Ich habe endlich meine Durian-Jungfräulichkeit verloren
Photo courtesy of Lindsay Gasik / Year of the Durian

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Früchte

Ich habe endlich meine Durian-Jungfräulichkeit verloren

Ich begab mich auf ein Abenteuer nach Malaysia, um die urzeitliche und stinkendste aller Früchte zu kosten: die Durian
27.11.14

Ich hatte nie wirklich das Bedürfnis Durian, die Stinkfrucht, zu probieren. Als ich noch klein war, sah ich sie immer auf der Veranda bei meiner Tante in Hongkong liegen und von ihrem grauenhaften Gestank musste ich würgen. Da stimme ich völlig dem Konsens des Westens zu: Sie riechen nach Scheiße und schmecken nach Furz. Sogar Anthony Bourdain warnte uns einst: „Dein Atem wird riechen, als hättest du mit deiner toten Oma gezüngelt."

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Diesen Sommer verbrachte ich einen Monat in Malaysia und das Unvermeidbare trat ein. Überall wurde ich an Durian erinnert. In meinem Hotel hingen Schilder, um die Leute davon abzuhalten, mit dieser stinkenden Frucht in unsere zivilisierte, schöne Lobby einzutreten. Die Einheimischen verteidigten sie mit Leidenschaft. Überall gab es Werbungen für Durian-Messen und -Festivals und ich wurde mit Fragen darüber gelöchert, was ich denn von der letzten Ernte halte.

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Ein Durian-Verrückter auf der Farm. Foto von der Autorin.

Es waren nicht einmal nur die Einheimischen. Ich traf amerikanische und europäische Hippies, die sich selbst zu „Durian-Jägern" ernannten. Sie reisten durch Südostasien von Plantage zu Plantage, um sich gegenseitig von den cremigen, mandelartigen und käsekuchenähnlichen Eigenschaften des Fruchtfleischs vorzuschwärmen. Sie erzählten mir von einem ihrer Freunde, der sich drei Monate ausschließlich von Durian ernährte. Ein anderer brauchte jeden Abend ein Stück Durian, sonst konnte er nicht einschlafen.

Der westlichen Welt ist die Durianfrucht zwar erst seit 600 Jahren bekannt, eigentlich stammt die Frucht, die wie ein Reptil aussieht, aber aus der Urzeit. In ganz Asien haben sich Mythen über diese Frucht verbreitet. Auf Java wird eine Legende erzählt, die besagt, dass der Mensch und der Tiger früher beste Freunde waren und sich einen Teller Durianfrucht teilten, bis der Mann sich eines Tages den Daumen an den spitzigen Zacken aufschnitt und das Blut über das Fruchtfleisch floss. So entwickelte der Tiger einen Geschmack für das menschliche Blut. (Randbemerkung: Manche fleischfressende Tiger mögen tatsächlich Durian, vermutlich wegen ihres faulenden, fleischigen Geruchs.)

Das Durian-Gewerbe an sich ist eine relativ neuartige Erscheinung. In den 70er-Jahren begannen einige Länder in Südostasien die tausenden Sorten zu registrieren und erst in den 90er-Jahren stieg die Nachfrage. Im Western ist die Frucht sogar ein noch neuerer Trend. Die Durian-Connaisseurin Lindsay Gasik begann 2012 ihren Blog Year of the Durian zu schreiben und veranstaltet Reisen zu Durian-Hotspots.

„Bevor du die Reise antrittst, musst du dir auf jeden Fall überlegen, welche Art von Durian du gerne magst", sagt Gasik. „In Thailand werden sechs Mal so viele Durianfrüchte produziert, wie in den anderen Ländern der Welt. Dort schmecken sie aber oft sehr süß und sie werden noch unreif geerntet. Malaysia ist der Geburtsort der Durian, das Zentrum seiner genetischen Vielfalt und einer der aufregendsten Orte, um verschiedene Geschmäcker und Sorten auszuprobieren."

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Mit dieser Info im Hinterkopf machte ich mich auf nach West-Penang in Malaysia. Diese Seite der malaiischen Tropeninsel ist dank gut funktionierender Bewässerungssysteme, Granitformationen, dem hügeligen Land und der warmen Luft für seine qualitativ hochwertigen Durianfrüchte bekannt. Von mehreren Durian-Jägern hatte ich von der Freedom Eco Farm gehört. Sie alle empfahlen mir einen Besuch der biologischen Plantage mit ihren 350 Durianbäumen, die mehr als 20 verschiedene Premium-Sorten tragen.

Um dort hinzugelangen, geht es mehrere Kilometer steil aufwärts. Am besten bewältigt man die Strecke mit einem Motorrad. Ich hingegen saß in einem beschissenen Van, der auf der Hälfte des Weges kaputt ging und so musste ich den letzten Kilometer zu Fuß gehen. Der Plantagenbesitzer Joseph Teoh begrüßte mich mit einer Warnung, aufmerksam auf das Geräusch von fallenden Durianfrüchten zu achten und nicht direkt unter den Bäumen durchzugehen.

