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Facebook-Fake-News-Schreiber: "Ich glaube, Trump ist meinetwegen im Weißen Haus"​

"Seine Anhänger prüfen nie was nach", erzählte der Mann der 'Washington Post'. "Sie posten alles, glauben alles. Es macht mir Angst."

von Matern Boeselager
18 November 2016, 11:37am

"Sorry, Bammy..." Mark Zuckerberg und Präsident Obama. Foto: imago | UPI Photos

Was haben schwule Hochzeitsbusse, die Amish-Lobby und Barack Obamas Plan, die Wahl Donald Trumps für ungültig zu erklären, gemeinsam? Erstens sind das alles Geschichten, die rund um die letzte US-Wahl wie verrückt geteilt wurden. Und zweitens sind sie alle frei erfunden. Und der Mann, der dafür verantwortlich ist, hat jetzt ein sehr schlechtes Gewissen.

"Trumps Anhänger haben dauernd meine Seiten verbreitet", erzählte der 38-jährige Paul Horner in einem Interview mit der Washington Post. "Ich glaube, Trump ist meinetwegen im Weißen Haus."

"Fake News" sind mittlerweile ein so großes Problem, dass sogar Präsident Obama bei einer Pressekonferenz mit Angela Merkel am Donnerstag in Berlin davor gewarnt hat. Und Horner ist so etwas wie das Urgestein der Fake-News-Verbreiter, er hat es in der Disziplin zu einiger Berühmtheit gebracht. Einmal hat er es geschafft, sich selbst als Banksy zu outen und damit erfolgreich Redaktionen auf der ganzen Welt an der Nase herumgeführt. Ein andermal lieh er seinen Namen der frei erfundenen Geschichte von dem armen Jugendlichen, der 25 Jahre Gefängnis bekommen haben soll, weil er einem Freund per SWAT-Team einen Streich spielen wollte.

Für Horner lohnt sich der virale Erfolg: Er behauptet, mit seiner größten Fake-News-Seite ABC News jeden Monat 10.000 Dollar mit Google-Werbung zu verdienen. Und nachdem er entdeckt hatte, dass Anhänger von Donald Trump sich besonders gerne mit gefälschten Nachrichten verarschen lassen, brachen für Horner goldene Zeiten an. "Seine Anhänger prüfen nie was nach", erzählte Horner im Interview. "Sie posten alles, glauben alles. Es macht mir Angst." Sogar Trumps Kampagnen-Manager Cory Lewandowski hat mal eine von Horners ausgedachten Geschichten gepostet. Die Nachricht handelte von einem Anti-Trump-Demonstranten, der zugab, 3.500 Dollar für seine Teilnahme an der Demo bekommen zu haben. Horner erstellte sogar eine gefälschte Craigslist-Annonce, um sie dann in seine Geschichte einzubauen.

Die Ironie der Geschichte: Horner hasst Donald Trump und hätte laut eigener Aussage nie gedacht, dass der Immobilien-Milliardär es wirklich ins Weiße Haus schafft. Er behauptet, er habe die gefälschten Nachrichten erstellt, um Trumps Anhänger dumm aussehen zu lassen. "Ich dachte, sie würde das überprüfen, und das würde sie dann schlecht aussehen lassen", erklärt der reumütige Schwindler. "Aber Trump-Anhänger—die machen einfach weiter! Die prüfen nie irgendwas! Und jetzt ist er im Weißen Haus." Dann fügte er hinzu: "In Nachhinein glaube ich, dass ich der Kampagne geholfen habe, anstatt ihr zu schaden."

Horner ist nicht der einzige, der mit der Leichtgläubigkeit vieler Trump-Anhänger richtig Kasse gemacht hat. Wie Buzzfeed News kurz vor der Wahl herausfand, wurden mehr als hundert Pro-Trump-Seiten, die Facebook mit frei erfundenen Geschichten fluteten, aus einer Stadt in der ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien betrieben. Ein paar findige mazedonische Studenten hatten einfach gemerkt, dass man mit nichts so sicher Menschen auf die Seite (und damit Geld in die Kasse) spülen kann wie mit Nachrichten, die Trump-Fans begeistern. Die Geschichte, dass der Papst eine Wahlempfehlung für den republikanischen Kandidaten abgegeben habe, wurde mit knapp einer Million "Engagements" zu einem der meistgeteilten Posts über die US-Wahl überhaupt—obwohl sich irgendein mazedonischer Student das Ganze einfach ausgedacht hatte. Insgesamt, rechnete Buzzfeed News kurz nach der Wahl aus, hatten erfundene Schwachsinns-Nachrichten in den letzten Monaten vor der Wahl echte Nachrichten auf Facebook deutlich überholt, was Shares, Likes und Reaktionen anging.

Kein Wunder, dass das Fake-News-Problem mittlerweile ziemlich vielen Leuten echte Sorgen bereitet. Am Donnerstag warnte Präsident Obama in Berlin vor "einer Zeit, in der es so viel aktive Desinformation gibt, die sehr gut verpackt ist und auf Facebook genauso aussieht". Das könne die Beurteilung von Kandidaten und sogar ganzen Ländern beeinflussen. "Wenn wir Fakten nicht ernst nehmen und es uns egal ist, was wahr ist und was nicht, wenn wir nicht zwischen ernsten Argumenten und Propaganda unterscheiden können, dann haben wir ein Problem."

Facebooks CEO Mark Zuckerberg hat den Vorwurf, dass Fake News in dem Netzwerk den Ausgang der US-Wahlen beeinflusst haben könnten, als "eine ziemlich verrückte Idee" abgetan. 99 Prozent aller Inhalte auf Facebook seien "authentisch", erklärte Zuckerberg. Aber überzeugt hat er damit fast niemanden: In der New York Times warf ihm die prominente Medienkritikerin Zeynep Tufekci vor, Zuckerberg "verleugne" die Probleme, weil er sich ihnen nicht stellen wolle. "Indem die Firma an der Behauptung festhält, Facebook habe keine Auswirkungen darauf, wie sich Menschen entscheiden, richtet Mr. Zuckerberg echten Schaden an der amerikanischen Demokratie und der Welt an", schrieb Tufekci.

Who, me? | Foto: imago | ZUMA Press

Offenbar sehen das sogar einige Manager von Facebook selbst so. Berichten zufolge läuft gerade so etwas wie eine kleine Meuterei gegen Zuckerbergs Haltung ab: Hochrangige Mitarbeiter aus der ganzen Firma hätten eine inoffizielle "Task Force" gebildet, um das Problem anzugehen. "Verrückt ist, dass Zuckerberg das Problem abstreitet", erklärte ein Mitglied der Gruppe gegenüber Buzzfeed News. "Wo doch jeder weiß, dass die Plattform während des Wahlkampfs voll mit Fake News war."

Während man sich bei Facebook noch den Kopf darüber zerbricht, ob man überhaupt irgendwas gegen Nachrichten wie die von Horner unternehmen sollte, gehen andere das Problem jetzt schon pragmatisch an: Eine Gruppe von vier College-Studenten schaffte es bei einem sogenannten "Hackathon", innerhalb von 36 Stunden einen Algorithmus zu programmieren, der echte Nachrichten von falschen unterscheiden und sie entsprechend im Facebook-Feed markieren konnte. Die Studenten haben ihren Code offen sichtbar ins Internet gestellt. Vielleicht schaut Zuckerberg ja mal rein, wenn keiner hinguckt.