FYI.

This story is over 5 years old.

VICE News

Kinderarbeiter aller Länder, vereinigt euch!

In Bolivien versuchen NGOs und Aktivisten, das legale Arbeitseintrittsalter für Kinder von 14 auf 6 Jahre herabzusetzen. Diese Idee stammt von Kindern und Jugendlichen zwischen 8 und 18, die ein Gesetz fordern, das es Kindern und Jugendlichen erlaubt...
14 Januar 2014, 8:00am

1936besuchte George Orwell eine Kohlengrube in Grimethorpe in England. „Genauso habe ich mir immer die Hölle vorgestellt“, schrieb er nach dieser Erfahrung. „Dort findet man alles, was man gemeinhin mit Hölle assoziiert: Hitze, Lärm, Durcheinander, Dunkelheit, schlechte Luft und vor allem unerträgliche Enge.“ Orwell war ein schlaksiger Typ von 1,80 bis 1,90 Meter Größe, genau wie ich, und als ich kürzlich durch einen Tunnel kroch, der feuchtkalt und dunkel war wie eine mittelalterliche Katakombe und fast 1,5 Kilometer unter der Erde lag, musste ich an seinen Vergleich denken. In der Cerro-Rico-Mine in Potosí in Bolivien, einer der ältesten noch aktiven Minen Lateinamerikas, waren die Schächte so eng, dass ich mich nicht einmal hätte wenden und umkehren können, wenn ich das gewollt hätte.

Orwell war nicht der Erste, der Bergwerke mit der Hölle verglichen hat. Und auch die bolivianischen Bergarbeiter wissen schon lange, dass sie in einem Inferno arbeiten. In den letzten 500 Jahren sind mindestens vier Millionen Minenarbeiter im Cerro Rico bei Mineneinstürzen, an der Staublunge oder an Hunger gestorben. Und den frommen Spaniern zum Spott, die sich 1554 hier niedergelassen und die einheimischen Quechua-Indianer versklavt haben, verehren die bolivianischen Bergarbeiter den Teufel. Als Teil einer Kosmologie, in der Gott den Himmel und die Erde regiert, ist Satan für den Bereich unter der Erde zuständig.

Um ihm zu huldigen, schlachten die Minenarbeiter Lamas und bestreichen mit deren Blut die Eingänge zu den 650 Minenschächten, die diesen Hügel durchlöchern. Außer Blutflecken findet man in der Mine bärtige Statuen mit Knöpfen als Augen und riesigen, erigierten Penissen. Alberne Karikaturen Satans, auch El Tio, „der Onkel“ genannt, dem die Arbeiter selbst gebrannten Schnaps und Zigaretten opfern. Bevor ich in den Schacht hinunterstieg, opferte ich einem der kleinen Teufel einen Beutel mit Kokablättern und bat ihn um einen Segen.

Jose Luis und sein Cousin sind junge Arbeiter, die zusammen in der Cerro-Rico-Mine arbeiten.

Ein paar Stunden später befand ich mich Hunderte Meter unter der Erde, kämpfte mich durch Tunnel von einem Meter Höhe und riss mir die Knie am harten Fels auf. Mein Führer Dani, ein winziger Mann mit der Kraft und dem Temperament eines Esels, war schon so weit vorausgekrochen, dass er in der Dunkelheit nicht mehr zu erkennen war. Ich rief nach ihm. Und als er nicht antwortete, drehte sich mein Fotograf Jackson zu mir um und hustete. „Ich krieg gleich eine Panikattacke“, sagte er.

Der Berg Cerro Rico fällt langsam, aber sicher in sich zusammen. In seiner produktivsten Phase brachte der „üppige Hügel“, wie er übersetzt heißt, mehr als die Hälfte allen Silbers der ganzen Welt hervor und 200 Jahre lang finanzierte er das spanische Imperium. Der Spruch „So viel wert wie ein Potosí“ oder „Dieser Cadillac ist sicher ein Potosí wert, Hombre“ stammt aus den Zeiten, in denen der Name der Stadt Potosí, die an der Mine liegt, gleichbedeutend mit Reichtum war.

