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Vice Blog

Nordkoreas Wissenschaftler bauen Meth-Labore und entwickelten die „Mit-Rauchen-Aufhör“-Pille

In Nordkorea spielt Wissenschaft eine ganz andere Rolle als bei uns: Sie haben Meth-Labore gebaut, deren Drogenproduktion Unsummen in die Kassen des abgeschotteten Landes spült. Außerdem haben sie Einhorn-Höhlen entdeckt und eine Mit-Rauchen-Aufhör...
2.7.13

Nationale Blumenausstellung in Pjöngjang, mit den offiziellen Blumen der DPRK, Kimilsungia und Kimjongilia. Foto von Maxime Delvaux

Es ist egal, wessen Finger mit dem Drücken des roten Knopfes beauftragt ist—Atombomben sind eine gruselige Sache. Aber gibt man sie in die Hände von Staatsführern, die offenbar an Einhörner glauben, bekommt man das gleiche Gefühl, wie wenn man einem Kleinkind beim Spielen mit geladenen Schusswaffen zusieht. Wie also geht das am wenigsten rationale Regime der Welt mit der rationalsten Disziplin der Welt, Wissenschaft, um? Die Antwort ist: größtenteils mit einer Art unermüdlichem Pragmatismus. Das Konzept der Wissenschaft um des Wissens Willen überlässt Nordkorea lieber dem dekadenten Westen.

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Stattdessen werden Geld, industrieller Ertrag und bessere Waffen als wichtigste Ziele von wissenschaftlichen Programmen gesehen. In manchen Fällen hat sich diese Herangehensweise als ziemlich lukrativ erwiesen. Zum Beispiel bei Fortschritten in der Drogenproduktion, da Drogen mittlerweile ähnlich viel Geld in Nordkoreas Kassen spült wie die Exporte riesiger, patriotischer Statuen ins subsaharische Afrika.

Außerdem haben die Nordkoreaner Meth-Labore gebaut und exportieren das Produkt nach China und möglicherweise über sein Diplomatennetzwerk auch in den Westen. Echte Medikamente sind so rar und Drogen so einfach zu bekommen, dass die Einwohner sie für medizinische Zwecke verwenden—Heroin ist in manchen Teilen des Landes ein übliches Mittel, um Erkältungen zu behandeln.

Nordkoreas Staatspräsident Kim Jong-un klingt nach einem Politiker, den man gerne für die „Wissenschaft und Technik“-Fragen bei Trivial Pursuit im eigenen Team haben will, zumindest theoretisch. Der jüngste Staatschef der Welt hat nicht nur einen Abschluss in Physik, sondern ist auch noch in fast ganz Nordkorea für seine Expertise in den Sozialwissenschaften bekannt.

Ein Student im Computerraum der Kim-Il-sung-Universität

Seine Kompetenzen in dem Feld sind so groß, dass im letzten August ein Symposium in Pjöngjang zu den „Ideen und Theorien vom angesehenen Kim Jong-un“ abgehalten wurde. Zu diesen Arbeiten zählen so bahnbrechende Veröffentlichungen wie „Der großartige Genosse Kim Il-sung ist Ewiger Präsident unserer Partei und unseres Volkes“, das ausschweifend betitelte „Lasst uns auf brilliante Weise den revolutionären Gedanken Juches verwirklichen und dem großartigen Genossen Kim Jong-il als dem Ewigen Generalsekretär unserer Partei Hochachtung gewähren“. Laut der Korean Central News Agency (KCNA) wurden bei dem Symposium Arbeiten vorgestellt, die „die Großartigkeit der Ideen und Theorien Kim Jong-uns“ unter Beweis stellten. Ärzte und Professoren seien—komplett freiwillig—in Scharen gekommen, um dem Diktator zu huldigen.

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Spannendes Material also. Insgesamt klingt es so, als hätten bei der Veranstaltung alle unheimlich viel Spaß gehabt und wären besonders happy, ihre Fallstudien in die grobe Richtung des Staatsführers zu werfen. Im Angesicht von Kim Jong-uns vielen glorreichen Errungenschaften, ist es kaum nachvollziehbar, dass nordkoreanische Top-Wissenschaftler noch keine neue Blume für ihn entwickelt haben, wie sie es für seinen Papa und Opa gemacht haben. Erst kürzlich wurde ein nationales Symposium gehalten, bei dem neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Blumen Kimilsungia und Kimjongilia besprochen wurden. Die zwei unsterblichen Arten der Begonia-Pflanze wurden von Nordkoreas führenden Wissenschaftszauberern zu Ehren der Vorgänger des jungen Mannes kreiert. Bisher allerdings ist das Kimjongunia-Exemplar verdächtig schwer aufzutreiben.

Jedes Jahr werden in Nordkorea die Kimjongilia-Festivitäten abgehalten. Sie sehen nicht so spannend aus.

