Politik

'Bild'-Talkshow 'Hier spricht das Volk': Hätte es mal besser geschwiegen

"Das Schöne an Meinung ist: Sie muss nicht sachlich sein", sagt Julian Reichelt, 'Bild'-Chefredakteur, und grinst.
05 Februar 2020, 9:25am
Julian Reichelt moderiert die Talkshow "Hier spricht das Volk"
Screenshot: Bild.de

Julian Reichelt hatte sich anscheinend eine Menge vorgenommen. Das Hemd wie immer ein Stück zu weit geöffnet, die Brille und die langsam zu Tage tretende Halbglatze vorbildlich poliert, das Lächeln soll wohl verschmitzt wirken. So hieß der Chefredakteur der Bild das sogenannte Volk am Montag erstmals in der neuen Web-Talkshow Hier spricht das Volk willkommen. Ein Querschnitt der Bevölkerung wurde laut eigenen Angaben ausgewählt. Die Namen der Bevölkerung lauten Annetta, Bruno, Nils, Christel, Sabine, Felix, Anne-Christin, Monik, Andreas, Dennis, Hagen, Michael, Britta, Tobias und Heiko. Ist das wirklich das "Volk"?

Ein Definitionsversuch: "Das Volk ist jeder, der in diesem Lande lebt", sagte Angela Merkel 2017 und erhielt dafür natürlich Widerspruch, immerhin hat sie damit nicht explizit jeden ausgeschlossen, der sich weigert, täglich in Schweinesülze zu baden. Warum man sich generell nicht einfach auf den Begriff "Bevölkerung" einigen kann, bleibt dahingestellt. Schließlich wusste Bertolt Brecht schon 1935: "Wer in unserer Zeit statt Volk Bevölkerung (…) sagt, unterstützt schon viele Lügen nicht." Vorab kann schon mal verraten werden: Der Begriff "Volk" bleibt auch heute nebulös. Apropos Lügen. Zurück zur neuen _Bild_-Talkshow.

Julian Reichelt hat noch nicht einmal die Begrüßung zu Ende formuliert, da kann man ihn schon das erste Mal Lügen strafen. "Herzlich Willkommen bei Hier spricht das Volk, der ersten Talkshow, bei der ganz normale Menschen wie Sie zu Wort kommen." Nun, erstens weiß Reichelt ziemlich sicher weder, wer da vor dem Laptop sitzt, geschweige denn was eigentlich "normal" ist, und zweitens gab es natürlich bereits Talkshows, die sich dem vermeintlich "kleinen Mann" gewidmet haben, etwa Ihre Meinung im WDR oder Jetzt red i im Bayerischen Rundfunk. Aber die _Bild_-Talkshow hatte ja soeben im Vorspann – Dutzende animierte Bildschirme zeigten eine Mischung aus Friday-for-Future-Fetzen und Montagsdemonstrationen zu Zeiten der DDR – erklärt, dass "wir uns nicht durch das Verbreiten von Lügen spalten lassen", ich bin also immer noch ganz Ohr und sehr gespannt auf den Bevölkerungsquerschnitt, der uns da jetzt präsentiert wird.

Wenig überraschend: Die Bevölkerung ist vor allem Weiß. Sehr Weiß sogar. Die Namen kennt ihr ja schon. Das nenn ich mal einen Querschnitt, vor allem in einer Talkshow, in der – ebenfalls wenig überraschend – später noch ausgiebig über Probleme mit Muslimen und das skandalöse Verbot des N-Worts für alte Weiße Rentner debattiert wird.

Bevor also überhaupt irgendein Thema von Reichelt in den Raum geworfen wird, steht fest: Hier wird nicht miteinander, sondern übereinander geredet. Alle Anwesenden haben einigermaßen mittelständische Berufe oder sind Rentner. Alle Anwesenden sind offenbar die Kategorie Menschen, welche die AfD als legitime Deutsche ansieht. Der Plan der Bild dürfte ziemlich klar sein: Hier und heute wird dem Volk aufs Maul geschaut und das soll und darf auch gerne mal klingen, als hätte sich das Kamerateam in eine beliebigen Eckkneipe verlaufen. Nur dass es in jeder Eckkneipe dieser Welt spannender zugeht als in diesem zum Klassenzimmer verunstalteten Ort.

Reichelt scheint sich dennoch zu freuen. Als erstes Aufreger-Thema streut er das Schlagwort "Coronavirus" ein. "Fühlen Sie sich von unserer Regierung gut informiert?" Monik, eine junge Frau, die in den nächsten 45 Minuten eigentlich kaum noch etwas sagen wird, denkt, dass die Regierung in Bezug auf das Virus nicht "über alles offen spricht". Aha, ein erster Ansatz, da könnte man ja mal nachfragen. Oder den um sich greifenden Rassismus aufgrund von wilden Verschwörungstheorien zum Ausbruch der Krankheit thematisieren. Denkste!

