Menschen

Was es bedeutet, wenn du deinen Herzschlag spüren kannst

Die Intensität sagt viel über deine Psyche und mentale Gesundheit aus.
24.2.20
Ein Hybrid aus Herz und Hirn, symbolisiert wie das spüren des Herzschlags mit der Psyche zusammenhängt
Illustration: Hunter French

Lass mal kurz alles stehen und liegen und konzentriere dich ganz auf deinen Körper und die Empfindungen darin. Fokussiere dich auf deinen Herzschlag und versuche, jeden Schlag bewusst zu spüren. Wir stark nimmst du das Klopfen wahr? Merkst du alle Schläge oder nur einige?

Diese Fähigkeit, den eigenen Herzschlag und andere innere Empfindungen zu spüren, nennt man Interozeption. Das Gegenteil davon ist die Exterozeption, was die Signale umfasst, die von der Außenwelt auf uns einprasseln – etwa Licht, Geräusche oder Berührungen.

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Die Interozeption hilft uns dabei, den Bedürfnissen unseres Körpers nachzukommen. Interozeptive Hinweise teilen uns zum Beispiel mit, wenn wir hungrig sind, wenn wir etwas trinken sollten, wenn wir pinkeln müssen. Die Interozeption ist jedoch mehr als nur ein "Ratgeber". Unsere inneren Empfindungen hängen auch mit unseren Emotionen und Gedanken zusammen.

Forschende, die sich mit unserer Körperempfindung beschäftigen, haben herausgefunden, dass vor allem der Herzschlag eine direkte Verbindung zum Gehirn und den psychischen Zuständen sein kann. Der Herzschlag kann einen Einfluss darauf haben, was und wie intensiv wir etwas spüren. Er kann dich von gewissen Erinnerungen ablenken oder dich noch mehr an sie klammern lassen. Und wie stark du denkst, deinen eigenen Herzschlag spüren zu können, könnte ein Hinweis darauf sein, ob du unter Angstzuständen oder anderen psychischen Gesundheitsstörungen leidest. Was noch spannender ist: Leuten beizubringen, den eigenen Herzschlag genauer zu spüren, könnte bald eine Behandlungsmethode für diese Störungen sein.


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Normalerweise merken wir gar nicht, wie unser Herz schlägt. Aber bei jedem Schlag werde ein Signal ans Gehirn gesendet, sagt Sarah Garfinkel, eine Neurowissenschaftlerin an der University of Sussex und eine führende Expertin beim Thema Herz und dessen Verbindung zu Gefühlen.

Eigentlich könnte man meinen, dass unsere emotionalen Zustände den Ton angeben und sich auf unser Herz auswirken: Wenn wir zum Beispiel Angst haben, klopft unser Herz schneller. Das Ganze ist jedoch keine Einbahnstraße. Die Signale unserer Körper beeinflussen auch unsere Gefühle.

Was kam zuerst: Die Angst oder das Herzklopfen?

Die Diskussion zum Zusammenhang zwischen Körper und Emotionen geht zurück bis zu William James, der als Begründer der Psychologie in den USA gilt. Ende des 19. Jahrhunderts stellte er die These auf, dass Emotionen lediglich Namen seien, die wir den Empfindungen in unseren Körpern geben. Wenn unser Herz beispielsweise heftig schlägt, verursacht diese körperliche Empfindung das, was wir als "Angst" kennen. Es ist nicht so, dass wir Angst bekommen und unser Herz daraufhin intensiver schlägt. Nein, unser Herz klopft intensiver, was die Angst erst auslöst.

Das ergibt Sinn. Ist es überhaupt möglich, wütend zu sein, ohne ein rotes Gesicht zu bekommen, ohne Herzrasen zu verspüren, ohne die Zähne zusammenzubeißen, ohne die Nasenflügel aufzublähen? Oder kann man Trauer verspüren, ohne zu weinen, ohne dass einem der Atem stockt, ohne dass es im Herzen sticht? Eine komplett vom Körper getrennte Emotion gebe es nicht, sagte auch James.

Heutzutage wissen Forschende dank Gehirnscans, dass die anteriore Insula – also der Bereich des Gehirns, der körperinterne Empfindungen verarbeitet – auch bei der Verarbeitung von Emotionen eine wichtige Rolle spielt. Das bekräftigt James' Vorstellung, dass Emotionen und der Körper eng zusammenhängen. Die Neurowissenschaftlerin Lisa Feldman Barrett hat durch ihre Forschungen herausgefunden, dass Emotionen durch körperliche Empfindungen, durch vergangene Erlebnisse, durch die emotionalen Konzepte unserer Eltern und durch die kulturelle Erziehung geformt und definiert werden. Emotionen sind weniger eine Reaktion auf unsere Umgebung, sondern mehr eine Erfindung unserer Gehirne, die unsere Empfindungen erklären soll.

