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Jana Schneider, 22, lesbisch, Landesvorsitzende der AfD-Jugend – Wir haben sie gefragt: Warum? ​

"Ich würde mir nicht anmaßen, als Lesbe einen Vater ersetzen zu können."

von Matern Boeselager
27 September 2016, 12:31pm

Foto: privat

Jana Schneider ist 22 Jahre alt, lesbisch, trägt Tunnel in den Ohren und ist die Landesvorsitzende der Jungen Alternative in Thüringen. Als die Jugendorganisation der Alternative für Deutschland ist die JA nochmal ein ganzes Stück konfrontativer unterwegs als die Mutterpartei selbst: In der Vergangenheit hat die Organisation zur Selbstjustiz aufgerufen, den Präsidenten des Europäische Parlaments Martin Schulz mit Hitler verglichen, weil er ein "Großreich" anstrebe, und Fotos von an der Mauer erschossenen Menschen gepostet, um den Sozialismus anzuprangern. Dazwischen werben sie mit Pin-up-Girls, die mit ihren nackten Knackärschen angeblich Gleichberechtigung propagieren sollen.

Dieser Tradition von geschmacklosem Stumpfsinn bleibt die AfD-Jugend auch heute treu. Auf der Seite der Jungen Alternative Thüringen war kurz vor der Berlin-Wahl eine Fotomontage des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller zu sehen, der nackt und sich den Penis haltend neben einem ebenfalls bis auf die Sturmmaske nackten Dschihadisten steht.

Der Verdacht drängt sich aber auf, dass das Bild irgendwie noch schnell homophobe Vorurteile gegen die "verschwulten" Berliner mitbedienen soll. Aber dann stellt sich heraus: Das Bild hat die offen lesbische Jana Schneider gebastelt.

Auf den ersten Blick passt an dieser Konstellation gar nichts. Was macht Schneider, die auf den Fotos eher aussieht wie eine junge Grüne oder sogar Antifa-Aktivistin, bei den Rechtspopulisten? Die AfD ist zwar keine offen homophobe Partei—es gibt sogar eine Bundesinteressengemeinschaft "Homosexuelle in der AfD"—, aber einzelne Mitglieder fallen regelmäßig mit schwulenfeindlichen Äußerungen auf. Zuletzt wurde bekannt, dass der Lichtenberger Direktkandidat Kay Nerstheimer Homosexuelle in einem Facebook-Kommentar als "degenerierte Spezies" beschimpft hat. Kurz davor machte ein AfDler in Sachsen-Anhalt Schlagzeilen, als er im Landtag forderte, Homosexuelle ins Gefängnis zu stecken. Die Junge Alternative hat es dafür auf Frauen abgesehen: 2014 machte man ganz gezielt Wahlkampf mit der These, dass die Gleichberechtigung eh schon erreicht sei und Feminismus einfach nur nerve.

Wie kommt man als lesbische Frau dazu, sich so einer Partei anzuschließen und dann auch noch Landesvorsitzende zu werden? Jana Schneider hat versucht, es mir zu erklären. Ursprünglich kommt Jana aus Niedersachsen, lebt aber jetzt in Jena und arbeitet dort hauptberuflich im Büro der AfD-Abgeordneten Wiebke Muhsal (die ist zuletzt aufgefallen, als sie mit einer Burka bekleidet in den Landtag kam).

Jana mit Björn Höcke, dem Vorsitzende der Thüringer AfD | Foto: privat

VICE: Auf deinen Facebook-Fotos siehst du nicht so wirklich konservativ aus. Wie bist du zur Jungen Alternative gekommen?
Jana Schneider: Ich bin immer konservativ gewesen, ich würde auch national-konservativ sagen. Dazu passte die Junge Alternative politisch.

Du bist schon lange offen lesbisch. Die AfD fällt immer wieder mit homophoben Aussagen einzelner Mitglieder auf. In Sachsen-Anhalt forderte zum Beispiel Andreas Gehlmann neulich, Homosexuelle einzusperren.
Zuerst Mal: Meine eigene Erfahrung in der AfD und in der Jungen Alternativen ist, dass ich nie in irgendeiner Weise angefeindet, ausgegrenzt oder dumm von der Seite angemacht wurde. Zu der Aussage von Gehlmann: Was er für eine private Einstellung dazu hat, weiß ich nicht, aber so wie es aktuell scheint, ist das nicht in Ordnung. Ich fand auch die Pressemitteilung, die da kam, unbefriedigend. Gehlmann sollte sich von dem Zwischenruf distanzieren und sich dafür entschuldigen.

