"Tausende Studenten fechten jedes Semester häufig bis aufs Blut" – OK Kid über Burschenschaften

OK Kids neues Video "Es ist wieder Februar" hat uns bedrückt zurückgelassen. Also haben wir nachgefragt, wie sie auf diese Idee kamen.

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15 Februar 2017, 3:35pm

Foto: Screenshot von YouTube aus dem Video "Es ist wieder Februar" von okkidVEVO

"Endlich wieder Februar, niemand lacht mir kälter ins Gesicht" – Fast ein ganzes Jahr nach Veröffentlichung haben OK Kid die letzte Single von Zwei veröffentlicht. Wenn der Song schon "Es ist wieder Februar" heißt, kann der eben nicht im August bei drückender Hochsommerhitze releast werden. Zumal beim Ansehen des Videos nichts ferner scheint als Pommes-Rot-Weiß im Freibad. Wie schon bei "Gute Menschen" hat das Trio zusammen mit dem Produzenten No Drama einen regelrechten Kurzfilm geschaffen, der uns bedrückt zurücklässt. Zu sehen ist ein Fechtkampf in einer zutiefst traditionellen Studentenverbindung, einer sogenannten Burschenschaft. Ausdruckslose Blicke, echte Rivalität, aufeinanderklirrende Waffen, fließendes Blut. Dass so etwas wie diese Mensur tatsächlich noch existiert, scheint surreal.

Burschenschaften meiden eher das Licht der Öffentlichkeit, stehen doch einige Verbindungen in engem Kontakt zur rechtsextremen Szene und treten auch sonst sexistisch, homophob und konservativ auf. Wir wollten wissen, was genau hinter dem Video zu "Es ist wieder Februar" steckt und haben Jonas von OK Kid angerufen. Er hat uns erzählt, wie sie es geschafft haben, dass sie in einer echten Burschenschaftsvilla drehen und sogar den realen Kampf mitfilmen durften und warum man als junger Student überhaupt bei sowas mitmacht:

Noisey: Wie seid ihr denn auf die Idee für das Video gekommen?
Jonas: Wir haben uns gefragt, wie wir den Song bebildern können – den Struggle mit sich selbst und dass man durch etwas durch muss, um für das Leben stärker zu sein, nicht Verdrängen sondern Probleme anzugehen. Dann kamen wir auf diese schlagende Verbindung. Wir wollten die Geschichte eines Typen erzählen, der in so einer schlagenden Verbindung ist und aus seinem Kosmos heraus das Gleiche empfindet, was wir mit dem Song ausdrücken wollen, aber im ganz anderen Kontext. Dann haben wir gedacht, dass wir diese Geschichte doch in einer Burschenschaft erzählen könnten. Wir sind ja auch nicht gerade bekannt für Musikvideos, wo wir nur mit unseren Instrumenten posen und mit Regen und Wind performen.

Im zweiten Schritt kamen wir dann darauf, dass Burschenschaften ein krasses Politikum in Deutschland sind. Der Nebeneffekt eines Videos ist ja, auf Sachen aufmerksam zu machen, die wirklich Realität sind. Vielen der Leute, die uns hören, ist das vielleicht gar nicht so klar, dass sowas noch Alltag an deutschen Unis ist.

Kennt ihr denn jemanden, der in einer Burschenschaft ist?
Wir kennen keinen. Raffi und ich kommen aus Gießen, Moritz aus Marburg, da sind eben Verbindungen. Das sind immer die fetten Villen, wo gerne Deutschlandfahnen hängen. Man weiß ja nicht, was da eigentlich abgeht. Das war tatsächlich das erste Mal, dass eine Mensur gefilmt wurde. Es gibt davon einfach keine Filmaufnahmen. Wenn es sowas mal gab, wurde es ausgeblendet, weil kein Team dabei sein durfte. Wir haben das durch mehrere Treffen hinbekommen. Die Jungs, die da kämpfen, sind richtige Burschen, die mit echten Waffen in ihrer originalen Kleidung fechten. Eigentlich sind die so geübt, dass die sich nicht verletzen, aber haben sich dann trotzdem getroffen. Die Jungs von No Drama, mit denen wir alle Videos für Zwei gemacht haben, waren kurz davor, das abzubrechen, weil der Eine wirklich was abbekommen hat.

