Dillon hat euch etwas mitgebracht: Liebe, Liebe, Liebe!

Es wirkt so, als hätte Dillon nie festeres Vertrauen in die eigene Stimme gehabt—Eine Künstlerin auf dem Weg zur eigenen Neuerfindung.
18.10.16

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Hätte man mich in den letzten Jahren morgens um 4:30 Uhr geweckt und nach Dillon gefragt, dann hätte ich vermutlich so etwas gemurmelt wie: „Das ist doch die kleine verhuschte Indie-Chanteuse, die Berlin-Mitte-Björk, die immer so ein bisschen schlecht gelaunt rüberkommt und so lyrisch in den Äther seufzt, dass im Feuilleton die Lesebrillen feucht werden. Image irgendwo zwischen deer in the headlights und Sonnenbrillen-Diva. Und jetzt mach endlich das Licht wieder aus und lass mich weiterschlafen!"

So in etwa, nur mit mehr Wortfindungsstörungen, Orientierungslosigkeit im Blick und Knautschfalten im Gesicht—denn halb fünf ist nicht unbedingt die Tageszeit der luziden Welterkenntnis. Allerdings hat eben diese Dillon die Gedichte für ihr letztes Album zu dieser Zeit geschrieben—das war überall zu lesen. Genau so wie überall von ihrer Schüchternheit, ihren Ängsten, ihren Schreibblockaden zu lesen war. Ja, Songtexte heißen bei Dillon Gedichte. Es sind oft nur wenige Wörter, kurze Zeilen, wie Bedeutungsanker in das Meer aus Nichtgesagtem geworfen, in stundenlangen Reife- und Ausschlussprozessen am Küchentisch zu Papier gebracht. Morgens, während die Welt noch schläft. Das Gegenteil von schwerelos.

Aus diesem Verfahren sind neben Kleinformaten vor allem zwei Alben entstanden, beide verlegt bei BPitch Control, einem der Berliner Traditionsunternehmen für maßgeblichen Club-Wumms. Dillon ist in deren Roster hauptsächlich für das Schöngeistige zuständig, obschon gewandet in eine gegenwärtige Soundmontur, die sie auf beiden Alben mit Langzeitintimus Tamer Fahri Özgenenc (ex-MIT) und Thies Mynther (Phantom/Ghost, Stella, Das Bierbeben etc.) zusammen schraubte.

Die Entstehung dieser beiden Alben gehorchte vollkommen der alten Musicbiz-Binsenweisheit, die da lautet: Für dein erstes Album hast du dein ganzes Leben Zeit, das zweite will das Label dann aber spätestens im nächsten Jahr auf dem Tisch liegen haben. Das Debüt This Silence Kills öffnete ganze viele verschiedene Seelenkämmerchen im Wesen der damals 23-Jährigen. Über Jahre gesammelte Erlebnis-Splitter, mit spürbarer Freude zu Songs weiter verarbeitet. Wenn man glaubte, Pop aus Deutschland sei nur in Facepalm-Haltung zu ertragen, dann konnte man seine Hände jetzt endlich anderweitig nutzen. Um den Mund abzuschirmen, wenn man das Werk weiterempfahl, schließlich sollte die Juliperlenmond-Klientel da draußen keinen Wind davon bekommen, oder um Dillon Liebesbriefe zu schreiben.​

Das zweite Album The Unknownbebildert dann drei Jahre später, wie sie selbst sagt: die größte Depression ihres Lebens. Eigentlich sollte wieder alles so sein wie beim Debüt. Die gleichen Produzenten, das Studio in Hamburg, ein positives Album auf dem Wunschzettel. Aber nichts ging. Bis ihr am Ende dieser Stein vom Herzen fällt. Dieses The Unknown, eine zwischen Weltschmerz-Piano, betäubendem Bass und Flächenfetisch stattfindende Selbstdurchleuchtung, die viel wirkungsvoller noch in ihren Auslassungen und Leerstellen erzählt wird als das frühere Material. Daran nährt sich schließlich ihr Image als das unnahbare Sensibelchen, das zum Lachen anscheinend höchstens mal in den Volksbühnen-Keller geht.

