Sie waren heilig, jetzt werden sie zu Handtaschen

Christian Faesecke

In Indien werden Kühe verehrt—im benachbarten Bangladesch zu Leder verarbeitet. Über zwei Millionen Kühe wurden 2014 über die Grenze geschmuggelt.

Im hinduistischen Indien sind sie heilig und werden verehrt. Jenseits der Grenze, im muslimischen Bangladesch, nur noch ein Rohstoff: indische Kühe. Der Hamburger Fotograf Christian Faesecke ist ihnen auf ihrer schicksalshaften Reise gefolgt. Sein Weg führt von den Ufern des heiligen Ganges über regionale indische Viehmärkte bis zum lukrativen Grenzschmuggel. Auf den grenznahen Viehmärkten in Bangladesch werden indische Kühe auf dem Papier zu einheimischem Schlachtvieh umdeklariert und zur Verwertung in die Schlachthäuser Dhakas transportiert. Dort beginnt ein industrieller Prozess, an dessen Ende verseuchte Flüsse, kranke Arbeiter und billiges Leder für den Weltmarkt entstehen.

Eine Gruppe Hindus berührt eine Kuh auf einer Strasse in Varanasi, im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh. Die Berührung einer Kuh gilt im Hinduismus als Zeichen der Verehrung. Aber in den letzten Jahrzehnten verkaufen indische Bauern die Kühe oft nach Bangladesch, da sie im muslimischen Nachbarland oft doppelt so viel Geld für sie bekommen wie auf dem einheimischen Markt. Immer mehr Kühe werden aus ganz Indien in die Grenzregion gebracht. Junge Bangladescher treiben sie über die schwer zu kontrollierende Grenze. Geschätzte zwei Millionen Kühe wurden so 2014 über die 4000 km lange Grenze nach Bangladesch geschmuggelt. Mit dem Wahlerfolg der indischen rechts-konservativen BJP (Bharatiya Janata Party) bei den Parlamentswahlen 2014 bekam der Schutz der Kühe wieder mehr Bedeutung. 30.000 indische Grenzsoldaten wurden angewiesen, dem Kuhschmuggel Einhalt zu gebieten.

Blick über einen Viehmarkt in Bagachra im Jessore-Distrikt im Westen Bangladeschs nahe der indischen Grenze. Viehhändler kaufen hier ihre Kühe und Rinder, um sie später im ganzen Land weiter zu verkaufen. Trotz verschärfter Grenzkontrollen bleiben die Schmuggler am Ball, denn die Nachfrage ist hoch. Sie nehmen dafür immer riskantere Routen oder höhere Bestechungsgelder in Kauf.

Ein jugendlicher Viehhändler führt seine Kuh über den Viehmarkt von Bagachra. Auch die wesentlich kleineren, einheimischen Kühe werden hier gehandelt. Ihre Preise sind seit den verschärften indischen Grenzkontrollen sprunghaft angestiegen.

Ein Kuhhändler wartet auf dem Viehmarkt von Bagachra auf potenzielle Käufer. Der Viehmarkt von Bagachra ist der größte seiner Art im Südwesten Bangladeschs. Bis zu 10.000 Kühe werden hier an einem Markttag verkauft.

Eine Zahlstelle des Viehmarkts in Bagachra. Jeder Kuhkauf muss von den lokalen Behörden erfasst und durch einen Kassenbeleg quittiert werden. Für diesen Beleg werden pro Kuh rund 500 Taka fällig (knapp 6 Euro). Damit ist die Kuh in Bangladesch vorschriftsmäßig anerkannt und darf weiterverkauft und geschlachtet werden.

Ein Lastwagen mit Kühen wird am Viehmarkt in Gabtoli, im Norden Dhakas, angeliefert. Vielen Kühen wird während des langen Transports Tabak oder Chilli in die Augen gerieben, damit sie wach bleiben und nicht vor Erschöpfung umfallen.

Am Viehmarkt von Gabtoli putzen Arbeiter die frisch angekommenen Kühe, um sie besser verkaufen zu können. Nach dem langen Transport kommen die Kühe hier erstmals zur Ruhe und werden mit dem Nötigsten versorgt.

