DIE WIR HABEN EUCH VERMISST AUSGABE

Die Präsidentin von Planned Parenthood über Sexualaufklärung und Gesundheitsversorgung in den USA

Mit Gewalt, Einschüchterung und Gesetzen, die Frauenrechte untergraben, kennt sich Cecile Richards nur zu gut aus.

von Vera Papisova
10 Mai 2016, 4:00am


Porträt von Chuck Grant

Aus der ,Wir haben euch vermisst'-Ausgabe

Mit Gewalt, Einschüchterung und Gesetzen, die Frauenrechte untergraben, kennt sich Cecile Richards, Präsidentin des US-Zweigs der NGO für Sexualgesundheit und Familienplanung, Planned Parenthood, nur zu gut aus. Ihre Mutter, Ann Richards, war die zweite Gouverneurin von Texas und eine lautstarke Feministin und Kämpferin für soziale Gerechtigkeit. Cecile Richards ist eine entschlossene Frau, und ihre Bemühungen, in den USA eine erschwingliche medizinische Versorgung durchzusetzen, haben ihr sowohl Lob als auch Kritik eingebracht.

VICE: Hast du jemals einen Abtreibungsgegner davon überzeugt, „pro choice" zu werden?
Cecile Richards:
Ich habe schon gesehen, wie Politiker, die vielleicht aufgrund ihrer absoluten Ablehnung von Abtreibung ins Amt gewählt wurden, sich geändert haben. Und zwar, weil ihnen Frauen ihre Situation geschildert haben. Wenn die Menschen Empathie für andere entwickeln, dann bricht diese starre politische Haltung auf.

Es gibt ein Video von einer Kongressanhörung im vergangenen September, bei der du unzählige Male unterbrochen wurdest. Selbst die Hater waren beeindruckt davon, mit welcher Fassung du dem standgehalten hast.
Mir war klar, dass ich nicht wirklich dort sprach, um meine Organisation oder mich selbst zu vertreten. Ich habe nur gehofft, meine Stimme den Millionen Frauen leihen zu können, die niemals angehört werden. Manchmal, wenn Menschen etwas Dummes tun, muss man einfach still sein und sie machen lassen.So haben einige dieser Abgeordneten enthüllt, wie wenig Respekt sie Frauen gegenüberbringen.

Meinst du, dein Job als Präsidentin wäre einfacher, wenn du ein Mann wärst?
Ich habe noch nie darüber nachgedacht. Die meisten, die in den gesamten USA bei Planned Parenthood arbeiten, sind Frauen. Natürlich haben wir auch ausgezeichnete männliche Mitarbeiter. Ich finde, ein Mann, der genug verstanden hat, um bei Planned Parenthood zu arbeiten und reproduktive Rechte voranzutreiben, muss ein besonderer sein. Das sind Männer, die wirklich Frauen respektieren.

Als ich das letzte Mal bei Planned Parenthood war, ist mir aufgefallen, dass man auf dem Patientenformular seine Pronomen bestimmen und das Geschlecht selbst entscheiden kann. Das habe ich in gynäkologischen Praxen noch nie gesehen.
Jetzt wo wir unser 100. Jubiläum feiern, denke ich darüber nach, wie wir uns verändert haben. Ein positiver Aspekt ist meiner Meinung nach, dass immer mehr Leute zu uns kommen—wir eröffnen Trans-Dienste im ganzen Land. Und wir sind sehr froh, das anbieten zu können.

Wenn dieses Gesetz in Texas durchkommt, wird es das Recht auf Abtreibung nur noch auf dem Papier geben.

Planned Parenthood ist der größte Anbieter von Sexualaufklärung in den USA. Warum ist das eine wichtige Initiative?
Ich denke, es ist sehr wichtig für die USA, und es ist mir unverständlich, dass das Thema politisch umstritten ist. Die allermeisten Eltern wollen ja, dass ihre Kinder aufgeklärt werden, und fühlen sich mit der Aufgabe allein überfordert. Ich komme aus Texas, wo die offizielle Haltung „reine Abstinenz" lautet. Aufklärung findet nicht statt. Heute ist es schlimmer als in meiner Jugend.

Es gibt eine direkte Korrelation [zwischen den Planned-Parenthood-Diensten] und dem Rückgang ungewollter Schwangerschaften und der Abtreibungsnachfrage. Deswegen haben wir so dafür gekämpft, dass mit dem Affordable Care Act kostenlose Verhütungsmittel zugänglich werden. Aktuell gibt es in den USA so wenige Teenager-Schwangerschaften wie seit 40 Jahren nicht und das liegt nicht daran, dass Teenager nicht länger sexuell aktiv wären. Es liegt daran, dass sie heute von verschiedenen Quellen besser aufgeklärt werden und besseren Zugang zu Verhütungsmitteln haben.

Und was genau ist momentan in Texas los?
Es ist wirklich beängstigend. Im Moment gibt es einen großen Fall vor dem Obersten Gerichtshof (Whole Woman's Health v. Hellerstedt), der entscheiden wird, ob die Gesetze zum Schutz der legalen Abtreibung effektiv noch Wirkung haben. In Texas können mit sehr wenigen Ausnahmen nur noch Großstädte sichere und legale Abtreibungen bieten.

Als Frau im ländlichen Texas, hast du also nicht dasselbe Recht, in einer Praxis deines Vertrauens einen in den USA legalen Eingriff durchführen zu lassen. Wenn dieses Gesetz in Texas durchkommt, werden in anderen Landesteilen ähnliche folgen. Dann wird es das Recht auf Abtreibung nur noch auf dem Papier geben. Wir hören in Texas bereits Berichte über die vielen Frauen, die versuchen, Abtreibungen selbst durchzuführen.

Es sind mehr als 100.000.
Ja, leider. Wenn Politiker Gesundheit und Wohlergehen von Frauen ihrer Politik unterordnen, gibt es Probleme. Und die sehen wir aktuell.