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Social Media

Diese Facebook-Gruppe zeigt dir, was du gegen Hass im Netz machen kannst

"Wenn du 100.000 Hater hast, brauchst du das Doppelte oder Dreifache an Nicht-Hatern." – Wie man das schafft.

von Stefan Lauer
16 Februar 2017, 5:00am

Foto: Wikimedia | Bifalcucci | CC BY-SA 3.0

"Was ist denn an diesem Scheißhaufen zu beleidigen", schreiben Leute mit ihrem vollem Namen unter einen Facebook-Post der Tagesschau. Und: "Diese Frau ist einfach widerlich!" Es geht bei dem verlinkten Artikel um die Grünen-Politikerin Claudia Roth und einen Mann, der sie auf Facebook beleidigt hat und deswegen zu 1.920 Euro Strafe verurteilt worden ist. Besorgte Bürger, Trolle und Hetzer sammeln sich unter jedem Post, der nicht ihrem Weltbild entspricht.

Deswegen hat der Werber Hannes Ley zusammen mit seiner Kollegin Judith Marthaler #ichbinhier gegründet. Eine Facebook-Gruppe mit mittlerweile über 18.000 Mitgliedern. Statt selber aggressiv zu werden, will die Gruppe die besorgten Hater dazu bringen, nachzudenken. Vor allem wollen die Mitglieder aber verhindern, dass die Kommentarspalten aussehen, als wären sie das Clubheim von Pegida e.V.

Und es funktioniert tatsächlich. Die Hasskommentare unter dem Artikel zu Claudia Roth beispielsweise werden dank fehlender Likes weit unten angezeigt. Der obere Teil der Spalte wird von Posts dominiert, die mit #ichbinhier getaggt sind und die sich teilweise zwar auch kritisch mit Roth auseinandersetzen, aber ohne Beleidigungen und Lügen auskommen. Wir haben Hannes gefragt, warum sein Einsatz gegen Hass im Netz funktioniert.

Hannes Ley | Foto: Dennis Meier-Schindler

VICE: Wie funktioniert #ichbinhier?
Hannes Ley: Wir machen ein regelmäßiges Medienscreening bei den üblichen Verdächtigen: Tagesschau, ZDF, Focus, Berliner Zeitung, etc. und schauen uns deren Posts an. Wenn wir sehen, dass bei bestimmten Artikeln mit Reizthemen, also zum Beispiel Flüchtlinge, innerhalb kürzester Zeit 50 bis 100 heftige Kommentare drunter stehen, posten wir den Artikel innerhalb unserer Gruppe. Die Gruppenmitglieder kommentieren dann selbst unter den Artikeln, aber sachlich und empathisch mit dem Hashtag #ichbinhier. Das Ziel ist, ausgleichend zu kommentieren und im Idealfall die Stimmung zu drehen.

Gelingt das?
Die richtigen Hater kriegst du nicht umgestimmt. Die hetzen, wiegeln auf, gießen Öl ins Feuer. Das sind immer wieder dieselben Leute, die auch immer wieder dasselbe schreiben. Teilweise auch mit Fake-Profilen ohne Gesicht oder mit Panzern oder dem Eisernen Kreuz als Profilfoto. An die ranzukommen, schafft man nicht. Und generell gilt: Wenn du 100.000 Hater hast, brauchst du das Doppelte oder Dreifache an Nicht-Hatern, um ein anderes Bild zu schaffen. Aber tatsächlich erzählen viele unserer Gruppenmitglieder, dass sie Diskussionen mit Leuten haben oder überhaupt mal ins Gespräch kommen.

Eine Facebook-Diskussion unter einer Meldung von Bild, in der es um den Tod einer jungen Frau geht. Es gab keine Hinweise auf die Identität der Täter. Einige Kommentatoren wussten es aber trotzdem schon ganz genau. Die #ichbinhier-Gruppe übernahm die Diskussion

Wie sieht ein Kommentar aus, der wirkt?
Hate Speech basiert immer auf pauschalisierenden oder beleidigenden Aussagen. Zum Beispiel: "Die Flüchtlingskriminalität ist höher als die von Deutschen." Das ist falsch. Das Bundeskriminalamt belegt das Gegenteil. Keiner von diesen Leuten kann dir eine Statistik zeigen, die seine Aussage belegt. Wir empfehlen, das in Frage zu stellen: "Wie kommst du denn da drauf? Ich habe hier eine Statistik, die sagt, dass es ganz anders ist." Es geht darum, Leute, die solche Aussagen treffen, aufzufordern, sachlich zu argumentieren. Anders bei Sätzen wie "Merkel, die alte Rautenschlampe, muss weg". Das ist eine ganz klare Beleidigung. Man kann fragen: "Würdest du deine Mutter im Gespräch eigentlich auch Schlampe nennen?" Im Idealfall bringt es denjenigen zum Nachdenken.

Die Facebook-Gruppe hat jetzt über 18.000 Mitglieder. Wie viele Leute sind aktiv?
Geschätzt 200 bis 300 aktive Schreiber und ein paar Tausend Liker. Ganz viele Leute schauen sich das Ganze erstmal an. Irgendwann machen sie die ersten Likes, ganz zaghaft eine Woche später schreiben sie ihren ersten Kommentar und dann auf einmal sind sie voll dabei.

Du beschäftigst dich jetzt seit Wochen mit Hass auf Facebook, was ist das Schlimmste, das du gelesen hast?
Vor ein paar Tagen wurde in Neukölln ein Flüchtling in einer Kleingartenkolonie ermordet. Die Leute haben in den Kommentarspalten angefangen, sich darüber lustig zu machen. Ein Profil mit dem Bild eines Mädchens, das eigentlich ganz sympathisch aussah, schrieb: "Der hätte mal in Damaskus bleiben sollen, da ist es ja schön warm und sicher und er wäre jetzt höchstwahrscheinlich noch lebendig. Aber naja, so haben wir ja viel Geld gespart." Das hat mich tagelang beschäftigt.  

Kommentare unter einem MDR-Post zu einer Kunstaktion in Dresden, die auf Flüchtlinge aufmerksam macht, die im Mittelmeer ertrunken sind.

Ist das alles auf die Dauer nicht auch furchtbar frustrierend?
Klar, aber ich mache auch viel Organisatorisches im Hintergrund und kann mich immer ein bisschen aus dem Inhaltlichen rausziehen. Das machen viele genauso. Leute sagen: "Ich gehe jetzt mal zwei Stunden raus und in die Sauna, ich halte das nicht mehr aus." Diese intensive Beschäftigung mit Hass zermürbt, aber die Leute kommen trotzdem in die Gruppe zurück und haben das Gefühl, dass sie aufgefangen werden.

Wie reagieren organisierte rechte Facebook-Gruppen auf euch?
Ich bin mir sicher, dass wir Maulwürfe drin haben. Wir haben auch Informationen aus rechten Gruppen, in denen dazu aufgefordert wird, unseren Hashtag so oft wie möglich zu benutzen. Wenn 18.000 Leute unter diesem Hashtag vernünftig argumentieren und ein paar Dutzend ihn missbrauchen, stellt das die Sachen nicht grundsätzlich in Frage.

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