Politik

So geht ihr auch in Zeiten von Corona sicher demonstrieren

Überall auf der Welt gehen Menschen gegen Rassismus und Polizeigewalt auf die Straße und verstoßen dabei zwangsläufig gegen die Corona-Maßnahmen. So minimiert ihr das Ansteckungsrisiko.
04 Juni 2020, 9:56am
Nach dem Mord an George Floyd demonstrieren Menschen überall gegen rassistisch motivierte Polizeigewalt. Wir erklären, wie man auch in Zeiten des Coronavirus sicher an solchen Protesten teilnimmt
Nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd haben auch in Berlin Menschen gegen rassistisch motivierte Polizeigewalt demonstriert || Foto: imago images | snapshot

Im Laufe der immer noch anhaltenden Corona-Pandemie haben sich bereits mehrere schreckliche Dinge ereignet – zum Beispiel Polizeigewalt, eine zusammenbrechende Wirtschaft, Missachtung der schutzlosesten Menschen in unserer Gesellschaft, Arschloch-Politiker oder lügende Megakonzerne. Derzeit gibt es wirklich sehr viele Gründe, sauer zu sein und demonstrieren zu wollen.

Die Morde an Tony McDade, George Floyd und Breonna Taylor haben eine Welle losgetreten: Überall auf der Welt gehen die Menschen auf die Straße, um gegen Polizeigewalt und strukturellen Rassismus zu demonstrieren. Natürlich birgt es ein gewisses Ansteckungsrisiko, anderen Leuten während einer Pandemie so nahe zu sein. Aber vor allem die Menschen, die das Privileg besitzen, die Polizei nicht als direkte Gefahr ansehen zu müssen, haben jetzt eine moralische Pflicht, die Menschen ohne dieses Privileg zu unterstützen.

Wir sagen euch, wie ihr in Zeiten des Coronavirus demonstrieren könnt und dabei die Risiken für euch und die Menschen an eurer Seite so gering wie möglich haltet.


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Denkt über euer persönliches COVID-19-Risiko nach – aber auch über das der Menschen, mit denen ihr zusammenwohnt

Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie ist es etwas anderes, ob man für eine wichtige politische Demonstration das Haus verlässt oder für ein Tinder-Date. Trotzdem muss man das Risiko abwägen, das man eingeht, wenn man so viele andere Menschen trifft.

Fragt euch: Wie alt bin ich? Wie alt sind die Leute, mit denen ich zusammenwohne und Kontakt habe? Hat jemand Vorerkrankungen, die eine COVID-19-Infektion verschlimmern würden? Wie sieht die Infektionsrate in meiner Stadt, meinem Bundesland und meinem sozialen Umfeld gerade aus? Steigt sie oder fällt sie?

Die meisten COVID-19-Übertragungen passieren in geschlossenen Räumen. Experten haben dazu geraten, das Sozialleben vorerst draußen wieder hochzufahren, bevor man sich in Restaurants, Fitnessstudios und Clubs trifft. Deswegen ist es einigermaßen OK, an der frischen Luft zu demonstrieren. Dennoch darf man nie vergessen, dass das Corona-Risiko nicht völlig weg ist. Es steigt sogar, wenn man zum Beispiel verhaftet wird und in direkten Kontakt mit der Polizei kommt.

Nur ihr könnt entschieden, ob euch die Demonstration das Risiko wert ist. Das ist eine sehr persönliche Entscheidung, die man nicht richtig oder falsch beantworten kann. Aber wenn eine der Antworten auf die oben genannten Fragen euch oder nahestehende Menschen einer unnötigen Gefahr aussetzt, dann ist es vielleicht sinnvoller, sich auf anderem Wege an den Protesten zu beteiligen – zum Beispiel, indem ihr euch online gegen Ungerechtigkeit einsetzt oder Geld an gemeinnützige Organisationen spendet.

