
Matthias: Ursprünglich war es eine Kombination aus „blue“ und „green“, woraus „gruen“ und „bl33n“ entstand. Für uns ist es zu einer Metapher für fortschrittlichen Wandel und die Möglichkeiten in der Zukunft geworden. Es geht um Sexualität, Freiheit und eine Menge Spaß. Für uns persönlich ist außerdem sehr wichtig, dass es eine Ausgeglichenheit gibt zwischen weiblicher und männlicher Sexualität und allem dazwischen. Überall auf der Welt haben die Menschen andere Vorlieben und Abneigungen. In Russland ist es komplett anders als in Berlin. Und hier ist es wiederum anders als in L.A. oder New York. Ist die Ausstellung also das physische Pendant zum BL33N Blog?
Matthias: Die Auswahl der Bilder geschah eher zufällig. Sie verkörpern jedoch alles, um was es bei BL33N geht. Berlin und die Galerie sind für uns zu diesem Zeitpunkt genau das Richtige, weil wir komplette Freiheit haben. Es gab niemanden, der sagte, wir dürfen keine nackten Männer oder eine Pussy zeigen.

Matthias: Ein gutes Beispiel ist unsere Einladung mit den beiden nackten Jungs und dem Mädchen. Hier klebt man einfach eine Briefmarkte auf die Rückseite und verschickt diese. In den Staaten würden sie dich dafür anzeigen. Das ist bestimmt einer der Gründe, weshalb wir jetzt hier sind. Das Freiheitsgefühl entwickelt sich sehr viel stärker. Als ihr das erste Mal geheiratet habt, war die Schwulenehe in den USA illegal. Matt Tyrnauer, Regisseur von Valentino: The Last Emperor, hielt die Zeremonie ab. Was bleibt dir von diesem speziellen Tag in besonderer Erinnerung?
Matthias: Ich erinnere mich gut an Matts Rede. Die „Trauung“ fand an einem der höchsten Punkte in Malibu statt. Um uns herum standen unsere Freunde und die Familie. Es war das erste Mal, dass jemand unsere beiden Nachnamen zusammen sagte. Natürlich sind wir der Meinung, dass alle gleich behandelt werden sollen. Mit der Zeit wurden die Rechte für Schwule und Lesben liberalisiert, die Eheschließung wurde legal und wir konnten unsere Ehe eintragen lassen.

Matthias: Bei den Männern ging das bisher schneller. Die Mädchen haben zwar kein Problem, oben ohne zu sein, aber wenn es darum geht, das Höschen fallen zu lassen, dauert es oft etwas länger.
Donovan: Frauen haben auch oft Angst davor, sofort in eine Schublade gesteckt und als Schlampe bezeichnet zu werden. In Amerika herrscht eine unglaubliche Faszination für den weiblichen Körper, gleichzeitig sollen die Magazine aber keinen einzigen Nippel zeigen. Das ist total paradox. Was geschieht, wenn sie es doch machen?
Matthias: Es gibt kein Gesetz, das es ihnen verbietet. Zeigt die US-Vogue jedoch eine Brust oder einen Nippel, dann hat Anna Wintour am nächsten Tag Hunderte von Mails, in denen sich Frauen über die Obszönität beschweren. Gleichzeitig ist Amerika das Land mit den meisten Schönheitsoperationen. Du kannst dir also deine Brüste mit riesigen Implantaten füllen und die Lippen so sehr aufspritzen, dass du nicht mehr sprechen kannst. Aber einen Nippel zu zeigen, das ist falsch. Brüste sind nun mal Brüste. Und die haben einen Nippel. Wir sind etwas gelangweilt davon. Und auch wenn wir mit unserer Arbeit nichts Neues schaffen, ist die Art, wie wir es präsentieren, und indem wir einfach machen und nichts Affektiertes versuchen, ergibt es etwas Neues und Spannendes. Wenn wir damit die Leute erreichen können, sind wir glücklich. Wie unterscheidet sich diese Arbeit von deinen früheren, zum Beispiel beim Dutch Magazine oder bei Giorgio Armani?
Matthias: Einerseits ist es komplett anders, andererseits auch nicht. Nachdem ich Dutch Magazine verlassen habe, wechselte ich zu Armani. Ich blieb allerdings nicht sehr lange dort. Nicht, dass ich keine gute Zeit gehabt hätte. Wir haben ein paar ziemlich coole und schockierende Sachen realisiert, welche wir heute auch in unseren Blog integrieren könnten. Aber für Mr. Armani war es zu provokant. Die Marke ist sehr traditionell und verfolgt seit ihrer Gründung in den 70er Jahren eine klare Linie. Mit meinem Verständnis von Kreativität stieß ich nicht immer auf Begeisterung, sodass er oft nur noch „Aiuto Matthias!“ („Hilfe Matthias!“) schrie. War es zu früh für deine Art von Ästhetik?
Donovan: Es waren wohl einfach zu viele Köche in der Küche.
Matthias: Genau. Und jetzt geht es nur um uns. Wir sind beide sehr leidenschaftlich dabei. Für mich persönlich ist diese Art von Zusammenarbeit einfacher. Die Strukturen in einem großen Konzern mag ich nicht besonders. Ich mag Menschen, aber bei der Arbeit ist das etwas anderes. Mit Donovan funktioniert das einfach besser. Wir verstehen uns blind. Tom Ford war bekannt dafür, ein großer Fan vom Dutch Magazine und deiner Arbeit zu sein …
Matthias: Genau, Tom hat mich bei Armani abgeworben. Er wusste, dass ich—kreativ gesehen—nicht sehr glücklich war. Gucci wurde gerade zur Gucci Group, es gab also eine Menge zu tun. Es war eine mutige kreative Entscheidung, gemeinsam zu arbeiten. Nicht immer einfach, aber schlussendlich habe ich sehr viel gelernt und ich bin unglaublich dankbar für diese Erfahrung. Abgesehen von dem Image, welches Tom in der Öffentlichkeit gerne pflegt, ist er ein visuelles Genie, sehr anspruchsvoll und differenziert. Gab Gucci dir die Freiheit, das zu machen, was bei Armani eventuell nicht möglich gewesen wäre?
Matthias: Ich erinnere mich an Andre Leon Talley von der amerikanischen Vogue, der zu mir kam, nachdem ich Armani verlassen hatte. Er fragte, ob ich verrückt sei und was ich mir dabei gedacht hätte, Armani zu modernisieren. Das spricht wohl für sich selbst. Die Ausstellung in der Contributed Gallery läuft noch bis zum 5. Juli 2012.