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Angst kann durch den Herzschlag intensiviert werden. 2014 zeigte die Neurowissenschaftlerin Garfinkel ihren Probanden und Probandinnen Bilder von ängstlichen, fröhlichen, angewiderten und angsterfüllten Gesichtern. Die Leute, denen die angsterfüllten Gesichter vorgesetzt wurden und die man gleichzeitig anwies, auf ihren Herzschlag zu achten, gaben an, ihren Herzschlag intensiver wahrzunehmen.

Die Psyche beeinflusst die eigene Wahrnehmung des Körpers

Trotzdem gebe es laut Garfinkel so viel, das wir noch über die Interozeption herausfinden müssen. Menschen, die schnell Angst haben, können sich zu sehr auf ihre körperlichen Empfindungen fokussieren. Ich leider unter Angststörungen. Achte ich von selbst mehr auf meinen Herzschlag oder klopft mein Herz abnormal und verursacht so meine Angst? Wie unterscheiden wir zwischen dem, was wirklich passiert, und meiner voll aufgedrehten Interozeption?

Garfinkel und ihren Kollegen ist es wichtig, genau solche Nuancen zu erfassen, anstatt die Herzschlag-Feststellung als untrennbare Einheit zu betrachten. Laut der Neurowissenschaftlerin zeigten die Untersuchungsergebnisse zudem, dass die Selbstwahrnehmung oft nicht der Realität entspricht.

Menschen mit Angststörungen gehen eher davon aus, dass ihre Interozeption sehr genau ist. Das ist häufig ein Fehleinschätzung. "Man denkt vielleicht, das gut zu können", sagt Garfinkel, "aber wenn wir das Ganze dann im Labor überprüfen, ist es gar nicht so genau." Diese Differenz zwischen der eigenen Einschätzung und der wirklichen Genauigkeit ist ein starkes Anzeichen für Angsstörungssymptome.

Garfinkel hat zudem die Interozeption bei Menschen mit Autismus untersucht, die häufig unter Angststörungen leiden. Dabei kam heraus, dass auch deren Interozeptions-Genauigkeit eher niedrig ist.

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"Ich glaube, dass die Interozeption Hinweise auf psychische Störungen geben kann. Trotzdem wird sie in der Wissenschaft eher nicht beachtet", sagt Sahib Khalsa, ein Neurowissenschaftler am Laureate-Institut für Hirnforschung in Oklahoma. Das ändert sich allerdings langsam. Laut Khalsa sei es in den vergangenen zehn Jahren immer ersichtlicher geworden, dass interozeptive Defizite bei vielen verschiedenen Störungen präsent sind – etwa bei Panikattacken, bei Depressionen, bei Essstörungen, bei somatoformen Störungen, bei Drogensucht und bei Posttraumatischen Belastungsstörungen.

Manos Tsakiris, ein kognitiver Neurowissenschaftler am Royal-Holloway-College der University of London, hat herausgefunden, dass Menschen mit einer niedrigeren Interozeption mit ihrem eigenen Körperbild unzufrieden sind. Außerdem neigen diese Menschen dazu, ihren Körper mehr zu objektivieren. "In anderen Worten: Sie betrachten ihren Körper nicht in Sachen Gesundheit und Wohlergehen, sondern in Sachen Sexappeal und Attraktivität", sagt Tsakiris.

Forschende glauben, dass man die Interozeption trainieren kann

Im Labor untersuchen Tsakiris und seine Mitforschenden diese Verbindung genauer: Im Zuge einer Studie messen sie bei Mädchen vor und nach der Pubertät die Zufriedenheit mit dem eigenen Körperbild und die interozeptive Wahrnehmung. So wollen sie herauszufinden, wie sich beides mit der Zeit verändert. Der Neurowissenschaftler geht davon aus, dass die Mädchen mit guter Interozeption besser mit den Veränderungen der Pubertät klarkommen und später auch ein besseres Körperbild haben werden.

Früher galten interozeptive Fähigkeiten als beständig. Garfinkel glaubt jedoch, dass man diese Fähigkeiten trainieren kann. Derzeit bringt die Neurowissenschaftlerin Leuten bei, den eigenen Herzschlag besser wahrzunehmen. In einer Studie, die derzeit noch von Kollegen begutachtet wird, schreibt sie: Wenn die Leute ihre interozeptive Genauigkeit verbessern, gingen die Symptome der Angststörung zurück.

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Auch Khalsa behandelt Menschen, die unter Angst- und Panikattacken leiden, mithilfe der Interozeption: Sein Ansatz nennt sich interozeptive Konfrontationstherapie. Dabei werden die Patienten und Patientinnen dazu gebracht, sich mit den körperlichen Empfindungen auseinanderzusetzen, die normalerweise Angst verursachen – etwa ein schnellerer Herzschlag. So sollen sie lernen, diese Signale nicht als etwas Schlechtes anzusehen.

