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It's still real to me, damn it! Die VICE Wrestling-Kolumne

Wrestling und VICE - gut geölter Scheiß! Heute: The Mugshot-Matches, Teil 1!
22.6.12

Jeder mag Mugshots. Woran das genau liegt, müsste man zwar erst noch empirisch untersuchen, aber vermutlich würden auch einhundert ausgehungerte Soziologie-Studenten mit ihren "Dauert nur 10 Minuten (und damit meine ich eine halbe Stunde, aber was soll's, du hast sowieso nichts zu tun außer Game of Thrones schauen"-Fragebögen nichts anderes herausfinden, als dass wir nun einmal alle verdammt schadenfrohe Bastarde sind und es eben toll finden, wenn biestige B-Prominente, bei denen sonst alles perfekt sitzt, auf irgendeinem pixeligen Polizeifoto aussehen wie hingeschissen.

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Wie es der Zufall so will, gibt es gerade im Wrestling eine schier endlose Liste an Leuten, die seit jeher alles Erdenkliche tun, um auch mal auf so ein Polizeifoto zu kommen, als wäre ein Mugshot die finale Adelung ihres Berufsstands und ein nächtlicher Besuch in der Zelle so etwas wie die Oscar-Nominierung des kleinen Muskelmannes (auch wenn sich der Preis am Ende eher als Goldene Himbeere herausstellt). