Der Autor schaut aus dem Fenster des Monstertrucks den er fährt, um sich damit einen Kindheitstraum zu erfüllen
Alle Fotos: Philipp Sipos
Menschen

Ich habe meinen Kindheitstraum erfüllt: Monstertruck fahren

"Endorphine schießen durch meinen Körper wie im Achterbahnlooping. Es ist das schöne Gefühl, etwas vollkommen Sinnloses zu tun."
27 Juli 2020, 1:54pm
vicelogo
Skaten, Monstertruck fahren, Stars treffen: In dieser Serie erfüllen sich VICE-AutorInnen Kindheitsträume – obwohl sie eigentlich längst erwachsen sind.

Das Metall ächzt unter dem Gewicht, bis es in sich zusammenkracht. Mit brüllendem Motor walzt sich der Monstertruck über den Kleinwagen und zerquetscht sein Dach, als sei es eine Coladose. Am Steuer, das Lenkrad fest umklammert, sitze ich. Als Kind habe ich mir das oft vorgestellt. Einmal so sein wie die Typen im Fernsehen. Monstertruck fahren. Brumm, brumm, geil, geil, geil.

Und jetzt mach ich es wirklich.

Viele Träume die man als Kind hat – zehn Kugeln Eis in der Waffel, 20 Achterbahnrunden hintereinander – kann man sich als Erwachsener erfüllen. Aber als Erwachsener träumt man dann von anderen Dingen. Von einem Job, der genug Sicherheit gibt, eine Familie zu gründen. Von Kindern, die dem Leben einen Sinn geben, von einem Haus, in dem die Kinder aufwachsen. Erwachsenenträume müssen oft einen Sinn erfüllen. Kinderträume müssen gar nichts. Sie sind unschuldig.

Matsch und Monstertruck – ein malerisches Idyll

Also wollte ich herausfinden, was passiert, wenn man seine Kindheitsfantasien als Erwachsener auslebt. Außerdem schien mir das ein überzeugendes Argument, um vom Chefredakteur die Genehmigung zum Monstertruck-Fahren zu bekommen.


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Auf einem ehemaligen Übungsgelände der Bundeswehr nahe des niedersächsischen Dorfes Fürstenau wartet "Big Gianni" auf mich. So hat Monti Bossle, 37, sein schwarz-grün lackiertes Riesenspielzeug getauft, nach seinem einjährigen Sohn, dessen Gesicht er auf dem Monstertruck verewigt hat. "Ich freue mich schon darauf, wenn er sich selbst darin wiedererkennt", sagt Bossle und grinst. Mit seiner Firma Bosselino's Stunt Training bietet er Monstertruck-Fahrten an. Für die Presse heute ausnahmsweise kostenlos.

Wir laufen um den Truck und haken die klassischen Autoquartett-Fakten ab.

Motor: 5,7 Liter V8
Leistung: 400 PS
Gewicht: ca. 3,5 Tonnen
Antrieb: Allrad
Verbrauch: 20 Liter auf 30 Minuten

Die Karosserie stammt von einem alten Volvo, die Räder aus der Landwirtschaft, die Bremsen von Porsche. Monstertrucks gibt es nicht von der Stange, sagt Bossle. Ich kommentiere seine Ausführungen mit "boah", "mega" und "geil". Die Dozentinnen an der Journalistenschule wären stolz auf mich.

Beim Design seines Monstertrucks hat sich Monti Bossle am legendären "Grave Digger" aus den USA orientiert

Den ganzen Tag schon regnet es. "Wir können uns das Wetter ja leider nicht aussuchen", sagt Bossle. "Aber wenn wir erst mal in dem Truck sind…" – er senkt die Stimme verschwörerisch – "kann uns nichts mehr aufhalten."

