Popkultur

Mit der neuen Folge 'Browser Ballett' zieht das Internet ins Fernsehen ein

Auch wenn die Witze nicht alle knallen, schafft die ARD ein mutiges Fernsehformat, das ältere Zuschauer über- und jüngere unterfordern dürfte.
26.1.21
Schlecky Silberstein und Christina Schlag sitzen am Schreibtisch, sie ziehen mit ihrer Sendung Browser Ballet vom Internet ins Fernsehen
Foto: rbb | Steinberger Silberstein GmbH | Max Motel   

Es ist ja eigentlich fast egal, was das öffentlich rechtliche Fernsehen anders macht. Es kann mit jeder Veränderung nur gewinnen. Dass die ARD heute also die zweite Folge des Browser Balletts ausstrahlt, ist für sich schon ein Erfolg. Aufs Programm selbst kommt es dabei kaum an. Und doch schafft es die Sendung, einen Hauch von Großartigkeit zu vermitteln und das Gefühl, dass auch kreativer Quality Content ein Zuhause im deutschen Fernsehen findet.

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Eins vorweg: Besonders witzig ist das alles trotzdem nicht. Aber es ist hochwertig produziert, innovativ, kreativ. Und selbst, wenn man den Humor nicht teilt, kann man doch Freude an der Show haben. Einfach weil sie vieles anders macht. Und weil man sich die verdutzten Gesichter im öffentlich-rechtlichen Stammpublikum vorstellen kann, das heute Nacht hochschreckt, weil es mal wieder vor ihrem Fernseher eingenickt ist, und plötzlich mit Fernsehen konfrontiert wird, das intellektuell und ästhetisch fordert.

Dabei ist die Show aufgebaut wie die erste, die am 3.12. gelaufen ist. Eine Late Night-Show, moderiert von Schlecky Silberstein und Christina Schlag, in die immer mal wieder Sketche und kleine Formate eingebaut werden. Einige funktionieren ganz gut, andere gar nicht und wieder andere sollen gar nicht wirklich unterhalten, sondern eher informieren. 

Wie zum Beispiel das Quiz im letzten Drittel der Sendung: Erlaubt oder Verboten. Die Moderatoren müssen sich entscheiden, ob Aussagen und Bilder, von denen die meisten aus sozialen Medien stammen, straffrei sagbar sind. Da kommen dann Hetze gegen Flüchtlinge auf den Tisch, die Abbildung von NS-Symbolen oder die Beleidigungen gegen Renate Künast, deren Rechtswidrigkeit sie durch mehrere juristische Instanzen einklagen musste, ohne je in allen Punkten Recht zu bekommen. Josephine Ballon von HateAid, einer Institution, die gegen Hass im Netz vorgeht, erklärt dann die jeweiligen Fälle. Das soll gar nicht witzig sein, hoffentlich zumindest. Dafür kann man etwas darüber lernen, wen man wie doll beleidigen dürfte, falls man wollte. Natürlich bleibt das in den wenigen Minuten alles sehr oberflächlich, aber einen ersten Eindruck bekommt man doch.

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Witzig und mutig hingegen ist ein Format, ebenfalls aufgebaut wie eine Art Quizshow, in dem die Teilnehmer an Pulten stehen wie bei Jeopardy und auf eine Frage des Moderators antworten sollen. Das Format heißt "Menschen, um die es geht, selbst befragt". Die Menschen, um die es geht, sind dabei prominent bis sehr prominent und schwarz oder People of Colour. Silberstein fragt sie etwa, ob man das N-Wort sagen darf und die Pointe soll hier nicht vorweggenommen werden. Denn es geht auch darum, dass das Browser Ballett offenkundig viel Arbeit in etwas gesteckt hat, was am Ende kaum Platz in der Sendung einnimmt. Das ist Commitment für einen kurzen Gag, der wiederum eine wichtige Aussage trifft, ohne dass man sich durch eine Stunde “hart aber fair” quälen müsste, bei der diskriminierte Menschen mit Rassisten diskutieren müssten. Die Sendung lebt also von den Brechungen, die durch die Einspieler entstehen. Als Zuschauer wird man so auch mit der Frage konfrontiert, warum Fernsehen ist, wie es ist und ob das so sein muss. 

Es sind vielleicht auch gar nicht die großen Sketche mit den berühmten Schauspielern, die das Browser Ballett schön machen, sondern die vielen kleinen Einfälle, die sich liebevoll durch die Sendung ziehen. Manchmal meint man, ein bunt und hübsch designtes Magazin in den Händen zu halten, in dem man zwar die großen Reportagen schon aus der Zeit zu kennen meint, bei dem man aber auf jeder Seite tausend Dinge entdecken kann, die Spaß machen oder zu Gedanken anregen. Und das ist so viel, dass es dem ein oder anderen ARD-Zuschauer schwer fallen wird, seine Sehgewohnheiten repräsentiert zu finden.

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Als Karl-Heinz also eines Nachts von unruhigen Träumen erwachte, fand er sein so vertrautes Erstes zu einem lauten, bunten Allerlei aus politischer Satire verwandelt. Denn es sind vor allem die Kleinigkeiten, die ein bisschen schrill und nervig sein könnten. Moderatorin Christina Schlag, heißt es einmal, habe sich jetzt impfen lassen und den Chip von Bill Gates im Hirn. Von nun an wird es der Running Gag der Folge, dass sie unter den ächzenden Tönen eines Windows-Betriebssystem immer mal wieder einfriert, abstürzt, neugestartet werden muss. Ein Witz also, der flach auf der Hand liegt. Aber vielleicht hat Karl-Heinz ihn halt noch nicht gehört und wird nun bewegt, die seltsamen Chat-Nachrichten aus seinen WhatsApp-Gruppen zu hinterfragen. 

Und was wahrscheinlich sogar wichtiger ist: Vielleicht wird er seine Sehgewohnheiten hinterfragen. Das Browser Ballett stammt ja aus dem Internet, ist sozusagen ein altes Funk-Gewächs, das durch seine Popularität nun in die Linearität wuchert wie ja auch Böhmermann sich immer tiefer ins klassische Fernsehen gräbt. Das Internet, seine Sprache, sein Witz, seine Geschwindigkeit und seine Kreativität kommen also endlich im biederen Mainstream an. Natürlich klappt das alles noch nicht reibungslos und das volle Potenzial des Browser Balletts ist noch nicht erreicht - aber Böhmermanns neue Show war in den ersten paar Folgen auch furchtbar ungegenwärtig und ist mittlerweile top recherchiertes Fernsehen in einem Ton, dem man zuhören möchte.

Das Browser Ballett macht also inhaltlich wenig neu. Die Themen, die es bedient, sind bei Twitter schon totgegagt, alle Witzchen vermemet worden und für Millennials etwas ausgelutscht. Aber die Ästhetik ist genau auf sie zugeschnitten. Vielleicht ist das Browser Ballett also die Heute Show für Millennials. Und Menschen, die nicht den ganzen Tag auf Social Media rumhängen, werden sich über die Themen freuen können, während der Ton sie komplett überfordert. Und beides ist doch ganz gut, oder?

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