Fotos

Dem Mörder in uns begegnen

Vergangenheitsbewältigung ist eine harte Nuss. Gundula Schulze Eldowy, eine Ikone der DDR-Fotografie, zeigt in Berlin, wie sie zu knacken ist.

Markus Gehann

„Fotografie ist weiblich. Frauen fotografieren aus dem Bauch und Männer mit dem Kopf. Und das geht nicht mit dem Kopf”, sagte uns der bedeutende DDR-Chronist Arno Fischer in seinem letzten Interview. Gundula Schulze Eldowy ist eine dieser Frauen, die die DDR so fotografierten, wie sie sie sahen. Als sie Anfang der Siebziger nach Ost-Berlin kam, war das Herz der Stadt immer noch eine Ruinenlandschaft—grausam und schön. Die Typen, die hier lebten, ließen die Fotografin bereitwillig in ihre Welt, luden sie zum Kaffee nach Hause ein, zogen sich für sie aus. Mit den Schwarz-Weiß-Zyklen Berlin in einer Hundenacht, Arbeit, Aktporträts und Straßenbild unterwanderte sie das Menschenbild des Politbüros und der Behörden. Sie konnte beweisen, wie weit entfernt die Ostdeutschen vom propagierten Schlaraffenland entfernt waren, sie zeigte die Seite des Staates weit ab von Paraden und Vorzeigearbeitern. Wen wundert's, dass diese Fotos von offizieller Seite als Verleumdung und Kriegserklärung gesehen wurden? Von Hausfrauen der 70er-Jahre erntete sie  folgenden Kommentar: „Musst du so schreckliche Bilder machen?“
In der C/O Galerie und im Mauer-Mahnmal des Deutschen Bundestages könnt ihr euch noch bis Ende Februar anschauen, was auf den Straßen und in den Häusern Ost-Berlins von 1977 bis 1990 abging. Doch zunächst solltet ihr unser Interview mit Gundula Schulze Eldowy lesen. Von ihrer Hacienda in Peru schrieb sie VICE, warum sie in Berlin nicht mehr fotografiert, wie wir endlich unsere Vergangenheit bewältigen können und wie sie einen dicken Mann, der gern über Sex sprach, zu Hause auf seinem Sofa fotografierte.

VICE: Sie sind nach dem Mauerfall für Ihre Arbeit durch die ganze Welt gereist, waren unter anderem in den USA, Japan, Russland, Ägypten und der Türkei. Was führt Sie auf eine Hacienda in Peru? Langweilt Sie Deutschland?
Gundula Schulze Eldowy: Als ich 1986 aus Berlin wegging—nicht ganz freiwillig, sondern weil die Stasi vor meiner Tür stand—ahnte ich nicht, dass ein jahrzehntelanges Nomadentum beginnen sollte. Mein Weg führte über viele Länder, die alle einen Aspekt meiner eigenen Psyche enthielten.
Irgendwann kam ich nach Peru und da das Land mir so gut gefiel wie kein anderes, hatte ich keine Lust mehr, nach Deutschland zurückzukehren. Javier A. Garcia Vasquéz, ein peruanischer Freund, sagte damals zu mir: „Deine Wurzeln sind in Deutschland. Du bist dort geboren. Deine Kunst ist unzertrennbar mit Deutschland verbunden. Du hast dort sehr viele Widerstände bekommen, die dich wachsen ließen. Nur durch Widerstände reift ein Mensch. Sei dankbar, denn du bist jetzt, was du bist.“
Als er das sagte, stellte ich die Fotos aus Berlin in einer Hundenacht gerade in Lima aus. „Wenn Berlin so ist wie auf deinen Bildern, komme ich gern nach Berlin!“, bemerkte er weiter. „Du weißt nicht, was du sagst, denn gerade diese Seite Berlins ist verschwunden. Sie haben den Häusern eine neue Fassade gegeben. Die alten Bewohner sind weg und neue sind eingezogen, die von weither kamen. Mit dem Ergebnis, dass Berlin heute so x-beliebig wie Lima oder Wladiwostok aussieht. Das spezifisch Berlinerische ist weg.“ Er erwiderte zu meinem Erstaunen: „Es zeigt, wie wenig sie sich selbst mögen und wie weit sie von sich selbst entfernt sind, denn in Paris würde niemand auf die Idee kommen, das Charakteristische der Stadt wegzusanieren. Warum tun es die Deutschen?“ „Weil sie sich dafür schämen“, antwortete ich.