Über eine Leiter klettere ich in die Kabine. Sportschalensitze spannen Rücken und Schultern ein, die Beine strecke ich flach zu den Brems- und Gaspedalen aus wie in einem Gokart. Der Fahr-Instruktor Anton setzt sich neben mich, schnallt mich an und reicht mir einen Helm. Dann dreht er die Zündung. Erst springt summend der Lüfter an, dann erwacht gluckernd und stampfend der Motor. Die V8-Maschine sitzt direkt hinter uns. Es riecht nach Öl, Benzin und Abgasen. "Haha, Alter!", rufe ich. "Ja, der ist ein bisschen laut, deshalb müssen wir jetzt ein bisschen schreien", schreit Anton. Der Motor stammt zwar aus einer Chevrolet Corvette Stingray, klingt aber schon im Standgas, als hätte er sein erstes Leben in einer Propellermaschine der Royal Air Force verbracht. Geil, geil, geil.

Matschhügel runter, Daumen hoch – es kann so einfach sein

Fahrstunden im Monstertruck: Jetzt bloß keine anderen Autos plattwalzen

Als Kind saß ich meist auf der Couch meiner Großeltern, wenn die Monstertrucks durch hell ausgeleuchteten Stadien über Erdhügel flogen. Meine Brüder und ich schauten "Monster Trucks" auf DSF und unsere Oma reichte uns dick beschmierte Nutellabrote. Unsere Eltern hätten das nicht erlaubt, was alles noch viel besser machte. Näher kam ich diesen mystischen Ungeheuern nur einmal. Ich war vielleicht zwölf und besuchte meinen guten Freund Merlin. Aus der Wohnung seines Vaters konnte man auf einen Baumarktparkplatz blicken. Normalerweise ein langweiliges Panorama, aber an diesem Tag bot sich uns der aufregendste Ausblick der Welt. Auf dem Parkplatz fand eine Stunt- und Monstertruck-Show statt und obwohl wir aus der Entfernung nur wenig erkennen konnten, habe ich diesen Tag bis heute nicht vergessen.

Ich blicke durch die Windschutzscheibe des Monstertrucks. Für mich wirkt er so breit wie ein normales Auto. Die Reifen, die weit unter mir links und rechts jeweils etwa einen halben Meter aus der Karosserie ragen, sehe ich nicht. Ich muss sie mitdenken, hatte mir Bossle vorhin eingeschärft. "Viel zu breit, viel zu schwer, viel zu gefährlich", sei der Truck für die normale Straße. Aber auch hier im Gelände seien Quads, Motorräder und Geländewagen unterwegs. Kleinkram, den man besser nicht plattwalzen sollte.

Auf dem ehemaligen Militärgrundstück kann man auch Panzer fahren, wäre damit aber auch nicht viel schneller unterwegs als mit dem Monstertruck

"Mit dem Gas muss man ein bisschen vorsichtig sein, wenn man es ganz durchdrückt, stehen wir auf den Hinterrädern. Und das ist nicht das, was wir wollen", sagt Anton der Instruktor. Ich gebe Gas, "Big Gianni" schiebt nach vorne, "weiter, weiter, weiter, genau so!", schreit Anton. "Alter ist das krass", murmele ich, während ich mit 15 km/h über eine Betonstraße in Richtung Geländeparcours zuckele.

Während der ersten fünf Minuten, in denen ich das tue, was ich mir so lange als Riesenspaß ausgemalt habe, verspüre ich vor allem: Panik. Selbst auf dem menschenleeren Kasernengelände ist Monstertruck fahren wie eine permanente Rückwärtseinparkübung in der ersten Fahrschul-Praxisstunde. Jetzt bloß nichts kaputt machen. Dann erreichen wir das Gelände.

Damit man es mit der mobilen Schrottpresse etwas leichter hat, werden vor und hinter dem Auto Reifen als Auf- und Abstiegshilfe platziert

"Gas, Gas, Gas!", schreit Bossle, der statt Anton auf dem Beifahrersitz Platz genommen hat. Wo früher Panzer rollten, pflügt "Big Gianni" jetzt durch ein Wasserloch und schiebt braune Dreckwellen vor sich her. Jede Vertiefung geben die 500 Kilo schweren Räder direkt an das wild ausschlagende Lenkrad weiter. Dann fahre ich einen steilen Erdhügel hinauf und sehe durch die Frontscheibe nur noch den Himmel. Ich glaube, nach hinten umzukippen. Endorphine schießen durch meinen Körper wie im Achterbahnlooping. Es ist das schöne Gefühl, etwas vollkommen Sinnloses zu tun. Dümmliches, unkontrolliertes Lachen. Freiheit.