Es gelten die gleichen Vorsichtsmaßnahmen wie ohne Pandemie

Nicht nur wegen des Risikos einer COVID-19-Erkrankung solltet ihr bei einer Demo vorsichtig sein, sondern auch wegen der Sorge um Datenschutz und Sicherheit. Benutzt verschlüsselte Apps wie Signal oder WhatsApp, um euch mit den Organisatoren der Demo abzusprechen. Schaltet bei euren Smartphones die GPS-Funktion aus. Nehmt euren Ausweis sowie Bargeld mit und schreibt mit Edding einige Notfallkontakte auf euren Körper. Hier erfahrt ihr mehr darüber, wie ihr eure digitale Privatsphäre während einer Demo schützt. Und hier lest ihr, was ihr sonst noch bei einer friedlichen Demonstration dabei haben solltet.

Rechnet immer damit, dass die Polizei zum Beispiel mit Wasserwerfern oder Tränengas gegen Demonstrierende vorgeht. Kleidet euch in Schichten: Man weiß nie, ob man sich schnell ausziehen muss, um einen Hitzekollaps zu vermeiden, oder dicke Anziehsachen braucht, weil man die ganze Nacht draußen darauf wartet, dass ein Freund oder eine Freundin aus der Arrestzelle entlassen wird. Wenn jemand in deiner Nähe eine Ladung Pfefferspray abbekommt, dann spült die betroffenen Körperstellen mit Milch oder Wasser ab und lasst viel Luft ran. Laut ABC News ist das der schnellste Weg, um die Schmerzen zu lindern.

Was Gummigeschosse angeht: In Deutschland ist lediglich die Polizei in Hessen und Sachsen mit Waffen ausgestattet, die solche Munition abfeuern können. Zudem dürfen Gummigeschosse laut einem Bundestagsgutachten nicht in Menschenmengen gefeuert werden. Obwohl es sich dabei um "nicht tödliche" Projektile handelt, ist ein Treffer dennoch sehr schmerzhaft. Außerdem können sie zu schweren Verletzungen führen: Am 29. Mai verlor die Journalistin Linda Tirado durch ein Gummigeschoss ihr linkes Auge, als sie in Minneapolis über die Demonstrationen berichtete. Langärmlige Oberteile und dicke Hosen schützen und reduzieren etwaige körperliche Schäden, die man durch Gummigeschossen davontragen kann.

In einem Guide zum Thema Tränengas schreibt Popular Science, dass Augen-Make-up und Kontaktlinsen die Wirkung von Tränengas verstärken können. Das liegt daran, dass Tränengas eigentlich gar kein Gas ist, sondern aus Feststoffteilchen besteht – und Make-up oder Kontaktlinsen können diese Teilchen im Auge festhalten. Wenn ihr also zu einer Demo geht, dann am besten ungeschminkt und mit Brille.

Habt immer einige Flaschen Wasser und Backpulver dabei, um das Ganze im Verhältnis drei Teelöffel Backpulver auf 250 Milliliter Wasser vermischen zu können. Diese Mischung wird von Popular Science empfohlen, um die Wirkung von Tränengas zu neutralisieren. Sie wurde auch schon von Demonstrierenden in Hongkong benutzt.

Seid euch immer eurer Umgebung bewusst. Leider ist es für einen einzelnen Menschen unmöglich, im Kontext einer Massendemonstration immer alles unter Kontrolle zu haben. Hier hat Addy Baird von BuzzFeed News aber einen guten Tipp: Stellt euch einen Timer und checkt alle 15 Minuten, welche Fluchtmöglichkeiten ihr im Notfall habt. Falls ihr Polizeigewalt gegen Demonstrierende filmen wollt, dann solltet ihr euch vorher diesen Guide durchlesen.

Wichtig ist außerdem, dass jemand bei euch zu Hause weiß, wo ihr euch befindet. Sagt Bescheid, wenn ihr bei der Demo angekommen seid, wenn ihr sie wieder verlasst und wenn ihr woanders hingehen wollt. Zwar können sich Pläne immer spontan ändern, aber euer Startpunkt ist schon mal ein wichtiger Hinweis, wenn euch Verwandte oder Freunde finden wollen – auch wenn ihr selbst kein Handy dabei habt.

