Eine Frau in Krümelmonster-Kostüm vor dem Brandenburger Tor
Alle Fotos: Rebecca Rütten
Menschen

Ich komme aus dem Rheinland und habe versucht, in Berlin Karneval zu feiern

Manchmal ist zu Hause eben doch ein Ort.
24 Februar 2020, 2:53pm

Weiberfastnacht in Berlin. Die größte Karnevalsparty in Deutschlands größter Stadt findet im Soda Club statt. Von der Decke hängen Palmen und Lametta, Neonlicht fliegt durch den leeren Raum. Drei Tanzflächen, zwei sind fast leergefegt. Nur ein Hund und ein Arzt tanzen miteinander, während Bert aus der Sesamstraße um sie herum springt und filmt. Das soll Karneval sein?

Seit ein paar Wochen wohne ich in Berlin. Tolle Stadt, finde ich, nur nicht meine. Als eine Freundin mir erzählt, dass sie zum Karneval nach Köln fährt, bin ich neidisch. Ich bin im Rheinland aufgewachsen, im Epizentrum des Karnevals. Seit fünf Jahren lebe ich nicht mehr dort, was eigentlich immer in Ordnung ist. Nur gerade, gerade würde ich gerne mit ihr kommen. Weil ich Feste, Verkleidungen und Bier mag – aber auch, um mich weniger wie eine Fremde und ein bisschen mehr zu Hause zu fühlen.

Aber weil das eben nicht möglich ist, überlege ich: Geht das nicht auch in Berlin?

Mit meiner Frage wende ich mich an die höchstmögliche karnevalistische Instanz. Klaus Heimann ist der Präsident des Berliner Karnevalverbandes. In diesem Jahr ist er außerdem: Klaus der I., Prinz von Berlin.

"Mögen die Berliner keinen Karneval?", frage ich. "Ich glaube, die können nicht einfach aus dem Stehgreif fünf Tage durchfeiern", sagt Heimann. Ich vermute, dass er noch nie im Berghain war. 23 Karnevalsvereine gibt es in Berlin, erfahre ich von Heimann. Meine Heimatstadt zählt 28 solcher Vereine, aber nur etwa 50.000 Einwohner.

Sie werden gucken. Sie werden denken, du bist irre. Sie werden dich auslachen

Zwar wird in Berlin schon genauso lange Karneval gefeiert wie im Rheinland. Die Berliner haben sogar ihren eigenen Ausruf: Statt Alaaf oder Helau rufen sie "Heijo". Doch so groß wie im Rheinland wurde das Fest nie, und auch der immer wieder neu initiierte Berliner Karnevalsumzug wird nun im dritten Jahr in Folge ausgesetzt.

Ich frage Heimann, was ich an Weiberfastnacht in Berlin nicht verpassen darf – dem ersten Tag des Straßenkarnevals.

"Einiges", sagt der Prinz.
Die Kneipe Uh-Länder.

Das Gaffelhaus an der Friedrichstraße.

Die Party der "Ständigen Vertretung" im Soda Club.

Damit kann man arbeiten, denke ich und beginne, mich auf Karneval zu freuen.

An Weiberfastnacht gehe ich als Krümelmonster zur Arbeit. Eine blaue Latzhose mit aufgenähten Keksen, ein fedriger Haarreif mit aufgesetzten Augen. Doch während ich mir Glitzer ins Gesicht schmiere, wächst statt Vorfreude in mir nackte Panik. Ich drehe die Karnevalsmusik laut, um die Stimmen in meinem Kopf zu übertönen, die flüstern: Sie werden gucken. Sie werden denken, du bist irre. Sie werden dich auslachen. Genug jetzt, denke ich, setz den Haarreif auf und gehe los.

Ich will in den Kiosk, zögere, hadere, setze den Haarreif ab. Auf dem Weg zum Bus setze ich ihn wieder auf. Ich senke meinen Blick, um die der anderen nicht sehen zu müssen. Nur meine Krümelmonsteraugen starren den Menschen direkt ins Gesicht. Ich frage mich, warum es mir diesmal so unangenehm ist, verkleidet zu sein, aber eigentlich kenne ich die Antwort: Diesmal bin ich allein.

Um 11:11 Uhr werden an Karneval die Rathäuser gestürmt. Ich denke, dass das größte Rathaus Berlins wohl der Bundestag ist. Um 11:11 Uhr sind in Bonn und Köln die Straßen voll und die Menschen auch. In Berlin nicht. Der Bundestag ist abgesperrt, davor posieren einzelne Touristen. Am Brandenburger Tor verkauft eine als Clown verkleidete Frau Luftballontiere. Ich fürchte, sie ist keine Karnevalistin.

Eine Parade zieht ein. Endlich normale Leute

Die Kneipe Uh-Länder ist winzig. Dunkles Holz auf gelben Wänden, von der Decke baumeln Luftschlangen wie Lianen. Ich sage, dass ich versuche, in Berlin Karneval zu feiern. "Das versuchen wir hier auch seit 20 Jahren", sagt eine Frau mit gelbgrauem Haar, Inge Raabe. Sie hat keine Zeit, das Prinzenpaar kommt gleich, und nimmt sich trotzdem welche. Raabe ist 68 Jahre alt und trägt einen roten Paillettenhut. Vor 19 Jahren hat sie den ersten Karnevalsstammtisch in Berlin-Wilmersdorf gegründet. Sie war mal Tanzmarie und Karnevalsprinzessin. In den 1960er Jahren ist sie mit ihrer Tanzgruppe in riesigen Ballsälen aufgetreten, erzählt sie. Heute feiern etwa 15 Leute im Uh-Länder.