Woher wusste ich als Kind eigentlich, dass das so viel Spaß machen würde? Oder was hat mich sonst zu diesen Testosteronschleudern hingezogen?

Showdown mit dem Schrottauto

Als Kinder kauften Merlin und ich manchmal das Limit-Magazin. Wir lasen darin Berichte über den Wrestler The Undertaker, den Actionfilm-Darsteller Jean-Claude Van Damme und die Fahrer von Monstertrucks wie dem Grave Digger. Als Vorbilder waren diese Typen aus heutiger Sicht völlig unbrauchbar. Aber sie erfüllten unser präpubertäres Bedürfnis nach greller Unterhaltung. Die Limit war unser TikTok.

Aber wenn wir älter werden, schauen wir mit intellektueller Überheblichkeit auf die Träume unserer Kindheit. Wir denken rational. PS-strotzende Spritschlucker? Werden die Erderwärmung wohl eher nicht aufhalten. Ein Monstertruck ist in seiner Übertriebenheit das Gegenteil eines vernunftorientierten Erwachsenenlebens. Und das tut ab und zu verdammt gut.

Nach 20 Minuten im Gelände biegen wir auf einen asphaltierten Platz ab. Dort wartet das Finale. Ein ungleicher Showdown mit einem Daihatsu Cuore vom Schrottplatz.

Ich bringe "Big Gianni" in einigen Metern Abstand in Stellung. Schnauze an Schnauze. Für die erste Runde sei es wichtig, in der Spur zu bleiben und die Geschwindigkeit zu halten, sagt Bossle. Sonst könnten wir auf dem Auto hängen bleiben wie eine Schildkröte. Deshalb übernimmt er bei der ersten Fahrt das Gas. Ich solle mich gut am Lenkrad festhalten, Nackenmuskulatur anspannen, Ellenbogen an den Körper und Kopf zwischen die Schultern ziehen. Dann tritt Bossle aufs Gaspedal.

Eine erfolgreiche Exkursion im Namen des Unsinns

Mit einem Ruck arbeitet sich der Monstertruck die Motorhaube des Kleinwagens hoch. Glas splittert, Metall kracht und ich werde durchgeschüttelt wie in einem trudelndem Kleinflugzeug. Ein paar Meter schieben wir das Auto mit uns, dann sind wir drüber und holen für die nächste Runde aus. Anfahrt auf Linie, Lenkrad gerade. Dann gebe ich Gas und planiere den Rest des Autodaches. Als wir noch ein drittes Mal rüberpreschen ruft Bossle "Jaaa! Super! Geil!". Faszinierend, wie er meine Gedanken liest.

"Tim, ich hoffe, du hattest Spaß. Jetzt kannst du dir anschauen, was du angerichtet hast", sagt Bossle. Ich setze den Helm ab und steige auf weichen Knien aus der Kabine. Mein Kopf ist völlig leer. Ein bisschen, wie bei einer Meditation. Urlaub fürs Gehirn.

Asche zu Asche, Schrott zu Schrott

Spätestens nach dieser Verschrottungsorgie werden einige Leser kritisieren, dass ich angesichts der aktuellen Weltlage doch über Wichtigeres berichten sollte. Zum Beispiel Klimakrise, Corona, Rassismus. Und sie hätten nicht Unrecht. Aber der ganz normale harte Alltag kostet gerade in Krisenzeiten viel Energie. Und die sammelt man am besten, indem man zwischendurch den Kopf frei macht. Für einen kurzen Moment ohne Sorgen. Wie ein Kind am Steuer eines Monstertrucks.

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