Garfinkel glaubt, dass eine Version der interozeptiven Therapie auch Menschen mit Psychosen helfen könnte. Diese Menschen durchlaufen oft dissoziative Phasen oder glauben, nicht mit ihren Körpern verbunden zu sein. "Wer an Schizophrenie leidet, hat vielleicht auch mit visuellen und akustischen Halluzinationen zu kämpfen", sagt Khalsa zustimmend. "Deshalb ist ihre Wahrnehmung wohl mehr mit dem beschäftigt, was außerhalb des Körpers passiert. Und das wirkt sich möglicherweise auf die Fähigkeit aus, das zu spüren, was im Körper vor sich geht."

Interozeption könnte auch erklären, warum bestimmte Behandlungsmethoden, die den Körper und den Geist betreffen, so effektiv sind. Ein Schwebebad in sogenannten Isolationstanks hilft zum Beispiel bei Angstzuständen: Bei Untersuchungen kam heraus, dass sich schon eine Stunde in den Tanks kurzzeitig positiv auf Angst und Depressionen auswirkt. Das könnte daran liegen, dass während dieser Stunde die Exterozeption abgeschaltet wird, man beschäftigt sich zwangsläufig mit interozeptiven Wahrnehmungen wie dem Herzschlag.

Meditation hilft nicht unbedingt, den Körper genauer wahrzunehmen

Auch durch Mindfulness und Meditation beschäftige man sich mehr mit dem eigenen Körper, so Garfinkel. Die Neurowissenschaftlerin glaubt, dass es auch hier eine interozeptive Komponente gibt. Das Problem ist aber, dass Meditation nicht darauf abzielt, die eigene Körperwahrnehmung zu verbessern. Das basiert einfach darauf, wie man die eigene interozeptive Genauigkeit selbst einschätzt. Garfinkel ist allerdings der Meinung, dass interozeptive Tests und interozeptives Training dabei helfen könnten, das Ganze zu einem wissenschaftlich abgesicherten Feld mit klaren Zielen zu machen.

Khalsas Forschungen zu meditierenden Menschen bestätigt: Diese Menschen nehmen ihren Herzschlag nicht genauer wahr. "Das hat mich überrascht", sagt der Wissenschaftler. "Was wir jedoch herausgefunden haben: Wenn man meditierende Personen zu ihren Erfahrungen mit dem eigenen Herzschlag befragt, reden sie anders darüber und bewerten das Ganze auch anders."

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Diese Erkenntnis ist das letzte wichtige Stück im interozeptiven Puzzle: Selbst wenn man den eigenen Körper genauer wahrnimmt, kommt es immer noch darauf an, wie man diese Wahrnehmung interpretiert. Manchmal bekommen Menschen in Isolationstanks noch mehr Angst, wenn sie mit ihrem Herzschlag konfrontiert sind. Wenn man bei der genaueren Wahrnehmung des Herzschlags Panik bekommt, weil man nicht weiß, was das bedeutet, dann hilft das wahrscheinlich überhaupt nicht weiter.

Diese Übungen helfen dabei zu lernen, den eigenen Herzschlag zu spüren

"Man muss sich einfach nur merken, dass das eigene Herz in unterschiedlichem Tempo schlägt, und sich dabei keine Sorgen machen", sagt Garfinkel. "Unsere Herzen sind etwas Tolles, solche Unterschiede gehören dazu. Ein sich anpassendes Herz, das mal schneller und mal langsamer schlägt, ist gesund."

Für alle Menschen, die ihre eigene interozeptive Genauigkeit zumindest grob herausfinden wollen, es aber nicht in ein Forschungslabor schaffen, hat Garfinkel einen Tipp: Man solle versuchen, den eigenen Puls nur mithilfe des wahrgenommenen Herzschlags zu messen. Eine weitere Möglichkeit ergebe sich direkt nach dem Sport oder wenn man Angst hat: "Wenn in solchen Momenten das Herz schneller schlägt, kann man dann spüren, wie der Herzschlag wieder auf das normale Level zurückgeht?", sagt die Neurowissenschaftlerin.

Selbst solche einfachen Übungen zeigen aber, wie unterschiedlich Menschen ihre Körper wahrnehmen. Die besten Freunde, die Beziehungspartner oder die eigenen Familienmitglieder können eine ganz andere Interozeption haben als man selbst. Oder sie schreiben gewissen interozeptiven Wahrnehmungen eine andere emotionale Bedeutung zu. Die Beziehung eines Menschen zu den eigenen Emotionen hängt vielleicht damit zusammen, wie man sich im eigenen Körper fühlt.

"Das ist mit eine der wichtigsten unbeantworteten Fragen im der Neurowissenschaft und in der Philosophie", sagt der Neurowissenschaftler Tsakiris. "Wie fühlt es sich an, ein anderer Mensch zu sein? Du kennst deinen besten Freund oder deine beste Freundin vielleicht besser als alle anderen, aber du kannst trotzdem nie genau wissen, wie es sich in seiner oder ihrer Haut anfühlt. Das ist aber nicht schlimm, so ist es einfach."

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