Zwei abgetrennte Büffelköpfe in einem Schlachthaus im Stadtteil Motijheel im Zentrum Dhakas. Annähernd acht Millionen Kühe werden jährlich in Bangladesch geschlachtet, die Hälfte davon zum Islamischen Opferfest.

Rinderhälften in einem Schlachthaus in Motijheel in Dhaka. Der blaue Stempel zeigt die Freigabe der Gesundheitsbehörde an, die stichprobenartige Kontrollen macht.

Ein Lieferant trägt seine Ware über den morgendlichen Gemüsemarkt in Motijheel, Dhaka. Durch die verschärften indischen Grenzbeschränkungen ist der Kilopreis von Rindfleisch in Bangladesch von vormals 280 Taka auf bis zu 400 Taka gestiegen (von ca. 3,20 Euro auf 4,60 Euro).

Abgelöste Häute liegen bei einem Leder-Zwischenhändler in Lalbagh, im Zentrum Dhakas. Auch die Lederindustrie in Bangladesch wird langfristig von den indischen Grenzbeschränkungen betroffen sein. Indische Kuhhäute gelten als qualitativ hochwertiger als die der kleineren einheimischen Kühe.

Ein Fellhändler in Lalbagh, Dhaka, präsentiert seine frisch gesäuberten und sortierten Felle potenziellen Käufern.

Ein Fahrer wartet in Lalbagh im Zentrum Dhakas an seiner Lastenrikscha auf weitere Felle seines Kunden.

Ein Arbeiter transportiert ein Dutzend Kuhfelle durch die engen Seitengassen in Lalbagh.

Ein Arbeiter verriegelt ein mit Fellen und Chemikalien gefülltes Gerbfass in einer Gerberei im Westen Dhakas. Bangladeschs Gerbereien befinden sich fast ausschließlich in Dhaka. Die Felle aus anderen Landesteilen werden für die Lederherstellung wieder in die Hauptstadt gebracht.

Mit speziellen Messern schaben Arbeiter in einer Gerberei in Hazaribagh die chemisch angelöste Fettschicht von den Kuhhäuten. In den Gerbereien in Bangladesch werden viele Chemikalien eingesetzt, die in Europa längst verboten sind. Obwohl sie die menschliche Haut angreifen, tragen die Arbeiter kaum oder gar keinen Arbeitsschutz. Oft müssen sie die Schutzkleidung selbst bezahlen oder wissen schlichtweg zu wenig über die Gefahren.

Abwasser einer roten Lederfärbung strömt aus dem Abfluss einer Gerberei in einen offenen Kanal in Hazaribagh. Der Stadtteil hat geschätzt 300 Gerbereien und zählt zu den am meist verseuchten Plätzen der Welt.

Auf dem Dach einer Gerberei in Hazaribagh werden Lederhäute, je nach Kundenwunsch, mit den entsprechenden Farben eingefärbt.

Zwei Frauen sammeln am Abend ihre sonnengetrockneten Lederstücke ein. Viele Familien in Hazaribagh sind auf die Lederreste großer Gerbereien angewiesen, die sie weiterverarbeiten und verkaufen. Bangladeschs Lederindustrie hat 2014 Exporterlöse von rund 1,3 Mrd. US-Dollar erwirtschaftet—32 Prozent mehr als im Vorjahr. Damit sind Lederwaren nach Textilien der zweitwichtigste Exportartikel Bangladeschs.

Ein Arbeiter stapelt getrocknete Lederhäute in einer Gerberei in Hazaribagh.

Gegerbte Lederreste liegen am Staßenrand im Gerbereiviertel Dhakas. Die Freiflächen in Hazaribagh, auf denen Kinder spielen, sind inzwischen zu stinkenden Deponien für faulende Haut und Lederreste geworden.

Müll und Lederreste schwimmen auf dem Zufluss zum Buriganga in Hazaribagh. Täglich gelangen 22.000 Kubikliter verseuchtes Wasser mit konzentrierten Laugen, Chromsalzen, Mangan, Blei und Kupferbestandteilen in den Fluss, der immer noch als Lebensader von Dhaka gilt, obwohl er biologisch längst tot ist.

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