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Mode

Die Zukunft wird BL33N!

Wer Gucci und Armani revolutioniert hat, dürfte bereits alles erreicht haben, doch Matthias Vriens-McGrath will sich nicht mehr der Diktatur der Modeimperien unterwerfen.
21.6.12

Wer Giorgio Armani und Tom Ford zu seinen ehemaligen Arbeitskollegen zählen kann, dürfte eigentlich bereits alles erreicht haben. Matthias Vriens-McGrath, bekannter Modefotograf und ehemaliger Senior Art Director der Gucci Group, reicht das noch nicht. Nachdem er beschlossen hatte, sich nicht länger der Diktatur bekannter Modeimperien zu unterwerfen, realisierte er mit seinem Ehemann Donovan Vriens-McGrath, einem Broadway-Schauspieler, die Idee zu BL33N.com. Seit dem Launch 2011 zeigen sie auf der Seite „stuff we love“, eine eigene T-Shirt-Kollektion und verschiedene Editorials. Matthias hat sich in den späten 90er Jahren als Chefredakteur und Creative Director des Dutch Magazines einen Namen in der internationalen Modeszene gemacht. Die bekannte „naked issue“, in welcher die Models außer den Markenlogos keine Kleider trugen, wurde weltweit gefeiert. Unzählige Zeitschriften versuchen seither, diese Ästhetik zu ihrer eigenen Handschrift zu machen, sie kopieren den Stil und trotzdem gelingt es ihnen selten, diese Attitüde, die eben keine ist, aufzugreifen. Nach einem Intermezzo bei Giorgio Armani wechselt er zur Gucci Group, wo er gemeinsam mit Tom Ford das Image der Marke revolutioniert hat. Heteros und Schwule zugleich bekamen beim Anblick von Carmen Kass’ rasierter G-Pussy einen Ständer und Frauen wurden feucht beim bloßen Gedanken an eine Bamboo Bag. Kürzlich sind beide nun nach Berlin gezogen und stellen gemeinsam mit der Galeristin Nadine Barth in der Contributed Gallery die Bilder zum Blog aus. Im Oktober folgt die Ausstellung der zweiten Issue in Paris. VICE: Was verbirgt sich hinter dem Namen BL33N?
Matthias: Ursprünglich war es eine Kombination aus „blue“ und „green“, woraus „gruen“ und „bl33n“ entstand. Für uns ist es zu einer Metapher für fortschrittlichen Wandel und die Möglichkeiten in der Zukunft geworden. Es geht um Sexualität, Freiheit und eine Menge Spaß. Für uns persönlich ist außerdem sehr wichtig, dass es eine Ausgeglichenheit gibt zwischen weiblicher und männlicher Sexualität und allem dazwischen. Überall auf der Welt haben die Menschen andere Vorlieben und Abneigungen. In Russland ist es komplett anders als in Berlin. Und hier ist es wiederum anders als in L.A. oder New York. Ist die Ausstellung also das physische Pendant zum BL33N Blog?
Matthias: Die Auswahl der Bilder geschah eher zufällig. Sie verkörpern jedoch alles, um was es bei BL33N geht. Berlin und die Galerie sind für uns zu diesem Zeitpunkt genau das Richtige, weil wir komplette Freiheit haben. Es gab niemanden, der sagte, wir dürfen keine nackten Männer oder eine Pussy zeigen.

Wäre das in den USA anders?
Matthias: Ein gutes Beispiel ist unsere Einladung mit den beiden nackten Jungs und dem Mädchen. Hier klebt man einfach eine Briefmarkte auf die Rückseite und verschickt diese. In den Staaten würden sie dich dafür anzeigen. Das ist bestimmt einer der Gründe, weshalb wir jetzt hier sind. Das Freiheitsgefühl entwickelt sich sehr viel stärker. Als ihr das erste Mal geheiratet habt, war die Schwulenehe in den USA illegal. Matt Tyrnauer, Regisseur von Valentino: The Last Emperor, hielt die Zeremonie ab. Was bleibt dir von diesem speziellen Tag in besonderer Erinnerung?
Matthias: Ich erinnere mich gut an Matts Rede. Die „Trauung“ fand an einem der höchsten Punkte in Malibu statt. Um uns herum standen unsere Freunde und die Familie. Es war das erste Mal, dass jemand unsere beiden Nachnamen zusammen sagte. Natürlich sind wir der Meinung, dass alle gleich behandelt werden sollen. Mit der Zeit wurden die Rechte für Schwule und Lesben liberalisiert, die Eheschließung wurde legal und wir konnten unsere Ehe eintragen lassen.

