fing einmal an zu weinen, weil er aus Versehen ein Stück Thunfisch gegessen hatte, der nicht ganz den FDA-Richtlinien entsprach. Er verkroch sich hinter der Eismaschine und flennte. Als ich dann mit echten Verbrechern gearbeitet habe, habe ich erkannt, dass man mit ihnen viel besser klarkommt, weil sie einfach wissen, wie viel Scheiß passieren kann.

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Einer der Nachtwächter ist irgendwann nicht mehr zur Arbeit gekommen, weil das FBI ihn gesucht hatte. Anscheinend hatte er jemanden umgebracht. Vielleicht hatte das mit diesem Fall zu tun, wo sich zwei Wachmänner einen Messerkampf geliefert hatten und danach keiner den anderen anzeigen wollte. Ein Typ, Juan, mit dem ich in einem Restaurant in Brooklyn gearbeitet habe, war ging ziemlich offen damit um: Einmal haben wir ihn nach der Schicht gefragt, was er in Mexiko so gemacht hat, bevor er nach Brooklyn kam. Er erzählte, dass er bei der Bundespolizei gearbeitet hatte, woraufhin ihn jemand so aus Interesse fragte, ob er je jemanden umgebracht hätte. Ganz gelassen antwortete er nur: „Ja, zehn Menschen."

Als ich dann mit echten Verbrechern gearbeitet habe, habe ich erkannt, dass man mit ihnen viel besser klarkommt, weil sie einfach wissen, wie viel Scheiß passieren kann.

Musiker sind auch nicht die schlechtesten Kollegen, weil sie einfach nur das machen, wonach ihnen lustig ist.Sie erzählen nicht jedem: „Also eigentlich bin ich Rockstar, das hier ist nur so ein Job." Vor allem den Schriftstellern fiel es schwer, aus ihrem Restaurantjob rauszukommen. Sie meinten immer: „Ach, ich nehm' mir mal frei und schreib ein bisschen." Dann kamen sie an ihrem freien Tag zu uns an die Bar und warteten darauf, dass die Kollegen eintrudeln, damit sie mit ihnen abhängen können.Meine Reaktion war dann immer: „Oh, ich dachte du brauchtest Zeit zum Schreiben."

Schauspielern hilft das Kellnern, glaube ich, um sich auf die nächste Rolle vorzubereiten. Nirgendwo sonst kann so viele verschiedene Charaktere in ihrem natürlichen Umfeld beobachten und sich so etwas von ihren Wesenszügen abgucken. Eine gute Recherchearbeit.

Kellnern kann unglaublich Spaß machen, aber ich glaube, viele legen sich dabei selbst Steine in den Weg. Mit 20 hat mir mal jemand gesagt, wie viel Geld ich in der Gastronomie verdienen könnte. Das war kurz vor meinem 21. Geburtstag, ich suchte gerade nach einer Wohnung in New York, also fand ich die Option gar nicht so verkehrt. Mit einer Woche Arbeit konnte ich die ganze Monatsmiete bezahlen. Erst habe ich versucht, mich mit einem ehrlichen Lebenslauf beim Ruby Foo's in Uptown zu bewerben, ohne Erfolg, weil ich keinerlei Gastroerfahrung hatte. Dann hab ich mir einfach irgendwelche Restaurantnamen ausgedacht, alle angeblich im Raum New York, hab mich mit dem Lebenslauf bei der Filiale auf dem Times Square beworben und bekam den Job.

Schauspielern hilft das Kellnern, glaube ich, um sich auf die nächste Rolle vorzubereiten. Nirgendwo sonst kann so viele verschiedene Charaktere in ihrem natürlichen Umfeld beobachten und sich so etwas von ihren Wesenszügen abgucken. Eine gute Recherchearbeit.

Da habe ich mich dann so durchgemogelt, bis ich irgendwann raus hatte, wie es geht. Ich habe meine Tische immer an andere Kellner abgegeben. Jedes Mal, wenn ich zur Arbeit kam, hatte ich eine Mordsangst, es war einfach schrecklich. Wenn ich einen Tisch abgegeben habe, meinten die anderen nur zu mir: „Das sind doch 200 Dollar extra!" Ich meinte nur: „Nimm ihn, ich kann nicht. Ich werd's nur versauen." Wenn du vor einer neuen Aufgabe keine Angst hast, kannst du es meiner Meinung nach gleich lassen. Ich brauchte diesen Druck für meine Arbeit in Restaurants. Manchmal habe ich ganz typische Fehler gemacht, ich wusste einfach nicht, wie ich mehrere Dinge gleichzeitig tun sollte. Als jemand bei mir zum ersten mal einen Drambuie bestellte, dachte ich, der denkt sich das nur aus. Zum Barkeeper meinte ich dann einfach nur „Drambuie", woraufhin er antworte: „Mit oder ohne Eis?" Diesen Drambuie gab es also wirklich. Ich habe bei den Gästen wirklich alles vermasselt und den gesamten Service aufgehalten. Ein Pärchen dachte mal, ich würde sie mit Absicht so beschissen bedienen, aber ich meinte nur zu ihnen, dass das eben mein Stil ist.

Irgendwann wurde es aber besser und ich habe einige tolle Momente erlebt. Ich habe Catherine O'Hara bedient, die in echt genauso witzig ist wie im Film. Sie hat mich sogar gefragt, welchen Wein ich empfehlen würde, und meinen Rat befolgt. Einmal bediente ich auch einen polnischen Zuhälter, der mir ein großes Trinkgeld versprach, wenn ich dafür sorge, dass „es" schnell kommt. Und er hat sein Versprechen immer gehalten. Vor allem aber habe ich immer davon geträumt, dass irgendwann mal jemand aus meiner Heimatstadt in New Jersey mit seiner oder ihrer Affäre zu uns ins Restaurant kommt. Ich hätte sie dann erpressen können und sie hätten schnell viel Geld vom nächsten Automaten holen müssen. Ein ziemlich kranker Wunsch, aber das wollte ich immer—ist aber nie in Erfüllung gegangen.