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Vice Blog

Filzstiftkunst

27.7.10

Wir gehen ja immer mal wieder gerne auf Vernissagen. Neulich gab es eine tief in Neukölln. Kostenlosen Sektempfang hatten wir uns selbst versprochen, schlechten, dafür amüsanten Smalltalk und sogar Konzerte. Natürlich sind wir hingefahren, nur um herauszufinden, dass sich all die Prophezeiungen als falsch erweisen sollten: Es gab Bier, Sekt hatten sie keinen und die Konzerte machten uns fertig. Allerdings sollte man all das mal in den Hintergrund schieben, wenn man wirklich originelle und zudem auch noch gute Kunst geboten kriegt. Hier sind die Fotos, die ich dort geschossen habe.

Dieses Bild hast du als erstes gesehen, wenn du dich nach dem harten Weg durch tiefstes Neukölln auf einen der Sessel im Ausstellungsraum niedergelassen hast. Wie weiter oben auch gut zu erkennen ist handelte es sich bei den Räumlichkeiten um einen verwinkelten Vintage—Plattenladen mit MC’s, wie "Napalm Death Is Dead" oder auch "I Fuck You In The Ass" in den Regalen. Das machte die Bilder umso sympathischer.

Eine Wand war komplett mit diesen Filzstift-Fratzen tapeziert. Ich habe die beiden Künstler gefragt warum sie ausgerechnet mit Filzstiften malen. Sie sind der Meinung, dass der Filzstift, oder auch "Marker", eine viel zu untergeordnete Rolle in der Kunstszene spielt. Sie wollen ihn mit ihrer Kunst etablieren und ihm Geltung verschaffen.

Hier sieht man die High Society Berlins, wie sie wertend und interessiert durch die Räume irrt.

Wenn du durch die Falltür, runter zum experimentellen Gedudel steigen wolltest, bekamst du die Kopfschmerzen verursachenden Töne noch auf CD mit nach Hause. Die beiden Typen im Anzug auf der blauen Folie wurden übrigens auch extra für die Vernissage angebracht. Ich glaube die beiden Künstler haben so ziemlich alles in diesem Laden mit ihren Filzstiften verschönert. Auch der typische Geruch von Textmarker verursachte Kopfschmerzen. Nach einer Zeit verschwanden diese und wurden wurden durch ein angenehm leicht umnebelndes Gefühl, wie auf halluzinogenen Substanzen ersetzt, was gar nicht so unpassend war.

Manchmal wusste man nicht mehr was Plattenladen und was Filzstift war. Der Geruch verriet es einem. Alles in allem hat mir diese Symbiose aber ganz gut gefallen, besonders bei Klassikern, wie hier "MYSTIC SESSIONS VOL.1" gab es keine thematisch unangenehmen Kontraste mehr.

Noch ein paar Kassettenregale plus Filzstift-Typen. Die Kassetten waren für all die Banausen viel interessanter als die Bilder und erhielten dementsprechend auch mehr Aufmerksamkeit. Auf den meisten waren koitale Motive zu sehen. Alternativ auch welche zu den Themen Drogen, Gewalt und Rock’n’Roll. Meistens jedoch Sex. Je farbiger, desto teurer. Die eine Kassette hat acht Euro gekostet, du willst nicht wissen was da vorn drauf war.

Der Mann hat hier allerhand Unsinn und Gadgets verkauft. Zum Beispiel ein Radio, das dir auf Knopfdruck einen scheußlichen Song ins Ohr setzt. Und Daumenkino Pornos. Und eigentlich noch mehr, die Dinge hatten auch immer sehr lustige Namen. Leider kann ich mich an keinen einzigen mehr erinnern—was wohl am allgegenwärtigen Textmarker gelegen haben muss (von dem der Typ hier sicher auch die ein oder andere Prise zu viel abbekommen hat). "Ein Zug? Gottverdammter… Warte bis du diese beschissenen Fledermäuse siehst!"