Wie bewertest du die Aussage von Kay Nerstheimer, AfD-Direktkandidat in Berlin-Lichtenberg, der meinte, Homosexuelle seien eine "degenerierte Spezies"?
Soweit ich weiß, hat er sich davon nicht distanziert. Aber da fängt jetzt eine innerparteiliche Diskussion darüber an, die mittlerweile im Bundesvorstand angekommen ist. Ich würde erwarten, dass man da Ordnungsmaßnahmen gegen die Person anstrengt. [Kay Nerstheimer hat mittlerweile auf seinen Platz in der AfD-Fraktion verzichtet, Anm. d. Red.]

Du glaubst also nicht, dass die AfD eine gefährliche Partei für Schwule und Lesben ist?
Nein, überhaupt nicht. Es ist richtig, dass es in der AfD Leute gibt, die völlig übers Ziel hinausschießen oder in irgendeiner Form ein Problem mit Homosexuellen haben. Das ist nicht in Ordnung. Es findet in der Partei ein durchaus kritischer Umgang mit solchen Aussagen statt. Aber ich würde mein Engagement für die AfD nicht davon abhängig machen, was eine Einzelperson irgendwo mal gesagt hat.

Glaubst du denn, dass es eine Partei ist, die für Homosexuelle gut ist? Wie steht die AfD denn zur Homo-Ehe?
Die aktuelle Position ist, dass man den Status quo—eingetragene Lebenspartnerschaft ohne Adoptionsrecht—erhalten will. Mir persönlich reicht das. Ob man das jetzt Ehe oder eingetragene Lebenspartnerschaft nennt, ist für mich völlig irrelevant.

Außer, dass homosexuelle Paare nicht adoptieren dürfen.
Ich habe ein kritisches Verhältnis zum Adoptionsrecht. Ich weiß, dass es Homosexuelle bei uns gibt, die das anders sehen und eine Gleichstellung wollen. Aber beim Adoptionsrecht geht es nicht darum, dass jeder einfach adoptieren kann, wie er lustig ist. Das hat in meinen Augen auch nichts mit Diskriminierung zu tun. Man muss sich eben anschauen, ob es für die Entwicklung eines Kindes wichtig ist oder nicht, dass es Vater und Mutter als Vorbilder für Geschlechterrollen hat

Tatsächlich kam eine Studie des Justizministeriums schon 2009 zu dem Ergebnis, dass die Kinder gleichgeschlechtlicher Eltern kein Problem mit Geschlechterrollen, dafür aber ein "signifikant höheres Selbstwertgefühl" als Kinder aus heterosexuellen Haushalten haben. Anm. d. Red.

Willst du selber Kinder haben?
Das weiß ich noch nicht. Aber ich würde mir nicht anmaßen, als Lesbe einen Vater ersetzen zu können. Das ist eben ein Problem, mit dem man sich als Homosexueller auseinandersetzen muss: Wie man Sorge dafür trägt, dass ein Kind alles hat, auch eine Mutter und einen Vater.

Es scheint, als habe die AfD Angst davor, dass die Gesellschaft von einer homosexuellen Agenda vereinnahmt wird. Glaubst du auch daran?
Ich habe ein ganz grundsätzliches Problem mit dieser Ideologie von Gender und Gender-Mainstreaming. Das sind einfach Sachen, die mit der Realität nichts zu tun haben. Also, dass das Geschlecht prinzipiell sozial konstruiert sei—das halte ich von vorne bis hinten für völligen Schwachsinn.

Beim Gender-Mainstreaming geht es aber um mehr als um Gleichberechtigung.
Gender-Mainstreaming ist das, was wir auf Deutsch Gleichstellung nennen. Gleichstellung und Gleichberechtigung sind zwei völlig verschiedene Dinge. Gleichberechtigung sagt, dass jeder Mensch, egal welchen Geschlechts oder welcher Herkunft, machen kann, was er will. Gender-Mainstreaming beziehungsweise Gleichstellung fördert einzelne Gruppen—zum Beispiel mit der Frauenquote. Das lehne ich kategorisch ab. Ich bin der Meinung, dass positive Diskriminierung immer negative Diskrimierung für die andere Seite bedeutet.