Demonstriert mit Freunden, die genauso weit gehen wie ihr

Demonstrieren ist immer mit gewissen Risiken verbunden. Gerade bei emotionsgeladenen Themen wie Polizeigewalt oder Rassismus ist die Gefahr gegeben, bei einer Demonstration verletzt oder verhaftet zu werden. Deswegen ist es immens wichtig, mit mindestens einem Freund oder einer Freundin zur Demo zu gehen und vorher darüber zu reden, mit welchen Aktionen ihr OK seid und wo ihr die Grenze zieht.

Stellt euch dafür folgende Fragen:

  • Sind wir dazu bereit, uns körperlich mit der Polizei anzulegen – zum Beispiel durch direkte Konfrontation oder als menschliches Schutzschild? Oder bleiben wir lieber auf sicherer Distanz?
  • Gibt es etwas, das uns davon abhalten würde, bei einer Eskalation oder einem Notfall schnell das Weite zu suchen?
  • Wollen wir gegen das Kontaktverbot verstoßen?
  • Sind wir dazu bereit, uns verhaften zu lassen?
  • Hat irgendjemand von uns irgendwelche Vorstrafen, die im Falle einer Festnahme zu einer heftigeren Anklage führen könnten?
  • Hat irgendjemand von uns eine Krankheit, die eine tägliche Medikamenteneinnahme erfordert, was bei einer Festnahme zum Problem werden könnte?

Bei Demonstrationen muss man sich auf seine Mitstreitenden verlassen können. Deshalb ist es essenziell, offen und ehrlich über unsere Grenzen und Erwartungen zu reden – vor allem dann, wenn sich das eigene Vorgehen direkt auf die Sicherheit der Menschen um einen herum auswirkt.

Haltet euch so gut es geht an die Corona-Sicherheitsmaßnahmen

Normalerweise ist es bei Demonstrationen verboten, das Gesicht zu bedecken. Jetzt weisen Demo-Organisatoren die Demonstrierenden aber an, Schutzausrüstung zu tragen – vor allem Gesichtsmasken. Eine medizinische Variante, etwa eine OP-Maske, verhindert die Verbreitung von COVID-19-Partikeln dabei effektiver als zum Beispiel ein einfaches Tuch. Zudem ist es wichtig, die Maske richtig zu tragen: fest sitzend über Mund, Nase und Kinn, damit man sie nicht ständig richten muss. Es gibt auch ein Google Doc, in dem ihr noch weitere Hinweise zur Hygiene bei Demonstrationen findet.

Achtet auch beim Demonstrieren auf Social Distancing. Natürlich kann das je nach Teilnehmerzahl oder Straßenbreite schwierig sein. Dennoch solltet ihr versuchen, den anderen Demonstrierenden nicht zu nahe zu kommen und sie nur in absoluten Notfällen zu berühren.

Nehmt ein Fläschchen Händedesinfektionsmittel mit und denkt daran, immer in den Ellbogen zu husten und zu niesen. Leute, die schreien oder sogar nur laut reden, geben mehr Speicheltröpfchen ab. Deswegen solltet ihr besonders viel Abstand zu Menschen halten, die Parolen rufen – vor allem dann, wenn sie keine Maske tragen.

Jeder will endlich wieder wie vor der Pandemie leben. Dazu gehört für viele Menschen auch, sich gegen Unterdrückung und staatlich geförderte Gewalt aufzulehnen. Es ist immer mutig, gegen Ungerechtigkeit zu demonstrieren, weil man sich für wahre Veränderungen immer einem gewissen Risiko aussetzen muss. Gerade jetzt – also in Zeiten, in denen dieses Risiko offensichtlicher kaum sein könnte – ist es umso mutiger.

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