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Ich habe Angst, Weihnachten im Internet allein zu sein

Während manche Weihnachten als angenehmes digitales Detox empfinden, gehöre ich zu denen, die sich im Internet alleine und verlassen fühlen.

Das Gefühl, das man zu Weihnachten im Internet hat. Foto: simpleinsomnia | Flickr | CC BY 2.0

Jedes Jahr um dieselbe Zeit im Dezember machen sich viele Internetnutzerinnen und Internetnutzer im ganzen Land auf, um mehrere Tage bei ihren Eltern und der Familie zu verbringen. „Driving home for Christmas" wird damit mehr als nur ein Ohrwurm, der auf der Fahrt im Radio auf und ab gespielt wird. Das gefühlte oder ausgesprochene Internet-Verbot im Familienkreis, zwischen Geschenken, Weihnachtsbaum und Mahlzeiten, steht dann an der Tagesordnung.

Während manche das als angenehmes digitales Detox empfinden, gehöre ich zu denjenigen, die sich an ihrem Lieblingsort, dem Internet, alleine und verlassen fühlen.

Irgendwann während der ersten Tage im Dezember geht es los. Die Likes werden proportional zur Anzahl der gebackenen Kekse weniger und Lichterketten, feierliche Wohnungsdekorationen und Weihnachtsbäume übernehmen den Facebook-Newsfeed. Andere Beiträge bleiben ungeliebt stehen.

In den letzten Jahren war vor allem das Scrollen auf der Suche nach Updates, die im Idealfall nichts mit festlichen Gegebenheiten zu tun haben, vergebens. Für mehrere Tage wird einfach weniger Inhalt ins Internet gespült. Wer trotzdem etwa einen längeren Text, wie diesen, postet, bekommt dafür keine Liebe—und nicht einmal Hass. Wer hat schon Zeit zu lesen, wenn man den Weihnachtsbaum vor der nächsten Attacke der Katze bewachen muss?

Im aktuellen TV-Werbespot eines deutschen Mobilfunkanbieters versteckt Familie Heins ihre Smartphones und das iPad im Handschuhfach oder auf dem Kühlschrank. Alles, was noch läuten darf, ist der Ofen, wenn das Essen fertig ist. Das klingt vielleicht ein bisschen extrem und nach Weihnachtsmärchen, aber ich kenne ähnliches Verhalten—zum Teil in abgeschwächter Form—von mehreren Menschen. Digitale Störung ist (nicht nur) für ältere Menschen sowieso schon der Top-Grund für „Früher hat man noch miteinander geredet"-Tiraden; zu Weihnachten noch mehr als sonst.

Wer vermeiden will, dass die Familie mit Smartphone-Entzug kommt, muss nur wissen, wie man sein Smartphone stumm schaltet, um keinen Lärm zu verursachen und keine Aufmerksamkeit zu erregen. Ja, man kann auch die Vibration abschalten. Betrachtet diesen Tipp als meinen eigennützigen Hilfeschrei nach dem Internet, das mir von Weihnachten regelmäßig gestohlen wird.

Foto: Remko van Dokkum | Flickr | CC BY 2.0

So wie andere von euch zu Weihnachten stundenlang ins Kaminfeuer oder die Glotze starren wollen, will ich mich eben auch zu Weihnachten am sozialen Lärm des Internets wärmen. Ich möchte das Internet gerne so wie sonst auch immer nutzen. Dabei geht es nicht um das Lästern über Streitthemen und Familienmitglieder, die das falsche Weihnachtsgeschenk überreicht haben.

Vielmehr will ich einfach kommunizieren und teilen. Das Tolle am Internet ist ja, dass man auch mit den Menschen sprechen kann, die nicht nebenan wohnen, vorausgesetzt eben, dass sie online sind. Was ich nicht will? Allen Facebook-Freunden öffentlich „Frohe Weihnachten" wünschen. Wir sind hier nicht auf Myspace.

Neulich habe ich auch mit Katja, einer Übersetzerin aus Wien, darüber gesprochen. Es stellte sich heraus, dass auch sie meine Angst teilt, zu Weihnachten alleine im Internet zu sein. „Es ist schon ein komisches Gefühl", sagt sie. „An dem Tag gibt es bei mir im Newsfeed nur Food Porn aus riesigen italienischen Weihnachtsessen, Selfies mit allen möglichen Familienmitgliedern und dann ab einer gewisser Uhrzeit die absolute Stille, wenn alle mit dem Verdauen beschäftigt sind."

Geschenkte Selfie-Sticks waren im letzten Jahr sicherlich eine gut Ausrede, um doch noch das ein oder andere Foto posten zu können, bevor man sich dem Verdauungsschlaf hingibt. Aber schenkt man die nun auch in diesem Jahr noch? Und muss es wirklich zu Selfie-Sticks kommen, nur um einen Vorwand fürs Internet zu haben?

Wie gesagt, anderen geht es offenbar anders—und ich akzeptiere das. „Weihnachten mit der Familie ist, wenn man den WLAN-Ausfall erst nach gut zwei Stunden bemerkt", schrieb Oliver im letzten Jahr auf Twitter. Das mag sein. Mir geht es da anders. Und all jenen, die ihre geschmückten Bäume auf Facebook oder ihre Geschenke auf Instagram oder ihre schlafenden Verwandten auf Snapchat posten wollen, auch.

Mit genau diesen Freunden hatte ich in den letzten Jahren zu Weihnachten eine Situation, die mit der Kommunikation zwischen Apollo 13 und der Bodenstation in Houston vergleichbar ist. Es gab immer nur kurze Zeitfenster, in denen wir uns erreichen konnten—und wenn sie schließlich irgendwas kommentiert haben, waren wir für einen kurzen Moment gemeinsam einsam online, bevor der Kontakt wieder abriss.

So muss es Menschen gehen, die nachtaktiv sind oder nur Freunde in anderen Zeitzonen haben. Etwas, das mir hilft, ist der Ansatz, den ich von meiner Freundin Barbara gelernt habe. Barbara ist Journalistin und hat eine ganz gute Lösung gefunden, wie man das Internet auch noch nutzen kann, wenn keiner da ist. „Ich hab dann das gemacht, was ich sonst auch immer mache, wenn viele offline sind. Ich lese nach. Ganz viele Kommentare und Tweets zu total nebensächlichen Diskussionen. Ich find das total luxuriös, mal nicht alles schnellstmöglich durchscrollen zu müssen, sondern den Alltag der Anderen richtig nachzuspüren."

Wer sich darauf schon mal vorbereiten will, der beginnt am besten jetzt damit, Artikel und Diskussionen abzuspeichern, die man dann in den nächsten Tagen nachlesen will. Erschreckt also nicht, wenn eure Freunde in den nächsten Tagen bei älteren Postings kommentieren und unter alten Blogartikeln ihre Meinung kundtun. Und falls ihr mit mir befreundet seid, stellt euch schon mal auf eine großflächige Heimsuchung ein. Ich bin der Geist der zukünftigen Weihnacht—und ich sage euch: „Leistet mir Gesellschaft, sonst geht es euch bald wie mir!"

Teresa ist zu Weihnachten und auch sonst immer auf Twitter erreichbar: @colazionearoma