Aber nachdem in seinem Inneren 500 Jahre lang Silber abgebaut wurde, ist der Berg, der sich wie ein Wolkenkratzer 500 Meter hoch über die baufälligen Kirchen und Plätze der Stadt und ihre 240.000 Einwohner erhebt, genauso erschöpft wie seine Arbeiter. Heute wirft er nur noch ein wenig Zinn, Zink und Silber ab. 15.000 Männer arbeiten weiterhin darin, aber die Bergarbeiter haben ihn über die Jahrhunderte so gründlich durchlöchert, dass der Cerro Rico instabil geworden ist. „Wir befürchten“, sagte Roberto Fernandez, Koordinator der Nichtregierungsorganisation Yachaj Mosoj, die sich für die Rechte der Arbeiter einsetzt, „dass der Cerro Rico irgendwann Schicht für Schicht einbrechen wird.“

Der Cerro Rico, den die Minenarbei­ter auch den „menschenfressenden Berg“ nennen, ragt über die Stadt Potosí in Bolivien.

Ich versuchte, Jackson zu beruhigen und versicherte ihm, dass die Mine ständig von Touristen besucht würde. Ich war schon zehn Jahre zuvor hier gewesen. Was ich ihm nicht erzählte, war, dass wir uns wesentlich weiter unten befanden, als es Auslandsstudenten und Rucksackreisenden in der Regel empfohlen wird.

Jackson und ich waren auf der Suche nach Kinderbergarbeitern, von denen angeblich 3.000 illegal in der Mine arbeiten. Offiziell wurde Kinderarbeit in den Minen von der Regierung verboten, weshalb sie versuchen, Ausländern aus dem Weg zu gehen. Jackson hatte Gründe, nervös zu sein. 2008 starben im Cerro Rico 60 Kinder bei Mineneinstürzen oder anderen Unfällen. In Bolivien heißt es noch lange nicht, dass etwas sicher ist, nur weil Touristen und Kinder es tun.

Als wir Dani endlich eingeholt hatten, war dieser bei einer Gruppe arbeitender Männer angelangt. Verwinkelte, winzige Tunnel führten zu größeren Höhlen, die, wo man auf Silberadern gestoßen war, mit Spitzhacken, Pressluftbohrern und Dynamitstäben aus dem Fels gehauen worden waren. Dani stellte uns den fünf schmutzigen Männern ohne Hemd vor.

Die Männer waren alle Mitte 30, wie sie mir sagten, und arbeiteten schon seit zehn Jahren zusammen, verkauften ihre Ausbeute und teilten den Erlös. Im besten Fall verdienten sie am Tag 30 Dollar. Sie bestätigten, dass tatsächlich Kinder in der Mine arbeiteten, aber sie konnten nicht sagen, wo. Ihr Arbeitstag war fast vorbei und sie hatten gerade acht Stäbe Dynamit in die nahegelegene Felswand gesteckt, die sie gerne explodieren lassen wollten, bevor sie nach Hause gingen. Das Problem war nur, dass sie die Streichhölzer vergessen hatten.

„Captain America“, sagte ein Minenarbeiter zu mir. „Hast du zufällig Streichhölzer dabei?“ Leider hatte ich das nicht. Also musste einer von ihnen zurück zum Mineneingang gehen, was bei strammem Schritt eine halbe Stunde dauern würde, und welche holen. Es war Dani, unser verlässlicher Führer, der uns in den Tiefen des Cerro Rico zurückließ.

Die Statue eines Bergarbeiters mit einem Presslufthammer und einem Gewehr auf dem Bergarbeitermarkt in Potosí

„Ich hole welche für euch, Brüder“, sagte er den Arbeitern, bevor er durch einen der Zuliefererschächte verschwand. Die anderen zuckten mit den Schultern und arbeiteten weiter.