Jana mit den beiden Bundesvorsitzenden der JA, Sven Tritschler (links) und Markus Frohmaier (ganz rechts)

Nach den Anschlägen in Paris hast du auf Facebook "Moscheen zumachen!" gefordert. Glaubst du an die Religionsfreiheit?
Ja, klar. Der springende Punkt beim orthodoxen Islam ist aber, dass er keine klare Trennung zwischen Religion und Staat und Gesellschaft kennt. Es gibt in Deutschland sehr viele Moscheen, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Die allermeisten größeren Islamverbände—der Zentralrat der Muslime, Milli Görüş, Ditib—sind in irgendeiner Form aus dem Ausland finanziert und gesteuert oder ganz klar islamistischen Strukturen zuzuordnen.

Das ist doch kein Grund, alle Moscheen in Deutschland zu schließen.
Ich habe ja auch nicht "alle" geschrieben, sondern unkonkret von Moscheen geschrieben. Ich bin der Meinung, dass man restriktiv gegen solche Auswüchse vorgehen muss. Religionsfreiheit ist wichtig, und es ist wichtig, dass Muslime sich organisieren können, aber es gibt ein ganz eklatantes Problem mit islamistischen Strukturen in Deutschland. In einer Studie fand Ruud Koopmans heraus, dass der Fundamentalismus-Anteil bei sunnitischen Muslimen in ganz Westeuropa bei über 50 Prozent, in Deutschland bei 30 Prozent liegt. Das ist ein flächendeckendes, strukturelles Problem, mit dem man irgendwie umgehen muss.

Hast du schonmal eine Moschee besucht?
Bisher nicht. Ich habe da aber keine Berührungsängste. Ich bin der Meinung, dass man mit liberalen und säkularen Muslimen kooperieren sollte. Ich glaube, dass man den Islamisten nicht begegnen kann, indem man alle Muslime ausgrenzt. Sondern indem man die islamistischen Strömungen auf der einen Seite bekämpft, aber säkulare muslimische Strömungen unterstützt.

Wenn man die Berichte von Verfassungsschützern liest, bleiben die Zahlen für islamistisch motivierte Kriminalität weit hinter links- und vor allem rechtsextremistischen Taten zurück. Trotzdem sieht man auf deiner Facebook-Seite nie einen Post über Rechtsextreme. Warum?
Es ist richtig, dass die AfD sich mehr mit dem Thema Rechtsextremismus auseinandersetzen muss. Ich habe eben selbst ein anderes politisches Profil: Außenpolitik und Islamismus. Aber natürlich gibt es ein ganz eklatantes Problem mit Rechtsextremismus, das zeigt der NSU, das zeigen die Angriffe auf Flüchtlingsheime. Als Thügida das erste Mal hier in Jena demonstriert hat, da haben wir uns ganz klar dagegen positioniert. Genauso haben wir beschlossen, dass wir mit den Identitären nicht vereinbar sind. Aber insgesamt wird das Thema von uns vernachlässigt.

Was Jana nicht sagt: Trotz der Distanzierung sitzen in der JA auffällig viele Leute mit engen Verbindungen zur Identitären Bewegung. Janas Kollege, der Landesvorsitzende der JA in Baden-Württemberg Moritz Brodbeck, soll selbst ein "Kader" der IB gewesen sein, schreibt die taz. 2013 schrieb er sich mit einem zweiten Identitären, der mittlerweile auch in der JA ist, dass man die AfD-Jugend "von Anfang an unter unsere Kontrolle bringen" wolle. Und im Landesvorstand der Berliner JA sitzt mit Jannik Brämer sogar der Typ, der bis vor Kurzem noch fürdie deutsche Internet-Präsenz der Identitären verantwortlich war und noch im Juni auf einer IB-Demo als Ordner auftrat.

Darauf angesprochen reagiert Jana überrascht. Brodbeck arbeite eigentlich "sehr stark gegen die Identitären in Baden-Württemberg", sagt sie. Jana ist überzeugt, dass die Identitären zumindest in Thüringen offensichtlich rechtsextrem seien und die AfD deshalb nichts mit ihnen zu tun haben dürfe. "Wenn jetzt jemand auf die Idee käme, zweigleisig zu fahren und zu Identitären auf Veranstaltungen zu gehen, würde er ausgeschlossen werden", gibt sie sich sicher.

Was glaubst du, würde passieren, wenn du auf deinem Profil klar rechtsextreme Gewalt verurteilen würdest?
Ich glaube, dass ich Zustimmung erfahren würde. Ich würde da nicht mit negativen Reaktionen rechnen.

Probier es doch mal aus.
Wenn die Gelegenheit sich ergibt, gerne.

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