Wie erleichtert bin ich als ich feststelle, dass gar nicht mal so viel von all dem wahr ist. Es ist ein Gespräch vereinbart—in einem Café in Kreuzberg. Der Berliner Herbst hat soeben das Kurzärmel-Wetter beendet. Es ist zwölf Uhr mittags, Dillon erscheint überpünktlich. Behutsame Frage: „Drinnen oder draußen?" Sie entgegnet: „Lieber draußen." „Sonne oder Schatten?" „Na Sonne natürlich!" Und Sonne soll es sein. Sie lächelt, strahlt und sprudelt förmlich über. Dass sie gerade so viel zu tun habe. All die Chöre instruieren, die auf ihrer kommenden Tour mit ihr auf der Bühne stehen werden. Zehn Konzerte sind das und für fast jedes davon muss ein neuer Chor eingestimmt werden. Und dann erscheint ja gerade das Live-Album ihres letztjährigen Auftrittes im Haus der Berliner Festspiele—der Premiere ihres Chor-Experiments. Und am neuen Album schreibe sie ebenfalls, ganz unblockiert diesmal und ohne überfrüh aufzustehen—die Hälfte sei schon fertig. Im November und Dezember werde aufgenommen—in Berlin. Zwischendurch wischt sie sich in einer Geste den imaginären Schweiß von der Stirn. Und zwischendurch taucht sie ihre helle Stimme immer wieder in rheinisches Lokalkolorit. Nach Geburt und früher Kindheit in Brasilien lebte Dillon in Köln, bis sie dann als Volljährige dem Großstadttraum nach Berlin folgte. Man muss schon sagen: in kölscher Mundart verliert das Bild des zart besaiteten Indie-Engels dann doch ein wenig von seinem erhabenen Glanz.

Und übrigens: Kein Chor auf dem neuen Album. Die Chor-Sache ist durch. Dafür kommen Bläser. Und neue Produzenten. Manches ist anders als sonst, manches aber auch nicht. Der große Unterschied zum letzten Albumprojekt: Es fühlt sich jetzt wieder alles richtig und gut an. „Bei The Unknown ist alles schief gelaufen, was nur schief laufen konnte.", so Dillon. „Wir mussten die Produktion abbrechen, über Monate einstellen. Wir mussten von Hamburg nach Berlin gehen, ich hatte einen Nervenzusammenbruch. Ständig Deadlines, ohne dass das Material annähernd fertig war. Das will ich nie wieder so machen müssen. Darum bin ich erleichtert, dass alles, was ich jetzt schreibe, irgendwie lieb ist. Es werden auch nur Liebeslieder auf dem Album sein."

Klingt in der Theorie nach einem luftigen Pusteblumen-Album, das die Freunde ihres herunter gedimmten, Beat gepflasterten Großstadt-Souls in Schockstarre versetzen dürfte. Aber ein Sinneswandel muss nicht gleichzeitig auch in die Songwriting-Arithmetik ausufern. „Das heißt ja nicht, dass sich die Soundsprache ändern muss", beschwichtigt sie. „Aber das kann ich ja jetzt vielleicht mit nem anderen Content machen. Es ist eine bewusste Soundsprache, mit der ich arbeite und Tamer und ich haben einen Dialog, den man so auch gar nicht auflösen kann. Aber es werden ja auch andere Menschen daran mitarbeiten, allein deshalb wird es anders klingen. Aber keine Sorge, die sind auch nicht viel leichter unterwegs. Etwas Schweres wird immer mitschwingen."

Es wirkt so, als hätte Dillon nie festeres Vertrauen in die eigene Stimme gehabt. Damit ist nicht nur die Schwingung gemeint, die sie ins Mikro haucht, sondern vor allem der geistige Resonanzraum dahinter, der ihre Songs so unverkennbar macht. Wie sonst ist es möglich, dass sie ohne Musiktheorie und Ausbildung die Töne beherrscht? Und wie sonst kann sie getrost auf Ratschläge und Korrekturen aus dem allernächsten Profi-Umfeld verzichten? Ihr Stiefvater, der Pianist ist, würde sich da nicht lange bitten lassen. Aber Feedback … Das ist wie beim Mikrofon, sagt sie. „Das tut weh in den Ohren, egal ob es gut ist oder schlecht. Ich bin für Meinungsfreiheit, aber das löst einfach nicht viel in mir aus." Wenn es sich im entscheidenden Moment richtig anfühlt, dann ist es auch richtig. Der Augenblick, in dem sich das, was sie da machte, mit Stimme und Klavier, auch nach etwas Besonderem anfühlte, der sei an die Erkenntnis geknüpft gewesen, die eigene Stimme nicht ändern zu können. „Wenn man mit Stimme arbeitet", so Dillon, „dann ist das grundsätzlich ein Stempel, ein Fingerabdruck. Ich habe dann auch rausgefunden, dass ich nicht anders schreiben kann als so wie ich eben schreibe. Ich kann es versuchen, aber es funktioniert nicht. Ich habe darauf selber keinen großen Einfluss, das ist eben so. Ich bin manchmal auch gar kein Fan meiner Stimme, aber es fühlt sich dann so natürlich an, dass es auch ok ist."

Das hehre Motiv vom unverstellten Ausdruck. Klar ist es nahezu unmöglich, Einflüsse auszuklammern, egal woher sie kommen. Aber dann sagt Dillon so etwas wie: „Das ist ja die ewige Frage: Ist es angeboren oder ist es das Umfeld oder ist es Beides, was einen beeinflusst. Keine Ahnung. Ich hab schon zu viel Zeit mit Küchenpsychologie verbracht, I just take it for what it is." Und man kann es kaum erwarten zu hören, was diese helle, klare und einzigartige Stimme auf dem nächsten Album zu erzählen hat.

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