Ich bemühte mich also, nicht Teil der Statistik zu werden (laut aktuellen Zahlen endeten im Jahr 2012 sechs Zwischenfälle mit Durianfrüchten tödlich) und bahnte mir den Weg mit zugehaltener Nase und mit dem Blick nach oben durch die Plantage. Ich stolperte über Durian-Leichen, während mir Teoh vom Plan für den Vormittag erzählte.

Teoh war früher Banker, der sein Großstadtleben aufgab, um sich den ganzen Tag den Bauch mit Durianfrüchten vollzuschlagen. Heute beobachtet er seine Besucher ganz genau, weil er glaubt, an deren Charaktereigenschaften zu erkennen, welche Art von Durianfrüchten sie gerne essen. Er analysiert die Kleidung („Wenn sie grelle Kleidung tragen, dann ist es wahrscheinlicher, dass sie auch Durianfrüchte mit grellem Fruchtfleisch mögen"), das Aussehen, das Parfüm—er achtet darauf, was sie attraktiv finden. „Wir sind alle Teil der Natur. Gewisse Dinge sind vorhersehbar", sagt Teoh und betrachtet mich von oben bis unten, bevor er sich auf die Suche nach der passenden Durian-Auswahl aufmacht.

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Die Autorin, wie sie gerade ihre Jungfräulichkeit mit Joseph Teoh verliert. Foto von der Autorin

Er kam zurück und präsentierte mir die „Red Prawn": eine der beliebtesten Durianfrüchte der Welt mit farbigem Fruchtfleisch und einer berüchtigten, robusten Schale. Er zeigte mir, wie man durch die Biegsamkeit des Stamms und durch die Struktur der Zacken herausfindet, ob die Frucht schon reif ist. Dann brach er sie mit seinen Händen auf und bot mir ein Stück des schrumpeligen Fruchtfleischs an.

Mit Durianfrüchten ist es so: entweder man liebt sie oder man hasst sie. Wie bei Pudeln, Star Wars oder Kim Kardashian haben die Leute eine leidenschaftliche Meinung darüber—egal, ob positiv oder negativ. Deshalb war für mich die ganze Sache so enttäuschend, weil ich weder Wogen der Ekstase verspürte, noch kam mir vor Ekel das Kotzen. Es ist zweifelsohne eine ziemliche Geschmackssensation: üppig und butterig auf der Zunge, klebrig und supersüß, ein bisschen scharf, fast wie ein Dessertwein, aber mit diesem Nachgeschmack von gammliger Socke, der einfach nicht vergeht.

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Teoh stellte seine weitere Auswahl an Durianfrüchten vor mir auf, jede mit einer überraschend ausgeprägten Konsistenz und verschiedenen Aromen, von denen ich manche ein kleines bisschen lieber, anderen ein kleines bisschen weniger mochte. Eine Sorte mit dem Namen „Jackie Chan's Wife" war besonders hell und bitter, während der „Nutmeg King" nach einer tiefen, komplexen Mischung aus Gewürzen schmeckte, die ich zwar begrüßte, aber irgendwie nicht richtig genießen konnte. Keine der Früchte haute mich richtig um.

Als Dessert gab es ein Stück hausgemachten Duriankuchen. Ich sah dabei zu, wie mehr als 20 Durianfrüchte zermanscht und vier heiße Stunden lang über einem offenen Feuer regelmäßig umgerührt wurden, bevor Kokosnussöl dazukam und das Ganze zum Auskühlen zur Seite gestellt wurde. Ich probierte ein Stück und trank dazu Kräutertee. Es schmeckte nach einer konzentrierten Emulsion von fragwürdigen Aromen, nur ohne die cremige Konsistenz der Frucht.

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Duriankuchen. Foto von der Autorin

Ich verließ die Plantage mit einem vollen, leicht mulmigen Gefühl. Dass ich mein Bestes gegeben hatte, fühlte sich gut an, obwohl ich enttäuscht war, dass ich nicht zu einem eingeschworenen Durian-Jünger konvertieren wollte. Ich beobachtete eine Durian-Touristengruppe, die gerade auf der Plantage angekommen war, dabei, wie sie in einem Kreis saß und sich an ihrem für sie zusammengestellten Durianbuffet bediente. In Euphorie über das Geschmackserlebnis der faustgroßen Fruchtfleischstücke, kamen sie sich näher, während sie Geschmacksnoten und Konsistenz verglichen und sich ihre gelben Hände voller Fruchtfleisch im Gras abwischten.

„Es gibt einige Verrückte da draußen, wenn es um Durian geht", meinte Teoh liebevoll.