„Oh, Mann“, sagte Jackson. „Der ist jetzt echt abgehauen.“

„Sieht so aus“, sagte ich.

Ein paar Minuten später hörte ich ein Zischen. Jackson sah mich erschrocken an. Dann blickten wir beide in eine Ecke der Kammer, wo Sprengstoff-Zündschnüre von der Wand herunterhingen wie Tampon-Fäden, was nichts Gutes verhieß.

„Sind die angezündet?“, fragte ich einen der Minenarbeiter.

„Worauf ihr euch verlassen könnt“, sagte er. Anscheinend hatten sie doch noch ein Streichholz gefunden.

„Und wann explodieren sie?“, fragte ich. Durchaus berechtigt angesichts der Tatsache, dass wir uns fast 1,5 Kilometer tief unter der Erde in einer Höhle voller Dynamit befanden, in einem Berg, der ohnehin schon kurz davor war, komplett einzubrechen.

„Jeden Augenblick. Also bringt euch lieber in Sicherheit.“

Ein Bergarbei­ter in der Cerro-Rico-Mine

Ich war nach Bolivien gereist, weil ich gehört hatte, dass NGOs und Aktivisten seit einer Weile versuchen, das legale Arbeitseintrittsalter für Kinder von 14 auf 6 Jahre herabzusetzen, was völlig irrsinnig erscheint. Die Idee stammte nicht von Minenbesitzern oder konservativen Politikern, die auf diesem Wege leicht an billige Arbeitskräfte kommen wollten, im Gegenteil: Es war eine Gruppe von Kindern und jungen Leuten zwischen 8 und 18, die der Gewerkschaft für Kinderarbeiter und junge Arbeiter (UNATSBO) angehören und die ein Gesetz fordern, das es Kindern und Jugendlichen erlaubt, legal zu arbeiten. Das bolivianische Parlament wird voraussichtlich noch in diesem Monat über den Gesetzesentwurf abstimmen.

Warum aber will eine Organisation, die sich für die Rechte von Kinderarbeitern einsetzt, das gesetzliche Arbeitsalter herabsetzen? Das aktuelle Gesetz, dass Jugendlichen frühestens mit 14 Jahren erlaubt zu arbeiten, wird kaum befolgt. Bolivien hat weniger als elf Millionen Einwohner, von denen etwa 850.000 Kinder sind, die Vollzeit arbeiten. Etwa die Hälfte von ihnen sind unter 14.

„Sie arbeiten heimlich“, erzählte mir Alfredo, 16, der seit seinem achten Lebensjahr arbeitet—als Maurer, Bauarbeiter und derzeit als Straßenclown. Ich traf ihn in einem Café in El Alto, dem überfüllten Slum außerhalb von Boliviens Hauptstadt La Paz. Draußen auf der Straße lehnten sich Kinder—die sogenannten voceadores, „Ausrufer“—aus Bussen und riefen die Endstationen aus, in der Hoffnung, von wohlgesinnten Fahrgästen oder solchen, die nicht lesen können, ein paar Münzen zu bekommen. „Die Kinder müssen“, fuhr er fort, „im Verborgenen arbeiten, so als wären sie Verbrecher.“

Alfredo erzählte mir von seiner ersten Erfahrung mit Ausbeutung, als er mit zwölf Jahren matracas, kleine Spieluhren baute. „Mein Boss wollte mich nicht bezahlen“, sagte er. Damals verdiente er drei Dollar am Tag. „Ich verlangte mein Geld, aber er sagte immer wieder: ‚Du kriegst es später, du kriegst es später.‘“ Das ging sechs Monate so, bis sein Boss schließlich behauptete, seine Arbeit wäre schlecht gewesen, weshalb er ihn nicht bezahlen würde. Hätte Alfredo legal gearbeitet, hätte er Anspruch auf eine Nachzahlung gehabt. „Schließlich habe ich die Hälfte von dem bekommen, was er mir schuldete.“ Kurz danach trat er der UNATSBO bei.