Um mehr über diese weltberühmten Blumen herauszufinden, habe ich mich mit Rajveer Sihota von den Kew Gardens in London, die die weltweit größte Sammlung lebender Pflanzen außerhalb Nordkoreas haben, in Verbindung gesetzt. Er fragte bei ein paar der Spezialisten nach und kam mit schockierenden Neuigkeiten zurück: „Wir haben keine Exemplare dieser Blumen in den Kew Gardens.“ Nicht nur das, sondern „mein Kontakt in der Tropik-Abteilung glaubt nicht, dass sie jemals außerhalb von Nordkorea gezüchtet wurden.“ Ganz offensichtlich haben Englands Gärtnereispezialisten noch einiges zu lernen. Wissenschaft in Nordkorea hat allerdings auch eine ernsthafte Seite. Dank dem Prinzip der Selbstständigkeit ist Pragmatismus mit dem Fokus auf Militär, Industrie und Landwirtschaft von besonderer Bedeutung. „Sie stecken viel Arbeit in Agrarwissenschaft, einfach, weil sie es müssen“, sagte mir ein Nordkorea-Experte. „Sanktionen haben starke Probleme bei der Lebensmittelversorgung hervorgerufen. Der erste Versuch im April, einen Satelliten in den Orbit zu schießen, hat sie 250.000 Tonnen Lebensmittelhilfe durch die USA gekostet. Abgesehen von dem, was aus China kommt, sind die Koreaner komplett auf sich selbst gestellt.“ Es werden auch radikale neue Erkentnisse in Bereichen wie Schweißtechnik, der Konstruktion moderner Oberleitungsbusse und der Modernisierung des pjöngjangischen Schweinebauernhofs vorgestellt. Sie scheinen in Nordkorea sogar den Klimawandel ernstzunehmen. Offenbar sind sie also den Republikanern und dem euroskeptischen Teil der britischen Konservativen ein paar Jahrzehnte voraus.

Kinder in einem nordkoreanischen Kindergarten, die auf einem Atomsprengkopfkarussell spielen. Foto von Alex Hoban

Außerdem könnte es unfair gewesen sein, dass sich über die Neuigkeit, nordkoreanische Archäologen hätten eine Einhornhöhle gefunden, im Westen lustig gemacht wurde: „Ich bin der festen Überzeugung, dass die Story falsch übersetzt wurde, so dass versehentlich das Wort ,mystisch' ausgelassen wurde“, sagte mir der Experte. „Die ganze Geschichte war dazu da, ein wichtiges Stück Folklore zu bestätigen und zu zeigen, dass Pjöngjang historisch gesehen Koreas Hauptstadt ist. Aber es war schlecht geschrieben. Die Zeitungen haben das Ganze natürlich nur zu gerne als Beispiel für ,diese verrückten Nordkoreaner' genutzt.“ Die wahrscheinlich größten nordkoreanischen Fortschritte wurden im Gesundheitssektor gemacht. Während wir noch mit Nikotinpflastern ringen und an diesen Elektro-Zigaretten saugen und dabei aussehen, als würden wir auf den Geschmack von Mini-Taschenlampen abgehen, können Bewohner von Pjöngjang eine „Mit-Rauchen-Aufhör“-Pille kaufen. Das Heilmittel besteht aus „seltenen medizinischen Kräutern, die auf steilen Bergen und in tiefen Wäldern wachsen“ und „beseitigt das im menschlichen Körper angesammelte Nikotin“, was dazu führt, dass der Mensch „spontan aufhört zu rauchen“. Wenn nur unsere Regierungen die Proteste der großen Tabakunternehmen ignorieren und diese idiotensicheren Pillen importieren würden. In der nordkoreanischen Wissenschaft gibt es eine intensive Konzentration auf das Praktische, die selbst die fanatischsten konservativen Forderungen befriedigen würde. Während es westlichen Wissenschaftlern am Arsch vorbeigeht, ob sie etwas Neues produzieren, das in TV-Shows über die Entstehung des Universums gezeigt wird, gehen die Einsteins und Newtons aus Nordkorea ihren eigenen Weg und kreieren neue Blumen, entwickeln Heroin-Medikamente und untersuchen Atombomben. Kreativität und offener Ideenaustausch sind in dieser Welt nicht willkommen: Wenn du nicht den Präsidenten lobpreisen, einen Arbeiter füttern, eine Fabrik bauen oder mit deinem Vorschlag einen Amerikaner in die Luft jagen kannst, dann kannst du dich ganz schnell wieder an dein Zeichenbrett setzen. Das ist die Art von Fortschritt, die du mit einer autoritären, zielorientierten Herangehensweise an Wissenschaft bekommst. Was, wie sich herausstellt, nicht wirklich viel Fortschritt ist.