Wenn Sie heute durch Berlin laufen, was fotografieren Sie?
Fotografisch interessiert mich Berlin nicht mehr. Es mag viele Gründe haben. Einer der Gründe bin ich selbst. Inspiriert mich etwas nicht mehr, trenne ich mich davon. Ich bin weitergegangen. Berlin ist in mir gespeichert, wie alle anderen Orte, die ich besuchte. Ein unsichtbares Band verbindet mich weiterhin mit der Stadt. Ich kenne sie schließlich 40 Jahre lang.

Mit Ihren Serien Berlin in einer Hundenacht und Der große und der kleine Schritt haben Sie sich als DDR-Dokumentaristen in die Köpfe der Deutschen gebrannt. Trifft das zu?
Ich gelte als DDR-Fotografin, obwohl sich nur ein kleiner Teil meines Œuvres mit der DDR beschäftigt. Genau genommen ist nicht einmal das wahr, weil das Berliner Milieu nicht für die DDR stehen kann. Ebenso wenig handelt Der große und der kleine Schritt von der DDR. Dresden, Leipzig und Berlin stehen symbolisch für alle anderen Städte. Treffender wäre eher ein archäologischer Aspekt, der sich wie ein roter Faden durch mein Werk zieht. Mein ganzes Leben beschäftigte ich mich nämlich mit untergegangenen Städten. Berlin in einer Hundenacht und Der große und der kleine Schritt zeigen, wie ich den Untergang eines Landes und einer Kultur am eigenen Leib erfahren habe. Ich zeige den Untergang der Scheinwelt; die Verstellung, das Künstliche, die Selbstlügen—kurzum alles, was uns davon abbringt, die Person zu sein, die wir eigentlich sind.



C/O Berlin und der Deutsche Bundestag haben Ihnen Ende 2011 bis Anfang 2012 eine Retrospektive gewidmet. Was denken Sie: warum gerade jetzt?
Es ist reiner Zufall. Die Ausstellung Die frühen Jahre bei C/O Berlin hat sich spontan ergeben. Auch die Ausstellungen Verwandlungen und Den Letzten beißen die Hunde. Dass sie zusammen ein wenig wie Dantes Göttliche Komödie wirken, ging mir erst später auf. Der Teil bei C/O Berlin repräsentiert den Gang durch die Hölle. Aus irgendeinem Grund gefällt das den Leuten besser. Der überwiegende Teil der Fotos schlummerte 22 Jahre in meinem Archiv. Es ist schon ein wenig verwunderlich, dass plötzlich etwas geschieht, was lange Zeit nicht geschah. Wahrscheinlich mussten das Land und ich erst reifen. Vor zehn Jahren boomte Berlin im Fieber des Globalismus. Es war eine richtige Goldgräberstimmung. Alle wollten Geld. Wo einst Kaschemmen lagen, zogen Yuppies ein. Es hieß, Berlin laufe New York den Rang ab. Meine Art von Zivilisationskritik war damals vollkommen fehl am Platz.

Und jetzt?
Inzwischen hat sich die Welt drastisch verändert. Die Euphorie ist gewichen. Es herrscht eine merkwürdige Mischung aus Zwang, Druck, Überforderung, Hast, Eile und Chaos. Der Verlust des Arbeitsplatzes, Ehescheidungen, Trennungen, Pleiten, Ruin, Nervenzusammenbrüche, Psychosen, Neurosen, Selbstmorde, Depressionen und Tod sind an der Tagesordnung. Erschreckend viele Menschen bekommen kaum noch bezahlte Jobs. Sie verdingen sich für 600 Euro im Monat, weniger oder gar nichts. Dabei handelt es sich um die Elite, die Kreativsten eines Landes! Ein Teil von ihnen ist „am Tropf“ von Hartz IV—einer Art Hypnose, um Menschen ihrer Kreativität zu berauben. Die Betroffenen haben ein schlechtes Gewissen, weil sie sich nicht selbst ernähren können und fühlen sich nutzlos. Doch will ich den Menschen nicht die Hoffnung nehmen.

Ihr frühes Werk, für das Sie durch das Ost-Berliner „Miljöh“ der Nachkriegs- und Teilungsjahre laufen, ist ein Porträt der Typen der Großstadt und gleichzeitig eine schonungslose soziologische Dokumentation des Alltagslebens in der DDR, mit der Sie gegen das Vergessen kämpfen wollten. Was ist so schlimm am Vergessen? Ist es nicht vielmehr ein Prozess, den man durchmachen muss, um weiterleben zu können?
Das Vergessen dient dem Unbewussten. Wird von einer Generation zur anderen ständig dasselbe wiederholt, werden die Muster, die dem kollektiven Verhalten zugrunde liegen, nie aufgelöst. Ein Großteil der Menschen sträubt sich dagegen, aufzuarbeiten, was sie von vorhergehenden Generationen erbten. Und so wiederholt sich in einer endlosen Kette dasselbe, ohne je gelöst zu werden. Meine Eltern haben nie Großreine gemacht in ihrer eigenen Psyche. Die Schuld gaben sie immer anderen. Ich habe endgültig damit Schluss gemacht. Um mich zu befreien, musste ich mich den alten Mustern stellen. Die Tragik der Muster, in denen man gefangen ist, wirkt auf der individuellen wie auch auf der kollektiven Ebene. Bis heute.