Jose Luis sucht im Cerro Rico nach Silberadern.

1910 arbeiteten in den USA etwa zwei Millionen Kinder in Kohlebergwerken, Fabriken und auf Plantagen. 50 Jahre zuvor waren 50 Prozent der Belegschaft in manchen englischen Textil- und Kleiderfabriken Kinder. Charles Dickens war zu David Copperfield inspiriert worden, weil er selbst als Zwölfjähriger in einer Fabrik gearbeitet hatte. „Ich weiß heute genug von der Welt, dass mich kaum mehr etwas zu überraschen vermag“, schrieb er. „Doch eines erstaunt mich noch heute; dass meine Jugend so erbarmungslos geopfert wurde.“

Heute sind nur noch ein Prozent der arbeitenden Bevölkerung in der westlichen Welt Kinder, und die Konvention der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) zum Arbeitsmindestalter hat diese Entwicklungen in einem internationalen Abkommen festgeschrieben. 1973 wurde in dieser Konvention das Mindestalter auf 15 Jahre (in manchen Fällen auf 14 Jahre) festgelegt, und 166 Länder haben dies ratifiziert.

Bemühungen, Kinderarbeit in den am wenigstens entwickelten Ländern abzuschaffen, waren aber bisher nicht von Erfolg gekrönt. Laut der IAO arbeiten heute auf der ganzen Welt 168 Millionen Kinder unter 17 Jahren. In Afrika sind es 59 Millionen, das heißt jedes fünfte Kind, in Asien sind es 78 Millionen, und in Lateinamerika 13 Millionen—jedes zehnte Kind. In Bolivien, dem ärmsten südamerikanischen Land, arbeitet jedes dritte Kind.

Gemäß der IAO ist die Anzahl arbeitender Kinder auf der Welt seit 1960 zwar insgesamt gesunken, aber die rasche Urbanisierung hat die Zahlen in vielen Städten wieder ansteigen lassen. Außerdem hat eine Studie von 2008 ergeben, dass die Weltwirtschaftskrise in Lateinamerika höchstwahrscheinlich 300.000 bis 500.000 neue Kinderarbeiter hervorbringen wird. Die Tatsache, dass weiterhin so viele Kinder auf der Welt arbeiten müssen, stellt—laut einer Gemeinschaftsstudie von Ökonomen der Cornell University—„ein Versagen von katastrophalem Ausmaß dar“. Und da viele dieser Kinder illegal arbeiten, sind sie unsichtbar. Es sind daher nicht nur die jungen Minenarbeiter, die im Untergrund arbeiten.

Bergarbeiter im Cerro Rico

Die UNATSBO wurde um 1995 gegründet, als Reaktion auf die katastrophalen Arbeitsbedingungen junger Arbeiter in Bolivien. Von Anfang an handelte es sich um Kinder, die sich für die Rechte von Kindern einsetzten. Im letzten Jahr wurde Alfredo, der Straßenclown, zum Vorsitzenden des Ortsverbandes El Alto gewählt. Im Dezember 2007 hatte er—gemeinsam mit 1.000 anderen Mitgliedern von UNATSBO—an einem Protestmarsch zum Präsidentenpalast in La Paz teilgenommen, um gegen den Gesetzesentwurf des bolivianischen Präsidenten Evo Morales zu demonstrieren, der das Mindestalter für Kinderarbeit von 14 auf 18 Jahre anheben wollte. Andere Protestierende hielten Transparente hoch mit der Aufschrift „Wenn ich nicht arbeite, wer ernährt dann meine Familie?“

Der Protest hat zwar dazu geführt, dass das Mindestalter nicht auf 18 Jahre hinaufgesetzt wurde. Doch eine Lösung für Boliviens makro- und sozioökonomische Probleme war es noch nicht.