Sie fährt alle zwei Jahre nach Las Vegas zum internationalen Karnevalistentreffen, erzählt Inge

Die Musik wird aufgedreht und eine Parade zieht ein. Männer mit opulent bestickten Hüten, der Prinz, die Prinzessin. Immer mehr Personen drängen in die Kneipe, die plötzlich vor Prunk und Mensch überquillt. Sie singen Karnevalslieder. Klaus I. wippt nach vorne und nach hinten, im Takt der Musik schlägt er mit einem Holzlöffel auf den Tisch.

Die Frauen vom Karnevalsverein sind selig und ich bin es auch. Inge Raabe gibt mir ein Bier aus, dann will sie, dass ich noch ein zweites trinke und plötzlich fühle ich mich heimisch. Nirgendwo findet man schneller Freunde als im Rheinland, und niemals geht es leichter als an Karneval. Als ich weiter muss, will ich Inge Raabes Ehemann die Hand geben. "So kommst du mir nicht davon", sagt er und knallt mir zwei Küsse auf die Wangen.

Wenn du sitzt, kann dir niemand an den Arsch fassen

Die Sonne scheint durchs Grau, doch vor dem Gaffelhaus an der Friedrichstraße hat sich bereits eine lange Schlange gebildet. Ich trete durch die Tür und stoße gegen eine Wand aus Hitze, Schweiß und lauter Karnevalsmusik. Der Laden ist voll und ich merke, ich bin zu nüchtern. Ältere Männer starren mich an, und ich frage mich, ob meine Krümelmonsterlatzhose doch aufreizender ist, als ich dachte. Ich kaufe ein Bier und setze mich an den Rand. Wenn du sitzt, kann dir niemand an den Arsch packen.

Obwohl ich gerade erst gekommen bin, würde ich gerne wieder gehen. Meine Laune wird immer schlechter. Es ist zu laut, zu voll, zu warm. Überall sind Menschen, trotzdem bin ich allein. Karneval ohne Freunde nervt, denke ich, aber die betrunkenen Menschen reizen mich nicht, sie anzusprechen. Dann halt auf die Tanzfläche.

Neben einer Gruppe Schlümpfe und zwei blauen M&Ms genieße ich, das Krümelmonster, heute zum ersten Mal in der Menge unterzugehen. Strobolicht. Der Bass vibriert in meiner Brust. Die Luft ist schweißnass und riecht nach altem Bier. Der DJ spielt "Ich komm aus der Stadt mit K!". Die Menge grölt. Ich gröle. Für einen kurzen Moment ist es Karneval. Dann rempelt mich jemand an und ich bin endgültig raus.

Noch ein Bier. Seit einer Minute warte ich an der Theke, als eine Frau mein Handgelenk greift und in die Luft reißt. "Du musst dich schon bemerkbar machen!", schreit sie. Ich zerre meine Hand aus ihrem Griff. "Danke, geht schon", sage ich. Ich stürze das Bier runter und hole meine Jacke.

In der Tram zum Soda Club merke ich die Blicke der Regenjacken kaum noch. Ich will nach Hause, denke ich, und meine damit gleichzeitig Köln, Hamburg und meine Wohnung in Kreuzberg. Ich hatte verdrängt, dass es vieles am Karneval gibt, was ich nicht leiden kann. Du wirst angegafft und angemacht, die Leute sind übergriffig und penetrant. In Berlin ist es schlimmer, denke ich, und bin mir nicht sicher, ob es an der Stadt liegt oder an mir.

Karneval mag für mich Heimat symbolisieren. Aber eben auch nicht nur die guten Seiten – es gibt schließlich einen Grund, dass ich nicht ins Rheinland zurückgezogen bin. Und so ist dieses Fest für mich beides: Sehnsuchtsort und Abstoßungspunkt; etwas, das ich vermisse, und etwas, vor dem ich fliehe.

Trotzdem will ich dem Abend eine letzte Chance geben. Vor der Kulturbrauerei hat sich eine lange Schlange gebildet und es dauert kurz, bis ich bemerke, dass sie nicht zur Karnevalsparty der Ständigen Vertretung im Soda Club gehört.

Im Raucherzelt treffe ich Marcel. Mit seinen 23 Jahren einer der jüngsten, die ich heute kennengelernt habe. Warum die Berliner keinen Karneval mögen? Marcel zieht an seiner Zigarette. "Ich glaube, die sind ganz froh, dass überhaupt mal irgendwas ausgelassen wird." Wir unterhalten uns, vielleicht ist es das erste richtige Gespräch, das ich heute führe. Er bietet mir an, ihn und seine Kolleginnen zu begleiten. "Die eine ist sogar aus Trier!", sagt er und ich überlege kurz, was das mit mir zu tun hat. "Rheinland", hilft Marcel. "Das ist die Pfalz", sage ich.

Und obwohl Marcel nett ist und seine Pfälzer Kollegin bestimmt auch, entscheide ich, dass es mir jetzt reicht. Dabei ist es gar nicht die Schuld von Berlin. Selbst wenn die Kostüme langweilig, die Menschen noch etwas pöbelnder und betrunkener und die Partys leerer sind – dass ich heute kaum Spaß hatte, liegt wohl eher daran, dass Karneval nicht für mich Zuhause symbolisiert. Sondern eben nur Karneval.

Am Tag nach Weiberfastnacht steige ich die Treppen zu meiner Kreuzberger Wohnung hinauf. Hinter einer Tür erklingt laute Musik. Ein langsames Karnevalslied. Vor mir liegen noch zwei Stockwerke, aber ich bleibe kurz stehen und lausche. Ich erkenne es nicht. Und trotzdem kommt es mir vertraut vor.

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