Wir leisten Verdrängungsarbeit. Und das ganz erfolgreich. Sind wir verantwortlich für die Taten unserer Großeltern?
Wir sind diejenigen, die den Dreck ganzer Generationen innerlich erbten. Wir haben ihn zu bereinigen, da wir wieder an einem Scheideweg angelangt sind. Wir können niemals frei und glücklich werden, ohne diese Arbeit gemacht zu haben. In der Berliner Mitte liegen alle Gebäude, von denen zwei Weltkriege ausgingen. Mehrere Male wechselten sich die Systeme ab, wurden Häuser neu gestrichen, neue Namen gefunden, doch die Muster, nach denen alles ablief, blieben. Heute ist wieder alles glatt poliert, oberflächlich, gut und korrekt. Ich bin nach dem Krieg geboren. Doch das Erbe, welches meine Generation bekam, war nicht zu ignorieren. Ich musste mich existentiell damit auseinandersetzen und mir die Frage stellen: Wie konnte das passieren? Und aus dieser Frage sind meine Fotos entstanden.

Ihre Arbeit wird oft mit der von Diane Arbus und Nan Goldin verglichen, weil sie ganz nah an die Menschen und deren Geschichte kommen. Wie ist es Ihnen gelungen, diese Intimität zwischen Ihnen und Ihrem Gegenüber zu erzeugen?
Ich erzeugte nichts, ich war eine von ihnen. Sie waren meine „Kampfgefährten“, Gleichgesinnte, mit denen ich mich über den langweiligen Alltag der DDR hinwegtröstete. Berlin in einer Hundenacht ist eine Reminiszenz an das Berliner Milieu, das ich liebte. Einige Rezensionen schauten rein äußerlich auf meine Protagonisten, taten sie als Freaks und Asoziale ab. Da ist wieder die verdrängte deutsche Seite, die in solchen Urteilen zum Ausdruck kommt und die in der Vergangenheit soviel Unheil anrichtete. Menschen, denen es wichtiger ist, so zu sein, wie sie sind, haben in Deutschland manchmal ein Außenseiterleben. Diejenigen, die verbogen und verkrümmt wurden, gelten dagegen als anständig und fein. Meine Protagonisten sind—etwas abgemildert—Menschen, die die feine Gesellschaft nicht sehen möchte.


„Siegfried war vollkommen schamlos. Sein dicker Körper machte ihn überhaupt nichts aus. Er sprach auch gleich über Sex. Ich erinnere mich genau an unsere erste Begegnung. Das war 1980. Ich lief geradewegs in seine Arme. Er nahm mit seinem gewichtigen Körper beide Türflügel einer Kneipe ein, die er gerade öffnete. „Donnerwetter! Auf dich habe ich gewartet“, rutschte mir spontan heraus. „Ich bin ein Star bei der UFA“, erwiderte er keck. Siegfried wohnte ein paar Straßen weiter. Als ich das erste Mal bei ihm klingelte, wurde die Tür nur einen Spalt weit geöffnet. Seine Frau schaute aus dem Dunkeln zu mir. Sie fragte ihren Mann, ob ich eintreten dürfe. Er stand nicht einmal auf, sondern brüllte von drinnen, ich solle hereinkommen. Da sah ich die drei Menschen genauso, wie sie auf meinem Foto erscheinen. Es war eine ganz selbstverständliche Situation.“


„Ich entdeckte dieses Mädchen bei einem Hindernislauf für Kinder. Die Lehrer, die ihn veranstalteten, hatten die Augenlöcher der Gasmaske mit Papier zugeklebt, sodass das Mädchen nichts sehen konnte. Sie musste einen vorgeschriebenen Weg gehen, an dessen Ende eine Puppe lag. Die Puppe ist auf meinem Foto im Hintergrund zu sehen. An Gasmasken waren wir alle gewöhnt. Es war die Zeit des Nato-Doppelbeschlusses. Deutschland war zum Atomwaffenlager der Supermächte geworden. Uns wurde einsuggeriert, mit Gasmasken einen Atomschlag überleben zu können.“
 


Im Lehmstedt Verlag Leipzig sind erschienen:

Berlin in einer Hundenacht
Der große und der kleine Schritt
Am fortgewehten Ort

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