Schüler posieren vor ihrem Haus in École des Roches in Uniform, auf das Foto sind Freundschaftssprüche gekritzelt
Alle Fotos: Paul Albert
Menschen

So ist es, auf ein Internat für Reiche zu gehen

Mit Gebühren von 20.000 Euro pro Jahr ist die École des Roches das teuerste Internat Frankreichs.
2.1.21

An meinem ersten Schultag landete ein Helikopter auf dem Gras vor dem Sportstadion. Der Sohn eines berühmten französischen Filmproduzenten stieg aus, als sei es das Normalste der Welt. Ein paar Minuten später fuhr ein gelber Hummer vor. Der Sohn eines türkischen Hotelgiganten wurde abgesetzt.

Ich komme aus einem Dorf in der Nähe von Paris, und meine Anfahrt war nicht ganz so glamourös – ich kam im Renault Clio meiner Mutter. Nach einem chaotischen ersten Jahr an einer weiterführenden Schule entschieden sich meine Eltern dazu, mich an die École des Roches in der Normandie zu schicken. Das ist das teuerste Internat im Land, mit Gebühren von 20.000 Euro pro Jahr. Meine Familie gehört zur oberen Mittelschicht, die Privatschule war sehr teuer für uns. Für meine Eltern war es eine Investition in meine Zukunft, nachdem ich an der öffentlichen Schule gemobbt worden war.

Ein Foto vor einem Haus, auf dem Schüler posieren

Am Anfang fühlte ich mich fehl am Platz. Alles war beeindruckend – die alten Gebäude, die Kulisse der ländlichen Normandie, die Häuser, in denen wir als Schüler lebten, waren alle mit ihren eigenen Wappen ausgestattet. Der Campus war mit 60 Hektar so groß, dass manche Schüler einen Bus nehmen mussten, um zum Unterricht zu kommen. Es gab Tennisplätze, ein Schwimmbad, ein Theater und eine Kartbahn. Wir konnten reiten gehen und Flugstunden nehmen.


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Ich war plötzlich an einer der weltweit luxuriösesten und elitärsten Schulen. Die anderen Schüler fragten, wer meine Eltern seien, bevor sie sich nach meinem Namen erkundigten. Im Unterricht konnte man Mandarin, Arabisch und Russisch hören. Ich schätzte es wert, Zugang zu solch einer multikulturellen Welt zu haben.

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Wie viele andere Kinder mit langweiligen Eltern – mein Vater führt ein Unternehmen und meine Mutter ist Ärztin – dachte ich mir eine Geschichte über meine Familie aus. Ich war der Sohn eines großen Modedesigners. Manche Leute schluckten das. Andere Kinder aus der Mittelklasse tischten sogar noch größer auf, nur um dazuzugehören.

Nach und nach lernte ich, in dieser Welt zu leben. Ich lernte die Kinder von Diktatoren, Zuhältern und berühmten Schauspielern kennen. Mitten in der achten Klasse verschwand der Sohn eines afrikanischen Diktatoren plötzlich. In seinem Heimatland war ein Coup versucht worden – später am Abend sahen wir in den Nachrichten, wie Menschen im Land massakriert wurden. Ein Jahr später kamen viele Kinder aus dem besagten Land zu uns. Sie trugen Louis-Vuitton-Koffer in ihren Händen. 

Eine Fotokollage mit dem Wappen der Schule, der Aufschrift "Ich kümmere mich heute um meine Zukunft" und Fotos von Schülerinnen

Die Langeweile und die eigenartigen Regeln der Schule sorgten dafür, dass wir uns kreativer daneben benahmen. Einer meiner Freunde spezialisierte sich darauf, seinen Namen mit Fäkalien an die Wände zu schreiben. Ich habe aber auch bessere Erinnerungen: unsere ersten Küsse in den Feldern, die ersten Zigaretten auf dem Dachboden unseres Wohnhauses mitten in der Nacht. 

Konstant mit extremem Reichtum konfrontiert zu sein ist ungesund, insbesondere in jungem Alter. Du denkst, Geld hätte keinen Wert, weil du es überall siehst. Du denkst, arm zu sein, bedeutet, nicht Gucci zu tragen. Du verstehst nicht, dass Gucci-Schuhe für manche Leute ein ganzes Monatsgehalt sind. 

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Die Schule hat uns überhaupt nicht auf die Welt außerhalb vorbereitet. Und letztendlich gibt es keine Abkürzung zum Erfolg – die einzige Art, auf die diese Kinder außerhalb der Schule etwas erreichen konnten war Unterstützung durch ihre Familien. Für mich ist es bisher nicht schlecht gelaufen, aber egal, wie viel Geld ich verdienen werde, ich würde meine Kinder niemals auf die École des Roches schicken. 

Ein Poster für eine Schulfete mit verschiedenen Fotos von Schülern

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