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Pegida ist vorbei, aber Dresden immer noch ein rechtskonservatives Kaff

Maike Wurst

Viel Opfergestus, wenig Engagement—Maike Wurst erklärt, warum sie nach Jahren nicht anders konnte, als wieder aus Dresden wegzuziehen.

Die Autorin hat lange in Dresden studiert, bevor sie sich vor Kurzem entschlossen hat, die Stadt endgültig zu verlassen. Warum, hat sie hier aufgeschrieben.

Ich bin vor Jahren nach Dresden gezogen, weil mein Abitur so schlecht war, dass ich in keiner anderen halbwegs attraktiven Stadt studieren durfte. Damals war Dresden meine Notlösung, die zu einer Rettung wurde: Keine Idee von der Stadt, aber auch kein NC; Eliteuni fürn Arsch, aber hey, immerhin billig!

Ich hatte keine Ahnung von den jährlichen Festzügen verrannter Holocaustleugner und Geschichtsverdreher am 13. Februar, dem Gedenktag der Zerstörung Dresdens, oder den pathetischen Kranzniederlegungen auf Friedhöfen. Heute stößt es mir schon beim Wort „Gedenktag" übel auf. Gedenktag, das vermittelt Trauer und Erinnerung an die vielen Deutschen Opfer et cetera. Hier kommt der Grund, warum ich nicht mehr in diese eigentlich so wunderbare Stadt zurückkehren möchte: vonseiten der Stadt und der Bewohner wird seit jeher zu allererst an die Dresdner Opfer gedacht, der Zerstörung dieser so unglaublich schönen Stadt durch Bomber Harris 1945. Für mich steht die Zerstörung Dresdens für das nahende Kriegsende—und die 70 Juden, die dank der Bombardierung aus der Gestapo-Zentrale fliehen konnten.

Seit 70 Jahren sehen Dresdner sich als Opfer der Alliierten, gedenken jährlich den von Goebbels propagierten 40.000 Todesopfern und vergessen darüber, dass auch sie Täter waren. Das damals schon als Kulturstadt vermarktete Dresden war Zigarettenlieferant Nummer 1 der SA, die „Deutschen Christen" forcierten ihre Bestrebungen, die Frauenkirche zu einem Zentrum ihrer Bewegung auszubauen, und in Martin Mutschmann hatte Hitler einen wunderbaren Stammhalter in Sachsen gefunden, der noch am 1. Mai 1945 kampfbereit in Chemnitz auftrat—als Hitler schon nicht mehr lebte. (Mutschmann hat das Geld für zivile Luftschutzbunker lieber in sein Jagdhaus in Grillenburg und seinen privaten Bunker gesteckt. Die Dresdner waren ihm also ziemlich schnurz, und im Gegensatz zur Stadt wurde sein Jagdhäuschen nie zerstört.)

In meiner Zeit in Dresden habe ich mich über die Geschichte der Stadt im Dritten Reich informiert und verstand auch relativ schnell, dass man sich aktiv gegen den größten Naziaufmarsch in ganz Europa stellen musste. In der Uni fragte ich deshalb unter meinen Mitstudenten herum, wer mich am 13. Februar begleiten wolle—und erhielt nur Absagen.

„Nee, man sollte da nicht zu viel Aufmerksamkeit drauf lenken. Das bringt doch gar nichts." Desillusionieren ließ ich mich trotzdem nicht. Ich stellte mich mit tausenden anderen gegen den Aufmarsch, versuchte ihn zu blockieren—und weiß heute, dass zum Dank meine Handydaten gespeichert wurden. Bei anderen Demos wurde ich fotografiert und des Platzes verwiesen. Insgesamt wurde man behandelt wie ein Verbrecher.

Ich ließ mich für meine Teilnahme an einem friedlichen Prostest nicht nur fotografieren und durchsuchen, ich wurde im Dresdner Volksmund auch noch als „linksextremer Chaot" beschimpft. Wahrscheinlich von den Leuten, die zu Hause blieben und lieber die Vorhänge zuzogen, als 100 Nazis vor einem Jugendtreff „Wir kriegen euch alle" riefen und Steine schmissen, während die Polizei zusah. Belangt wurde bis heute wohl niemand der Angreifer. Symbolisch belangt wurden stattdessen Lothar König und weitere Gegendemonstranten, während die Gegenseite jedes Jahr von neuem Plakate mit „Bombenholocaust" und weiße Kreuze durch die Stadt tragen. Das Jahr 2011 und dessen Nachspiel bildeten nur einen der vielen Höhepunkte in Dresdens politischen und gesellschaftlichen Verfehlungen, die im Oktober 2014 in die Pegida-Bewegung mündeten.

Man könnte ja auf die Pegida reagieren, indem man ernsthaft gegen Nazis vorgeht und der Dresdner Gesellschaft nahelegt, das unkritische Gedenken an die Todesopfer der Bombardierung zu hinterfragen. Stattdessen wird Händchen gehalten gegen den Protest und ein stilles Gedenken an der Frauenkirche, dem Symbol der Bombardierung, veranstaltet. Jeder darf eine Kerze oder einen Kranz für Oma und Opa mitbringen und äußerst traurig gucken, und zum krönenden Abschluss wird Pegida zum Dialog in die Landeszentrale für politische Bildung eingeladen. Wo zur Hölle war diese Landeszentrale eigentlich die letzten Jahre? Im Urlaub im Erzgebirge?

Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: in Dresden läuft schon lange einiges falsch, nicht erst seit Oktober letzten Jahres. Die Stadt und ihre Einwohner drücken sich nur seit jeher um aktiven Widerstand. So abgedroschen das klingt: Hier leben zu viele wirklich noch im Tal der Ahnungslosen, und das ist auch der Grund, warum ich nicht mehr zurück möchte. Ich bin weggezogen, weil es mich ankotzt hat, immer wieder die selben Ausreden zu hören; dass die Mehrheit sich nicht an Aktionen gegen Nazis und Rechtspopulisten beteiligen möchte.

Ich weiß, dass Menschen auf die Straße gehen. Es sind nur zu wenige, leider, und immer dieselben. In dieser Stadt leben mehr Menschen, und sie sollten sich zeigen und keine Angst davor haben, als linksextrem abgestempelt zu werden.