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Doch spätestens an dieser Stelle muss ich mich selbst zur Vorsicht mahnen. Denn das, was hier auf eine leichte und allzu humoristische Schulter genommen wird, ist schließlich Kunst—beziehungsweise erhebt den Anspruch, es zu sein.Im Gegenzug stellt sich auch die Frage, was überhaupt Kunst genannt werden kann—oder konkret: Alter, ist das noch Kunst? Hier ist es gut zu wissen, dass es ein traditionelles und modernes Kunstverständnis gibt. Früher wurden über die Kunst sehr, sehr große Worte geschwungen. Zunächst musste sie ‚schön' sein. Hegel, der alte Phantast, ging sogar so weit zu behaupten, dass in ihr die absolute Wahrheit, ja das Absolute selbst zum Vorschein komme. Der Anblick solcher Kunst sollte beim Betrachter Wohlgefallen hervorlocken, von Lust war gar die Rede. ‚Gute Kunst' sollte Nachahmung der Natur sein, der Künstler war ein Genie, der die Schöpfung Gottes im kleinen Maßstab schuf—Kunst und Künstler waren ein Heiligtum.
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Und ja, auch heute wird es Künstler geben, die derart nach den Sternen greifen, doch Andi und sein in Falten geschlagener Penis gehören vermutlich nicht dazu. Unübersehbar im Licht der Halogenstrahlen markierten er und sein Geschlechtsteil den anfänglichen Fixpunkt der dritten Performance. Starr wie ein Leuchtmast stand Andi da, musikalisch untermauert von Rod Stewarts Mega-Hit Sailing, als er plötzlich zu einem Stift griff und auf ein weißes Plakat Folgendes notierte: „Rund alle 45 Minuten vor der Küste z.B. Lampedusa ✝ ✝ ✝". Dann kritzelte er sich „to be free" auf den blanken Oberkörper und steckte seinen Kopf in einen Bottich voll mit Wasser—kurzer Prozess, der Typ hielt sich nicht mit Nebensächlichkeiten auf.Treten wir nun Andi und seiner Perfomance mit besagt klassischem Kunstverständnis entgegen, so tun wir diesem Jungen Unrecht. Moderne Kunst ist vor allem Kunst über die Kunst. Sie beschränkt sich in vielen Fällen nicht mehr auf die Nachahmung einer natürlichen oder als ,wahr' geglaubten Welt, sondern wendet sich kritisch auf sich selbst—das Kunstwerk hat sich, den Rezipienten und die Welt zum Thema; sie will mehr als bloß nur ‚schön' sein. Andi, samt den restlichen Vertretern an diesem Abend, dachte vermutlich ähnlich.Aber auch mit all der trockenen Theorie im Hirn konnte ich mir nicht erschließen, warum Lan Hungh in seiner Performance (mit den Titel Lave virus la vie russe) eine riesige Kugel als eine Art Helm über seinem Kopf trug. In das flauschige Ungetüm war ein Computermonitor eingefasst, auf dem ein Countdown lief. Bei 00:00 angekommen, fuhr ein Apple-Programm hoch—oder eben ein Virus, wer weiß das schon so genau. Und natürlich war auch Lan Hungh nackt … und angekettet.
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