Luz Rivera Daza, eine erwachsene Unterstützerin der UNATSBO von der Caritas in Potosí, wo sie mit gewerkschaftlich organisierten Kindern arbeitet, steht für ein Umdenken bei einigen lateinamerikanischen Intellektuellen und Aktivisten, die nach neuen Ansätzen für den Umgang mit Kinderarbeit im 21. Jahrhundert suchen.

„Wenn ich den Kindern sage, dass sie aufhören sollen, in den Minen zu arbeiten, muss ich ihnen auch eine Alternative anbieten“, sagte sie mir, als ich sie in ihrem Büro in Potosí aufsuchte. „Den Familien dieser Kinder droht im wahrsten Sinne des Wortes der Hungertod, wenn sie aufhören zu arbeiten. Eine restriktive Gesetzgebung schadet den Kindern nur“, sagte sie. „Bevor wir darüber sprechen können, die Kinderarbeit abzuschaffen, müssen wir zuallererst die Armut beseitigen.“

Luz erzählte mir, dass sie seit drei Monaten kein Gehalt bekommen habe, weil ein wichtiger Zuschuss für ihre Organisation nicht überwiesen wurde. „Ich finde nicht, dass Arbeit den Kindern schadet“, sagte sie. „Ausbeutung und Diskriminierung von Kindern dagegen muss bekämpft werden.“

Auf meine Frage, ob Luz ihre eigenen Kinder arbeiten lassen würde, überlegte sie kurz und sagte dann: „Nein. Das würde ich nicht.“

Bergarbeiter im Cerro Rico

Die etablierten Kontrollorgane wie IAO und UNO würden sie hierin bestärken. Die IAO fordert ein absolutes Verbot von Kinderarbeit für unter 14-Jährige. „Arbeit von Kindern ab sechs Jahren bringt viele Gefahren mit sich“, sagte mir Jose M. Ramirez, der Vorsitzende des Internationalen Programms zur Abschaffung von Kinderarbeit der IAO. „Denn wenn sie arbeiten, verbringen sie nicht genug Zeit in der Schule. Und auch wenn sie kurzfristig Geld verdienen, werden ihre Chancen, später Geld zu verdienen, dadurch geschmälert.“

Außerdem, sagte mir Jose, sei das Problem, dass Arbeitgeber oft lieber Kinder als Erwachsene einstellen, um die Löhne zu drücken. Genau das geschieht während der Zuckerrohrernte in Bolivien, bei der Kinderarbeiter als cuartas—„Viertel“—bezeichnet werden, weil sie nur als eine Viertel Person betrachtet und dementsprechend schlecht bezahlt werden.

„Manche Leute sagen, unsere Argumente für die Abschaffung von Kinderarbeit seien die der kulturellen Imperialisten“, sagte Jose, womit er auf einen weiteren Aspekt der Debatte hinwies. Die meisten Länder dieser Welt beziehen ihre Vorstellung von Kindheit aus der viktorianischen Idee des „ummauerten Gartens“, nämlich der Annahme, dass Kinder sich am besten entwickeln, wenn sie so lange wie möglich von allen Belangen der Erwachsenenwelt ferngehalten werden. In Bolivien dagegen, wo 62 Prozent der Bevölkerung indigen sind, preisen die Stammesführer der

Quechua- und Aymara-Indianer die Kinderarbeit und halten nichts davon, Kindern zu verbieten, ihren Beitrag zum Lebensunterhalt ihrer Familien zu leisten.

Obwohl Präsident Morales schon immer ein energischer Verfechter des Kulturguts der einheimischen bolivianischen Bevölkerungsgruppen war, vertritt seine Regierung die Position, dass junge Menschen unter 14 Jahren nicht arbeiten sollten. Welche Punkte der aktuelle Gesetzesentwurf enthält, den die UNATSBO dem bolivianischen Parlament vorgelegt hat, war zum Zeitpunkt unseres Redaktionsschlusses noch nicht endgültig entschieden. Klar ist aber, dass die UNATSBO gefährliche Berufe in den Minen und bei der Zuckerrohrernte für Kinder verbieten und das Mindestalter für arbeitende Kinder in Bolivien herabsetzen will.

