Der neue Hausbesitzer will mich rausschmeißen

Die Miete für Christians Wohnung wird von 150 auf 700 Euro im Monat erhöht, weil das Gebäude „energetisch saniert“ wird. Obwohl er das Klo auf dem Gang hat und sich nur am Waschbecken in der Küche wäscht.

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Aug. 30 2013, 7:27am


Christian

Als Christian* am Ende des vergangenen Jahrtausends nach Berlin zog, um der „Spießbürgerlichkeit in der Kleinstadt“ zu entkommen, sah das Winsviertel im Prenzlauer Berg noch anders aus. Dort wo sich mittlerweile ein renoviertes Mietshaus an das nächste reiht, war noch eine gewisse Vielfalt zu erkennen und ein Bau wie die Nummer 59 fiel nicht weiter auf. Heute sticht die Fassade, die wie das gesamte Haus zum letzten Mal vor dem zweiten Weltkrieg saniert wurde, deutlich heraus. 

Das macht sich auch bei der Miete bemerkbar. Der 39-jährige Christian zahlt für seine 40-Quadratmeter-Wohnung bisher 150 Euro pro Monat—warm. In der Nummer 59 wohnen rund 50 Leute so preiswert. Das ist gerade für die Gegend besonders billig. 

Christian verzichtet dafür auf ein Mindestmaß an Komfort. Seine Wohnung besitzt weder eine Toilette noch eine Dusche. „Ich habe mich daran gewöhnt meine Körperpflege am Waschbecken in der Küche zu machen,“ sagt er mir und zeigt auf sein Waschbecken. „Auch das Außenklo ist für mich Normalität“. Vor wenigen Wochen ist Christian (der nicht mit echtem Namen genannt werden will aus Angst vor einem drohenden Verfahren) und den anderen Mietern ein Schreiben des neuen Hausbesitzers, der Christmann Unternehmensgruppe, ins Haus geflattert. Die haben das Haus vor wenigen Monaten gekauft. 

Darin wird die energetische Sanierung des Hauses angekündigt—ein Vorgang wie er derzeit häufig in Berlin stattfindet. Die GfK hat eine Umfrage gemacht, und rausgefunden, dass 23 Prozent der Gebäudebesitzer (in Deutschland) in den vergangenen drei Jahren energetische Modernisierungen durchgeführt haben. 28 Prozent planen für die Zukunft erstmalige oder weitere Modernisierungsarbeiten. 

Dabei sollen in älteren Häusern zum Beispiel Heizung, Dämmung oder Fenster auf den neuesten Stand gebracht werden um die Energiebilanz zu verbessern. Hausbesitzer dürfen pro Jahr elf Prozent der Gesamtkosten der Sanierungsmaßnahmen auf die Mieter umlegen. 

„Unter dem Deckmantel der energetischen Sanierung wird oft versucht, Mieter aus den Häusern zu vertreiben,“  erklärt mir Reiner Wild, Geschäftsführer des Berliner Mietervereins. Im Jahr 2011 wurden in Berlin 4.740 Mietwohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt, im vergangenen Jahr schon 7.260 (Insgesamt gibt es 1.63 Millionen Mietwohnungen in Berlin). „Meist reagiert schon jeder dritte Mieter allein auf die Ankündigung solcher Maßnahmen mit Auszug“, sagt Wild. 

Diejenigen, die trotzdem bleiben, müssen mehr Mieten zahlen. Im Falle der Winsstraße 59 ist es eine Explosion.

Nach Abschluss der Maßnahmen soll Christian für seine 40 Quadratmeter mehr als 700 Euro pro Monat bezahlen. Das entspricht einer Steigerung von bisher knapp vier Euro pro Quadratmeter auf danach fast 18 Euro pro Quadratmeter.  Der durchschnittliche Zuwachs durch energetische Sanierung in der Hauptstadt liegt bei knapp zwei Euro pro Quadratmeter, weiss der Berliner Mietverein

In Christians Haus soll unter anderem eine Gasheizungsanlage eingebaut werden, die bisherigen Fenster sollen gegen 3-fach-Holz-Isolierglasfenster ausgetauscht werden, eine Innenwanddämmung für die Außenwände und Luftzirkulationsanlagen unter den (Stuck)-Decken sollen installiert werden.

Christian wird danach also in einer energetisch hoch effizienten Wohnung sitzen, auf eine Dusche und eine eigene Toilette aber weiterhin verzichten müssen—denn die Sanitäranlagen sind nicht Teil der Maßnahmen. Also weiterhin liegt das Klo auf dem Gang und wird mit anderen geteilt und im Zweifel ist es da auch noch kalt. 

Solch extreme Auswüchse hat selbst Wild noch nicht erlebt. Für ihn steckt dahinter eine klare Absicht. „Ich gehe davon aus, dass die Außentoiletten beibehalten werden, weil danach die Wohnungen mit anderen zusammengelegt werden sollen. Ich glaube nicht, dass man für eine Wohnung mit Außentoilette ernsthaft 700 Euro verlangen kann. Das scheint mir dann doch eher ein Trick zu sein, um die Leute rauszukriegen.“

Doch in diesem Fall scheint die Rechnung nicht aufzugehen. „Bei uns ist noch keiner ausgezogen,“ sagt mir Christian. „Das ganze schweißt uns eher noch zusammen, weil wir jetzt alle gegen einen Gegner kämpfen.“ Viele der Mieter wohnen schon mindestens 15 Jahre in dem Haus, ein über 80 Jahre alter Rentnerin sogar seit mehr als 40 Jahren. Es ist ihre Heimat. „Wo sollen wir denn hingehen,“ fragt Christian. „Etwa nach Marzahn?“

Was ihn und die anderen Bewohner besonders frustriert ist die Vorgehensweise des neuen Eigentümers. Gemeinsam mit dem Ankündigungsschreiben der energetischen Sanierung und der damit einhergehenden extremen Kostensteigerung wurde den Mietern das Gespräch mit einer Deeskalationsbeauftragten angeboten. Beister empfindet das als Affront. „Wir wären ja grundsätzlich zu Gesprächen mit dem Eigentümer bereit gewesen“, sagt Christian. „Aber er hat uns einfach nur die Modernisierungsankündigung vor den Latz geknallt.“

Jetzt stehen die Zeichen auf Konfrontation. Die Bewohner haben noch bis heute (30. August) Zeit, die geplanten Sanierungsmaßnahmen offiziell zu dulden. Doch das wollen sie nicht. Der Fall wird wahrscheinlich vor Gericht landen. Und da könnte es spannend werden. Denn das Haus könnte einer der ersten Fälle werden, der nach der Mietrechtsreform vom 1. Mai verhandelt wird. Da steht drin, dass Mieter erst nachdem die Renovierungsarbeiten durch sind, sich beschweren dürfen. Vermieter können daher die Modernisierung wie geplant durchführen und damit den Substanzwert der Immobilie steigern.

Momentan sieht es also für Christian nicht besonders gut aus. Die Maßnahmen werden sie, nach derzeitigem Stand, wohl oder übel über sich ergehen lassen müssen. Aber kampflos wollen sie nicht klein beigeben. Denn sonst könnte ihr Haus bald nicht mehr vom Einheitsbrei zu unterscheiden sein.

Text und Fotos von Leonard Schoenberger. 

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