FYI.

This story is over 5 years old.

Tech

Das Zeug das Frauen provoziert

"We don't need 'Viagra for women'... we need breakfast in bed!" — solche und ähnliche Schlagzeilen habe ich die letzten Tage erblicken dürfen
29.6.10

"We don't need "Viagra for women"… we need breakfast in bed!" — solche und ähnliche Schlagzeilen habe ich die letzten Tage erblicken dürfen. Ich hatte keine Ahnung worum es bei diesen Artikeln gehen sollte (habt ihr eine?) also scrollte ich runter und las "Flibanserin" sei eine Art "Viagra für Frauen", welches in Deutschland zufällig entwickelt wurde (beim fehlgeschlagenen Versuch ein Antidepressivum anzurühren) und das jetzt auf den Markt kommen sollte.

Anzeige

Mal ganz nebenbei: Wusstet ihr eigentlich schon, dass Frauen Erektionsstörungen haben? Ich nicht. Was bedeutet das eigentlich "weibliche Erektionsstörung"? Liebe Frauen, wenn ihr keinen mehr hoch kriegt, dann sucht euch einen anderen Typen! Oder hat sich hier eine Horde verzweifelter Ehemänner über ihre frigiden Weiber beschwert und bekommt jetzt das passende Produkt? Keine Ahnung. Sex auf Knopfdruck ist mir jedenfalls so oder so unheimlich.

Seht ihr, liebe Frauen—deshalb kommt ihr nicht zum Orgasmus. Jetzt tut nicht so überrascht! Also wenn ihr mich fragt, ich habe das schon immer geahnt. Und jetzt haben wir den Salat, na toll …

Allem Anschein nach versucht hier ein erfolgreiches Pharmaunternehmen eine Medikament für ein Leiden zu entwickeln, das es offiziell gar nicht gibt. Ich finde jedenfalls nichts, genauso wenig wie eine Stellungnahme der Firma selbst. Haben wir es hier mit einer neuen Designerdroge zu tun? Über den Missbrauch von Viagra als Partydroge ist viel bekannt und Flibanserin soll angeblich ohne Rezept erhältlich sein. Ich musste einfach mehr wissen. Also machte ich vor ein paar Tagen einen Termin für ein Telefoninterview mit einer Pressesprecherin der Firma aus, deren Werbespruch lustigerweise "From curiosity to discovery" lautet und rief dann—wie abgesprochen—heute an, bei der "Boehringer-Ingelheim GmbH". Auf die Minute genau.

… zum Glück gibt es jetzt bald Flibanserin! Dazu fällt mir nur ein: "Kommt ‘ne Frau beim Arzt …"

Anzeige

VICE: Hallo Frau Seefeld. Ich möchte Sie gern zu ihrem neuen Produkt Flibanserin interviewen. Haben sie ein wenig Zeit für mich?

Seefeld: Was wissen Sie denn über das Produkt?

Nun ja, Ich bin über ein paar englischsprachige Artikel darauf aufmerksam geworden, habe aber noch keine offiziellen Stimmen ihrer Firma gefunden. Ich dachte Sie könnten mir ein paar Fragen beantworten. Wie funktioniert dieses Medikament denn?

Also Flibanserin hat auf keinen Fall was mit Viagra zu tun. (das Wort "Viagra" hatte ich bis dahin noch gar nicht erwähnt) Wie wäre es, wenn ich Ihnen eine Informationsmappe zukommen lasse?

Nein, ich wäre eher für das Interview jetzt. Ich habe Bio in der zehnten Klasse abgewählt, Sie werden mir nun keine schwierigen Fragen beantworten müssen. Wirkt Flibanserin auf psychischer oder physischer Ebene?

Ich möchte lieber noch einmal einen Schritt zurück machen. Was planen Sie denn überhaupt für eine Berichterstattung? Ich war gerade mal auf ihrer Homepage und fand nicht, dass wir da so gut reinpassen, ihre Zielgruppe sind doch eher pubertierende männliche Jugendliche, wenn ich das richtig gesehen habe… warum wollen Sie uns denn überhaupt interviewen?