Die Tatsache, dass die Regierung es bisher nicht durchsetzen konnte, dass ihre Gesetze befolgt werden, scheint die Forderung der UNATSBO, Kinderarbeit zu legalisieren, zu rechtfertigen. In Bolivien umfasst die Organisation mit ihren diversen Ortsverbänden insgesamt 15.000 Mitglieder, und es gibt vergleichbare Organisationen in Peru, Ecuador, Venezuela, Guatemala, Kolumbien, Paraguay und Nicaragua. Während diese Gruppen immer mehr an Größe und Einfluss gewinnen, wird die Kluft zwischen Kinderarbeitsbefürwortern und –gegnern der Ersten und der Dritten Welt immer größer.

Alfredo, rechts, ist 16 Jahre alt und der Leiter des Ortsverbandes der UNATSBO von El Alto, der Gewerkschaft für Kinderarbeiter und junge Arbeiter. Tagsüber arbeitet er—zusammen mit seinem 12 Jahre alten Neffen—als Straßenclown.

Der Sucre-Friedhof mit seinen glänzenden Urnen, seinen kahlen Bäumen und dem Cerro Rico im Hintergrund, ist die einzige Anlage in Potosí, die entfernt an einen öffentlichen Park erinnert. Hier traf ich die beiden schüchternen Geschwister Cristina und Juan Carlos, die ihr Geld damit verdienen, Grabsteine sauberzumachen. Cristina ist heute 16 und begann zu arbeiten, als sie 13 war, Juan Carlos, heute 13, begann mit acht Jahren.

Weil der Friedhof voll ist, werden die Särge vertikal gestapelt, und Cristina und Juan Carlos müssen auf Leitern steigen, um sie zu polieren oder Blumen darauf zu legen, wofür sie zwei bis vier Dollar Trinkgeld am Tag bekommen. Sie arbeiten ein paar Stunden nach der Schule und am Wochenende von 18 Uhr bis Mitternacht. Mit der einen Hälfte ihres Verdienstes kaufen sie Schulsachen und Kleidung, und mit der anderen Hälfte bezahlt ihr Vater einen Teil der Lebensmittel und der Miete.

Das Schicksal von Cristinas und Juan Carlos’ älterem Bruder Jhonny hat Juan Carlos dazu veranlasst, Mitglied der UNATSBO zu werden. Dieser hatte zu arbeiten begonnen, als er acht oder neun Jahre alt war, und beging vor zwei Jahren—im Alter von 19 Jahren—Selbstmord, indem er sich erhängt hat. Auf dem Friedhof führte mich Juan Carlos zu seinem Lieblingsort, dem Grab seines Bruders, das er beim Grabsteinputzen niemals auslässt. „Früher waren mehr Kinder auf dem Friedhof“, sagte Juan Carlos. „Aber viele von ihnen haben mit der Arbeit aufgehört, weil sie drogenabhängig oder Alkoholiker wurden.“

Während Juan Carlos weiter polierte, ging Cristina mit mir zu einem Abschnitt des Friedhofs, an dem die Minenarbeiter aus der Stadt begraben werden. Es war eine wunderschöne Gruft, mit dem Panorama der Anden im Hintergrund. Auf einer Wand stand: „Hier hört der Dienst der Bergarbeiter für die Gemeinde auf.“

Als sie damit fertig war, die Grabsteine der Bergarbeiter zu polieren, fragte ich sie, ob sie manchmal über den Tod nachdenken würde, da sie so viel Zeit auf dem Friedhof verbringe. „Ich habe mehr Angst vor dem Leben als vor dem Tod“, sagte sie nach einer langen Pause. „Denn wenn man tot ist, ist man bei Gott.“

Cristina macht Blumensträuße für die Gräber auf dem Sucre-Friedhof von Potosí.