Wie war denn die Stimmung in so einer Villa?
Von dem, was man kennt, hat man ein komisches Gefühl. Du kommst da in ein komplett geschlossenes System rein, wo keiner von außen wirklich weiß, was denn hinter den verschlossenen Türen passiert. Für uns war es spannend, Leute kennenzulernen, mit denen man sonst überhaupt nichts zu tun hat. Das ist ein Paralleluniversum, wo man sich untereinander austauscht und Feste feiert. Auch dieses Ehrgefühl ist so krass. Das kennt man ja gar nicht mehr, dieses "Wenn du mich oder meine Freundin beleidigst, dann fordere ich dich zum Duell heraus". Das ist bei denen Alltag. Es kommt nicht jeden Tag vor, gehört aber zum guten Ton, dass man in solchen Situationen seinen Mann steht und dann gibt es einen Kampf.

Was hat man denn überhaupt davon, da beizutreten?
Ich kenne jemanden, der sehr stark links orientiert ist und da mal gewohnt hat, wegen der Miete. Er hat selbst nicht mit geschlagen. Er ist dann wieder ausgezogen, weil es ihm zu strange war. Es wird einige geben, die deswegen da wohnen. Die alten Herren finanzieren die Villa und du kannst da für einen Appel und ein Ei eine Bude bekommen. Ich kann mir auch vorstellen, dass dieses Gemeinschaftsgefühl ein wichtiger Grund ist. Und dass du dich mit Leuten mit einem konservativen Gedankengut dort versammelst, wo du dich auch wohlfühlst. Es ist auch schon eine Elitenbildung: Die alten Herren könnten dir Jobs in der Wirtschaft und teilweise auch Politik verschaffen. Familientradition spielt, glaube ich, auch eine wichtige Rolle.

Uns ist aber einfach nicht klar geworden, was einen dazu bewegt, dort mitzumachen. Es gibt Verbindungen, da musst du schlagen. Die trainieren fünf Mal die Woche. Dann müssen die viel über die Tradition der Burschenschaft lernen, haben Prüfungen, wo sie nach einem Jahr erst wirklich in der Verbindung aufgenommen sind. Es geht viel um Zugehörigkeit.

Ich bin vorhin auf Facebook auf die Seite einer Jenaer Burschenschaft gestoßen, die kürzlich ein Mensur-Bild gepostet haben, wo Blutflecke auf der weißen Fechtkleidung zu sehen sind. Da war euer Video und die Realität kurz in Einklang.
Das war unser Anspruch: Wenn wir das Video drehen, wollten wir es auch so drehen, dass es 1:1 der Realität entspricht.

Denkst du, OK Kid-Fans, die in Burschenschaften sind, könnten sich jetzt angegriffen fühlen?
Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass jemand, der unsere Musik und Inhalte abfeiert, einer Burschenschaft zugehörig ist. Als die Idee da war, haben die Leute, die mit uns zusammenarbeiten, auch gefragt, ob es unbedingt so ein Video sein muss. Aber warum sollte sich jemand angegriffen fühlen? Wir zeigen nur das, was Realität ist. Wir feiern es nicht ab, wollten aber auch nicht mit dem Zeigefinger kommen. Dieses Ritual, was man da sieht – dass man ein Ehrgefühl bekommt und Stolz darauf ist, das durchlebt zu haben, ist so surreal, dass man eigentlich den Kopf schütteln müsste. Das reicht uns an Wertung aus.

Als ihr in der Villa wart: Wurdet ihr gefragt, ob ihr deren Leben in einem schlechten Licht darstellen werdet?
Die Burschenschaften haben natürlich einen sehr schlechten Ruf. Häufig auch zu Recht. Es geht nicht in unseren Kopf rein, wie man sich einer schlagenden Verbindung anschließen kann. Diese Menschen sind medienscheu, weil sie Schiss davor haben, dass man das ins schlechte Licht rückt. Wir haben gesagt, dass wir das neutral halten wollen. Wir haben nicht die Farben ihrer Burschenschaft benutzt. Wir wollten das auf eine allgemeine Ebene heben. Klar, die hatten da erstmal keinen Bock drauf. Dadurch, dass du so eine Mensur offenlegst, zeigst du den Leuten ja, was dort Alltag ist. Tausende Studenten fechten jedes Semester häufig bis aufs Blut.

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