"Hey Doc, trotz entsprechender sexueller Erregung und Stimulation kann ich keinen Orgasmus erleben? Was mache ich falsch? Oder macht mein Freund etwas falsch… ?" — "Das wage ich eher zu bezweifeln. Werfen Sie doch lieber ein paar dieser scheißteuren Pillen ein, ich mache ihn einen guten Preis und Sie werden Orgasmen mit rosa Elefanten erleben."

Anzeige

Ich glaube, dass es sich hier um ein Produkt handelt, das durchaus viele unserer Leser interessant fänden. Außerdem war das Interview doch jetzt schon länger geplant. Haben Frauen überhaupt Potenzprobleme?

Hören sie, wir hatten am 10. Juni ein öffentliches Hearing des Zulassungsprozesses, der nicht besonders positiv für uns ausgefallen ist …

Ja eben, deshalb rufe ich ja an. Ich hatte einfach den Plan eines Artikel in Form eines Interviews über dieses Produkt, weil es doch …

(unterbricht) Genau, aber wenn ich sage, dass die Pressestimmen aus Amerika nicht besonders positiv waren, dann… wollen Sie wirklich ein Interview über ein Produkt, von dem Sie gar nicht genau wissen ob es auf den Markt kommen darf?

Warum denn nicht? Also fangen wir doch gerne einfach dort an: warum gibt es Probleme mit der Zulassung?

Es geht um verschiedene Zulassungsprozesse mit Expertenhearings, wo Besucher sich anmelden können, wo Gäste geladen werden, die sich dann zu dem Produkt äußern können. Das waren in unserem Fall Gynäkologen, Biostatistiker…

Und da gab es dann Proteste? Unerwartete Schwierigkeiten?

Also—ich weiß nicht ob Sie sich das vorstellen können—wir hatten ja vor 12 Jahren Viagra. Und da ist die Haltung gegenüber unseren Medikamente noch immer ein bisschen negativ behaftet, uns wird da eine extreme Haltung vorgeworfen …

Inwiefern "extrem"? Warum denn?

Ich möchte mich da eher noch mal mehr auf Ihre Fragen vorbereiten können… wie wäre es wenn Sie mir die zukommen lassen? Es gibt übrigens einen sehr guten Artikel über uns in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Anzeige

Aha. Also mir ging es eigentlich nur um ein paar kleine Fragen, die sich mir gestellt haben, als ich auf das Thema gestoßen bin. Mich interessiert vor allem auch die Notwendigkeit des Produkts, können Sie mir dazu etwas sagen?

(lacht verlegen, stottert)

Weil, ich hatte das nicht ganz verstanden—Frauen haben doch eigentlich keine Potenzprobleme, wenn ich das richtig sehe. Wozu dann das Medikament?

Ähm… wollen wir es vielleicht so machen… ich möchte da jetzt nicht so gern in ein Interview mit Ihnen hinein geraten…

Nein?

(lacht unsicher)

Warum nicht?

Äh… zum Einen habe ich Ihnen gerade gesagt, dass wir die Interviewanfrage ein bisschen nach hinten schieben müssten… ich würde Ihnen vielleicht mal einen Link schicken, wir haben da ziemlich viel Material.

OK. Ich dachte, Sie könnten mir jetzt einfach nur ein paar simple Fragen beantworten. Ein Bericht wäre ja vielleicht auch für Sie interessant, wir haben eine große Leserschaft.

Ich schicke Ihnen jetzt noch eine Mappe zu und dann terminieren wir das noch mal richtig …

Aber wir haben doch genau jetzt einen Termin, oder? Ich verstehe das nicht ganz?

… und es gibt da auch noch einen wirklich großartigen Artikel in der F.A.Z.!