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DIE LITERATURAUSGABE 2012

Kunstseminar

Wenn euch Jonathan Meeses Brandrede gegen den Kunst-Bildungsbetrieb gefallen hat, dann solltet ihr hier mal reinlesen.
6.7.12

Illustration von MARIJPOL

Künstler: … und das ist eine Arbeit auf Papier mit dem Titel Spiegel kein Spiegel aus meiner kürzlichen Ausstellung in der Hilton Perreault Gallery. Noch Fragen? Kunststudent: Ich wollte Sie fragen, ob es Ihnen etwas ausmachen würde, uns etwas über Ihre älteren Arbeiten zu erzählen, insbesondere über Railroad Tie (1972)? Künstler: Macht es mir was aus? Ja. Weiß ich, dass es von mir erwartet wird? Ja. Bitte das nächste Diamagazin einlegen. Kunststudent: Mir ist klar, dass Sie es satt haben müssen, über Railroad Tie zu sprechen, aber als angehender Künstler muss ich sagen, dass es mein Leben verändert hat, also— Künstler: Ja, das hat es sicher. Es hat auch mein Leben verändert, wie ihr sicher wisst. Das erste Dia bitte. Künstler: Das ist, wie unschwer zu erkennen, Ty Wilson, der, wenn man den Geschichtsbüchern glaubt, mit mir an Railroad Tie zusammengearbeitet hat, und der jetzt natürlich sehr berühmt ist, genau genommen sogar berühmter als ich, obwohl er selbst kein einziges Kunstwerk geschaffen hat und zu Railroad Tie auch nichts beigetragen hat, außer, dass er darin zu sehen ist. Kunststudent: Und dass er der coolste Typ aller Zeiten ist. Künstler: Das sehe ich etwas anders, aber es ist mir gerichtlich untersagt, mich dazu zu äußern. Also, für die unter euch, die die letzten Jahrzehnte im Urwald verbracht haben: Mit Railroad Tie habe ich das gefeierte (sagte er ironisch) thematische Interesse meiner Arbeit an der Kartierung des Zufälligen (in Anführungszeichen) in eine Darstellungsform überführt, die dank meiner Pionierleistung wenig später, sagen wir, ziemlich in Mode war. Insbesondere dokumentierte ich fotografisch die Reise eines Teenagers per Anhalter durch die USA. Und hier ist er beim Trampen. Das nächste Dia bitte. Und hier sieht man, wie er von dem berühmt-berüchtigten Trucker aufgelesen wird. Gibt es soweit Fragen? Kunststudent: Haben Sie dem Trucker Ihr Kunstprojekt erklärt? Künstler: Natürlich habe ich dem Trucker das Kunstprojekt erklärt und ja, er hat wirklich gesagt: „Also wenn ich Ihr Kunstprojekt richtig verstehe, kann ich diesen Jungen umbringen und es wäre OK, weil es für die Kunst wäre, stimmts?“ Und, wie ich vor Gericht erklärt habe, sagte ich: „Der Begriff der Kunst wird momentan neu definiert, also wäre es schwierig für mich, diese Frage zu beantworten. Sie müssen die Frage also für sich selbst beantworten.“ Das nächste Dia. Künstler: Ich gehe jetzt mal schnell durch die Dias durch, weil ihr sie alle schon tausend Mal gesehen habt. Das ist Ty, wie er mit Drogen betäubt wird. Das ist Ty, der bewusstlos auf der Ladefläche des Trucks liegt. Tys Reaktion, während er um seine Männlichkeit erleichtert wird … und schließlich natürlich der Trucker, während er Ty umbringt. Irgendwelche Fragen? Kunststudent: Wie war es, acht Jahre im Gefängnis zu sein? Künstler: Wie war das? Nun, meine Freunde Andy und Jasper und Roy verbrachten diese acht Jahre damit, reich und berühmt zu werden, und ich damit, Geschirr aus Konservendosen zu basteln. Und die Millionen, die Railroad Tie auf dem Kunstmarkt eingebracht hat, gingen an eine Hilfsorganisation für Opfer körperlicher Gewalt. Und das verstorbene, sagenumrankte Genie Ty Wilson hat einen ganzen Industriezweig der Poster-, Dokumentarfilm-, Tribute-Song- und Souvenirproduktion erschaffen, der Jim Morrison wie Bobby Rydell aussehen lässt, dessen Namen ihr im Leben noch nicht gehört habt, was genau mein Punkt bei der ganzen Sache ist.