Das zeigt ihr ja auch in eurem Blog, aber wer lässt denn für euch eigentlich schneller die Hüllen fallen, die Jungs oder die Mädchen?
Matthias: Bei den Männern ging das bisher schneller. Die Mädchen haben zwar kein Problem, oben ohne zu sein, aber wenn es darum geht, das Höschen fallen zu lassen, dauert es oft etwas länger.
Donovan: Frauen haben auch oft Angst davor, sofort in eine Schublade gesteckt und als Schlampe bezeichnet zu werden. In Amerika herrscht eine unglaubliche Faszination für den weiblichen Körper, gleichzeitig sollen die Magazine aber keinen einzigen Nippel zeigen. Das ist total paradox. Was geschieht, wenn sie es doch machen?
Matthias: Es gibt kein Gesetz, das es ihnen verbietet. Zeigt die US-Vogue jedoch eine Brust oder einen Nippel, dann hat Anna Wintour am nächsten Tag Hunderte von Mails, in denen sich Frauen über die Obszönität beschweren. Gleichzeitig ist Amerika das Land mit den meisten Schönheitsoperationen. Du kannst dir also deine Brüste mit riesigen Implantaten füllen und die Lippen so sehr aufspritzen, dass du nicht mehr sprechen kannst. Aber einen Nippel zu zeigen, das ist falsch. Brüste sind nun mal Brüste. Und die haben einen Nippel. Wir sind etwas gelangweilt davon. Und auch wenn wir mit unserer Arbeit nichts Neues schaffen, ist die Art, wie wir es präsentieren, und indem wir einfach machen und nichts Affektiertes versuchen, ergibt es etwas Neues und Spannendes. Wenn wir damit die Leute erreichen können, sind wir glücklich. Wie unterscheidet sich diese Arbeit von deinen früheren, zum Beispiel beim Dutch Magazine oder bei Giorgio Armani?
Matthias: Einerseits ist es komplett anders, andererseits auch nicht. Nachdem ich Dutch Magazine verlassen habe, wechselte ich zu Armani. Ich blieb allerdings nicht sehr lange dort. Nicht, dass ich keine gute Zeit gehabt hätte. Wir haben ein paar ziemlich coole und schockierende Sachen realisiert, welche wir heute auch in unseren Blog integrieren könnten. Aber für Mr. Armani war es zu provokant. Die Marke ist sehr traditionell und verfolgt seit ihrer Gründung in den 70er Jahren eine klare Linie. Mit meinem Verständnis von Kreativität stieß ich nicht immer auf Begeisterung, sodass er oft nur noch „Aiuto Matthias!“ („Hilfe Matthias!“) schrie. War es zu früh für deine Art von Ästhetik?
Donovan: Es waren wohl einfach zu viele Köche in der Küche.     
Matthias: Genau. Und jetzt geht es nur um uns. Wir sind beide sehr leidenschaftlich dabei. Für mich persönlich ist diese Art von Zusammenarbeit einfacher. Die Strukturen in einem großen Konzern mag ich nicht besonders. Ich mag Menschen, aber bei der Arbeit ist das etwas anderes. Mit Donovan funktioniert das einfach besser. Wir verstehen uns blind. Tom Ford war bekannt dafür, ein großer Fan vom Dutch Magazine und deiner Arbeit zu sein …
Matthias: Genau, Tom hat mich bei Armani abgeworben. Er wusste, dass ich—kreativ gesehen—nicht sehr glücklich war. Gucci wurde gerade zur Gucci Group, es gab also eine Menge zu tun. Es war eine mutige kreative Entscheidung, gemeinsam zu arbeiten. Nicht immer einfach, aber schlussendlich habe ich sehr viel gelernt und ich bin unglaublich dankbar für diese Erfahrung. Abgesehen von dem Image, welches Tom in der Öffentlichkeit gerne pflegt, ist er ein visuelles Genie, sehr anspruchsvoll und differenziert. Gab Gucci dir die Freiheit, das zu machen, was bei Armani eventuell nicht möglich gewesen wäre?
Matthias: Ich erinnere mich an Andre Leon Talley von der amerikanischen Vogue, der zu mir kam, nachdem ich Armani verlassen hatte. Er fragte, ob ich verrückt sei und was ich mir dabei gedacht hätte, Armani zu modernisieren. Das spricht wohl für sich selbst.   Die Ausstellung in der Contributed Gallery läuft noch bis zum 5. Juli 2012.