Reichelt sprintet einfach weiter, platziert das nächste Thema. "Wer glaubt, dass Jens Spahn ein besserer Kanzler als Merkel wäre?" Während man sich noch über den schnellen Sprung wundert, hat sich bereits Felix zu Wort gemeldet. "Zu Wort melden" ist in diesem Fall übrigens keine bloße Formulierung, die Studiogäste müssen sich tatsächlich melden, wenn sie etwas sagen möchten. Felix also, ein junger Mann, der in einem sozialen Beruf arbeitet und einen Anzug trägt, hat eine Meinung und vor allem meine volle Aufmerksamkeit. Denn Felix wirkt kompetent. Trommelwirbel! "Das kann man nicht vergleichen, Jens Spahn ist ein völlig eigener Typ", sagt Felix und mich befällt zum ersten Mal das Gefühl, dass hier heute einfach gar nichts passieren wird. Und wenn doch, dann wird es weh tun.


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Ich soll größtenteils recht behalten. Julian Reichelt hat sich offenbar vorgenommen, das hier einfach alles durchrauschen zu lassen, ein Stream of Consciousness der übelsten Sorte. In einer Art Sprechdurchfall plätschern die Aussagen vor sich hin. Als vergleichend nach Annegret Kramp-Karrenbauer gefragt wird, tönt es von irgendwoher: "Schlimmer geht's nicht." Selbstverständlich auch hier keine Nachfrage. Als es dennoch zu so etwas wie einer Diskussion zwischen den Gästen über Spahn und AKK kommt, schreitet Reichelt lieber ein: "Wir beruhigen uns jetzt hier und gehen zu Heiko, der hatte nämlich auch noch was zu sagen."

Ich hab bereits den Überblick verloren, wer war jetzt nochmal Heiko? Vielleicht der Chauffeur mit dem badischen Akzent? Oder der Mann mit dem Bier und dem blauen Pullover? Nein, der heißt Dennis und ich kann bereits verraten, dass es sich heute nicht um sein einziges Bier handeln wird. Während ich noch grübel, geht es schon wieder darum, ob in Deutschland zu viel gemeckert wird. Alle stimmen sofort zu. Jaaaaaa, gemeckert wird hier ja dauernd, so kennen wir die Deutschen. Niemand scheint mitzubekommen, dass er oder sie in einer Talkshow sitzt, in der Deutsche meckern. Welch beeindruckende Meta-Ebene Reichelt und sein Team hier bereits offenbaren, ist ihnen wahrscheinlich selbst gar nicht klar. Aber auch sonst keinem. Dafür rauscht diese undurchschaubare Sprech-Lawine nun ungebremst dem Abgrund entgegen.

Inzwischen geht es offenbar um Löhne. Niels, der unschuldige Polizist aus dem Norden, gibt zu bedenken, dass ganz viele Leute denken würden, er und seine Kollegen wären "reich". Wie er darauf kommt, ist nicht klar. Ich hab noch nie gehört, dass Polizisten als "Bonzen-Schweine" beschimpft wurden und wenn ich mir Geld leihen müsste, wäre Niels in dieser Runde meine letzte Wahl. Ist aber auch egal, man ist längst bei der Rente angelangt. Ein anderer, dessen Namen ich bereits vergessen hatte, bevor er ihn nannte, erklärt: "Meine Oma zum Beispiel, also nix gegen meine Oma, aber die war im Krieg und hat nie gearbeitet, aber hat durch die Witwen-Rente mehr Rente gehabt als meine Mutter jetzt." Danke dafür.

Hagen, dem später noch eine bedeutende Rolle zukommen wird, erzählt, dass er in Berlin alte Menschen gesehen habe, die Flaschen sammeln. Julian Reichelt fragt daraufhin: "Wer von Ihnen hat auch schon mal alte Menschen gesehen, die Flaschen sammeln?" Die meisten melden sich, Dennis und Andreas, von denen nicht klar ist, ob sie Vater und Sohn oder einfach nur bei der Geburt getrennte Zwillinge sind, halten sich weiter an ihren Biergläsern fest. Die Schnitte der Regie werden nun immer schamloser, Sätze werden einfach abgetrennt oder zusammengefasst.

Plötzlich wieder Reichelt in seinem offenen Hemd, er nestelt an seinem Mikro herum. Dann bereitet er seinen Stargast Hagen auf das vor, was kommt, auf den vermeintlichen Höhepunkt der Show. "Jetzt geht es um die Klimapolitik. Da haben wir jemanden, dem platzt bei dem Thema der Kragen." Es geht natürlich um Hagen und spätestens jetzt denkt man sich, dass "Hagen platzt der Kragen" der weitaus bessere Titel für diese surreale TV-Show gewesen wäre, die längst nur noch ein Potpourri der halbgaren Klischees ist. Hagen ist übrigens "voll sauer darüber, was hier abläuft". Mit "hier" meint er Deutschland und die sogenannte Klimahysterie. Jeder habe irgendeine Meinung dazu, besonders in den Medien. Das regt ihn auf. Man möchte sich in das Studio beamen, um ihm entgegenzuschreien: "Moment mal, Hagen! Du sitzt doch gerade in den Medien und hast eine Meinung dazu oder seh ich das irgendwie falsch?" Aber das würde von Reichelt garantiert abgewürgt werden, zu viel Diskussion. "FFF sollen ruhig auf die Straße gehen …", sagt Hagen noch und obwohl vollkommen offensichtlich ist, dass da noch etwas kam, hat sich die Bild dafür entschieden, den Satz hier abzubrechen.

