Aktivisten machen Abtreibungsgegnern einen Strich durch die Rechnung

Der „Marsch für das Leben" musste in Berlin vor allem eines: stehen.

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Sep. 21 2015, 1:35pm

Am Samstag fand der jährliche „Marsch für das Leben" in Berlin statt, bei dem christliche Fundamentalisten gegen Abtreibungen demonstrieren. Schwangerschaftsabbrüche sind in Deutschland weiterhin illegal, bleiben aber straffrei, wenn sich die betroffene Frau einer Beratung unterzieht. Das reicht Abtreibungsgegnern aber nicht, Martin Lohmann, der Vorsitzende des Bundesverbandes Lebensrecht und Organisator der Demonstration, forderte dementsprechend auch während der Auftaktkundgebung, dass zukünftig überhaupt keine Abtreibungen mehr vorgenommen werden sollen.

Martin Lohmann und Beatrix von Storch, Europaabgeordente der AfD (Mitte) in der ersten Reihe des Marsches für das Leben. (Alle Fotos: Grey Hutton)

Dieses Jahr betonte man auch besonders die Gegnerschaft zur Sterbehilfe, in der Sprache des Marsches „Euthanasie". Wahrscheinlich auch, weil am 23. September eine Sachverständigenanhörung zu einer gesetzlichen Regelung der Sterbehilfe ansteht. Einer der Anträge, der (überraschenderweise) für ein vollständiges Verbot eintritt, wird von Hubert Hüppe (CDU) eingebracht, der den Marsch für das Leben seit Jahren aktiv unterstützt.

Einer der Kreuzausgeber

Der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck hatte (wie vermutlich alle Abgeordneten—mindestens drei Verbände, die sich gegen Schwangerschaftsabbrüche einsetzen, werden in der Lobbyliste des Bundestages geführt) eine Einladung erhalten, am Marsch teilzunehmen, bzw. ein Grußwort zu senden. Beck kam der Bitte nach und ging unter anderem auf Begriffe wie „Babycaust" ein, mit denen „Lebensschützer" immer wieder Schwangerschaftsabbrüche mit dem Holocaust gleichsetzen. Becks Grußwort wurde nicht verlesen. Lohmann sprach allerdings über die Relativierungsvorwürfe (relativiert wird überhaupt nichts, natürlich), um dann sofort ertrinkende Flüchtlinge mit abgetriebenen Föten zu vergleichen. Eine Argumentation, die sich auch auf einigen Transparenten wiederholte:

Die Organisatoren des Marsches versuchen schon seit Jahren, von einem extremistischen Image wegzukommen. Plakate mit abgetriebenen Föten sind selten und nicht gerne gesehen. Stattdessen werden einheitliche Designs vorgegeben, auf denen unverfängliche Slogans wie „Ja zum Leben" zu lesen sind.

Hartmut Steeb, Vater von zehn Kindern, Abtreibungsgegner und Vorsitzender der Evangelischen Allianz Deutschland

Trotzdem sind bei der Kundgebung skurrile Thesen von der Bühne zu hören. Ein christlicher Liedermacher, dessen Ex-Freundin einen Schwangerschaftsabbruch hatte, bittet Frauen darum, doch auf die Männer Rücksicht zu nehmen: „Denkt doch auch mal an die Männer". Weil Männer sind natürlich immer die wahren Leidtragenden. Von allem. Eine Frau, die abgetrieben hat, erzählt davon, wie ihr Jesus während ihrer Abtreibung mit ihrem toten Kind im Arm erschienen ist, und ihr gesagt hat, dass sie es wiedersehen wird, wenn sie bereut. Eine weitere Rednerin ist sich nicht zu schade, ihren Sohn, der Trisomie 21 hat, mit auf die Bühne zu nehmen, um Pränataldiagnostik anzuprangern.

Ein eingeschleustes Plakat

In den vergangenen Jahren waren die Gegenproteste zum Marsch tendenziell eine eher witzige Veranstaltung, bei der sich Demonstranten in die Reihen der Fundamentalisten einreihten, Konfetti schmissen und Slogans skandierten, während andere den Marsch laut begleiteten. Die als Schweigemarsch geplante Veranstaltung wurde so zwar immer wieder massiv gestört, konnte aber mehr oder weniger erfolgreich durch die Stadt laufen. In den letzten Jahren erhielt die Lebensrechtsdemo allerdings verstärkten Zulauf. Im Letzten und in diesem Jahr nahmen laut Polizeieangaben 5.000 Menschen teil. Dementsprechend setzten die Gegendemonstranten in diesem Jahr verstärkt auf Blockaden.

Zwei Gegendemonstrationen (nach Angaben der Veranstalter etwa 2.500 Menschen), eine unter anderem angemeldet vom LSVD, die andere vom „What the Fuck?-Bündnis, einem Zusammenschluss mehrerer linksradikaler Gruppen, vereinigten sich und konnten trotz 900 eingesetzter Polizisten den Marsch für das Leben erstmals zwei Stunden lang blockieren. Schon kurz nach Demobeginn wurde die Wegstrecke der Fundamentalisten wegen der Gegenproteste stark verkürzt. Obwohl man versuchte, die Wartezeit mit dem Singen von Kirchenliedern zu überbrücken, verließen viele der „christlichen" Demonstranten den Marsch vorzeitig. Einige der aus dem ganzen Bundesgebiet und Polen in Bussen angekarrten Teilnehmer waren dann auch so frustriert, dass sie versuchten, Gegendemonstranten anzugreifen.

Nachdem die Polizei es nach zwei Stunden geschafft hatte, die insgesamt vier Blockaden (gewaltsam) aufzulösen, eilte der Marsch für das Leben zum Lustgarten vor dem Berliner Dom, wo ein Abschlussgottesdienst im Regen stattfand. Die Verwaltung des Domes selbst weigert sich schon seit 2013, den Abschlussgottesdient auszurichten. Die Teilnehmer wurden dabei von einem Transparent mit der Aufschrift „Thank God, I can abort" empfangen, das Femen-Aktivistinnen an der Kuppel des Doms angebracht hatten.

Grey und Stefan sind nicht nur auf Demos, sondern auch auf Twitter.

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