An einem meiner letzten Tage in Potosí gelang es mir endlich, ein Interview mit einem Jungen zu arrangieren, der sein Geld im Cerro Rico verdient. Der 15 Jahre alte Jose Luis traf sich mit mir in der Hütte seiner Familie im Arbeiterviertel von San Cristobal. Das Haus steht an einem steilen, in Wolken gehüllten Kopfsteinpflasterweg. Wie jeder andere Bewohner der Stadt lebt auch Jose Luis im Schatten des Cerro Rico.

An manchen Morgen und Abenden braucht er eine Stunde für den Weg die unbefestigte Straße zum Cerro Rico hinauf, bevor er in die Mine hinabsteigen und mit der Arbeit beginnen kann. „Am Anfang hatte ich große Angst“, sagte er und erinnerte sich an seinen ersten Tag in der Mine, als er elf Jahre alt war. „Es ist so dunkel und unheimlich da unten.“ Ein paar Jahre später war er in den Tunneln und siebte Steinchen durch, als er sah, wie eine Gruppe von Männern einen Leichnam forttrug, und da packte Jose Luis eine neue Angst: in der Mine getötet zu werden. „Wenn man da raufgeht“, sagte er, „weiß man nicht, ob man wieder herunterkommt.“

Jose Luis arbeitet in einer Gruppe mit seinem Vater und seinen Cousins. Die gefährlicheren Arbeiten—wie Bohren, wovon man eine Staublunge bekommt und sterben kann, und Sprengen, was zum Mineneinsturz führen kann—vermeidet er. Stattdessen steigt er an ein paar Tagen in der Woche nach der Schule in die Mine hinab, um kleine Silberstücke zu suchen. Er kann bis zu 20 Dollar pro Tag verdienen.

Anders als die arbeitenden Gassenkinder aus dem England des 18. Jahrhunderts, die von finsteren und skrupellosen Industriellen ausgebeutet wurden, ist der Kinderarbeiter von heute oft selbstständig und versucht, in einem inoffiziellen Wirtschaftszweig, dessen Regeln und Erlöse sich täglich ändern, den einen oder anderen Groschen zu verdienen. Und aus diesem Grund ist der Kinderarbeit heutzutage so schlecht beizukommen. Kurz und gut: Es gibt keinen deutlich festzumachenden Feind, außer der Armut.

Auf dem Sucre-Friedhof von Potosí. Juan Carlos steht vor dem Grab seines Bru­ders. Dieser hatte auch auf dem Friedhof gearbeitet, bis er sich vor zwei Jahren das Leben nahm.

Nach unserem Interview stiegen Jose Luis und ich gemeinsam in die Mine hinab. Wir mussten eine halbe Stunde lang durch Tunnel kriechen, um zu den Schächten zu gelangen, wo Jose Luis arbeitete. Ich sah ihm dabei zu, wie er in einem 1,20 Meter hohen Tunnel hockte und an einer Felswand kratzte, um nach Silber zu suchen.

„Du weißt schon, dass das gefährlich ist, oder?“, fragte ich ihn.

„Ja“, antwortete er. „Aber ich versuche, nicht daran zu denken.“

Man konnte regelmäßig Explosionen aus der Ferne hören. Kurz nach uns tauchten auch sein Vater und seine Cousins auf. Bei ihnen war ein weiterer junger Minenarbeiter, der vielleicht 12 oder 13 Jahre sein musste und ganz verstört aussah. Er sagte, dass er zwei Monate zuvor die Schule abgebrochen und gerade erst angefangen habe, in der Mine zu arbeiten.

„Gefällt es dir?“, fragte ich ihn.

„Nein“, lautete seine knappe Antwort.

Fotos von Jackson Fager.