Stattdessen wieder Schnittmaterial von Reichelt, es wirkt, als würde er ein wenig aufstoßen. "Die arme Greta. Die kann ja gar nicht ihre Kindheit genießen", sagt Monik dann noch und Bruno, ein 80-jähriger Rentner, fragt sich, wer eigentlich hinter dem Mädchen steht. "Da sollte man mal drüber nachdenken", poltert er drauf los, aber auch hier wird nicht gefragt, wer denn da laut Brunos Meinung stehen mag. Steile These: Vielleicht sind es ja die 16.000 Wissenschaftler, die sich öffentlich hinter Greta und FFF-Bewegung gestellt haben. Ist aber nur ein Verdacht.

Ich bin ab diesem Zeitpunkt endgültig nicht mehr in der Lage zu folgen. Es geht jetzt irgendwie abwechselnd um "Messer-Gewalt" (Polizist Niels: "Gab keinen massiven Anstieg"), die Reichelt mit einer bedrohlich aussehenden Tabelle vorstellt, und darum, dass Jugendliche alte Menschen attackieren (Polizist Niels: "Massiver Rückgang der Jugendgewalt in den letzten 10 Jahren"). Der steinalte Bruno behauptet, in seiner Jugend hätte es das alles nicht gegeben. Man will lieber gar nicht genau wissen, was in seiner Jugend stattdessen so angesagt war.

Tobias, der Chauffeur, erzählt gerade, dass die Kids heutzutage nicht mehr von ihren Eltern, sondern von ihren "Bros, Super-Bros und Mega-Bros auf der Straße" (er sagt das wirklich) erzogen werden und ich frage mich, ob er vielleicht der Experte war, der die Spiegel-AutorInnen zu ihrer kürzlich erschienenen Coverstory über deutschen Gangsta-Rap beraten hat. Christel wird gefragt, ob sie wegen des Klimawandels bereit wäre, in Zukunft das Auto stehen zu lassen, und antwortet sinngemäß: "Nein. Bei dem Wetter am Bahnsteig zu stehen, find ich furchtbar." Wie sie es finden würde, in ein paar Jahren standardmäßig mit ihrem Auto durch Hochwasser fahren zu müssen, erfahren wir nicht.

Dazwischen wird gefragt, ob die Menschen im Studio lieber mit Greta Thunberg oder mit Donald Trump essen gehen würden. Ich selber kann die Frage schwer beantworten, aber Dennis und Andreas haben schon wieder ein neues Glas Bier und ich würde mich ebenfalls gerne unter den Tisch saufen, zur Not auch mit den beiden, Hauptsache ich muss nicht mehr zuhören. Aber jetzt, nach dem zweiten Bier, wacht auch Andreas auf und antwortet auf die Frage, ob der Rechtsstaat sich noch durchsetzen kann, dass bei ihm in Hamburg nach dem Freitagsgebet vor der Moschee immer ein riesiger Stau sei. Aha. Und jetzt? Jetzt ist Hagen wieder in seinem Element: "Und da sind wir schon bei den Clans!", raunt er dazwischen und Julian Reichelt beißt an. Er wiederholt Hagens Ausruf und möchte endlich mal eine ausführliche Antwort. Die bekommt er dann auch. Die Clans scheren sich nämlich nicht um Deutschland, das sind Tausende Familien und wenn Deutsche falsch parken, bekommen sie sofort ein Ticket. Die Clans aber bekommen keine Tickets. Oder so. Die machen, was sie wollen.

Ich mach jetzt auch, was ich will. Ich schalte aus. Und zwar kurz nach dem Punkt, an dem der bestens versorgte und offenbar mit seiner Rente ziemlich zufriedene Rentner Bruno erklärt, dass er nicht verstehe, wieso man in diesem Land das N-Wort nicht mehr sagen darf. Es sei "nicht in Ordnung", dass man inzwischen aufpassen müsse, was man sagt, findet er. "Das Schöne an Meinung ist, sie muss nicht sachlich sein", sagt Julian Reichelt und grinst. Was daran schön ist, bleibt sein Geheimnis. Genauso wie die Frage, wer denn nun das Volk ist oder wozu es diese unfassbar schlechte Show eigentlich gibt. Oder warum es eine gute Idee sein sollte, ein paar Durchschnitts-Knallköpfe mit Themen zu bombardieren und dabei zuzuschauen, wie sie ungefiltert eine Dummheit nach der anderen in den Äther pusten.

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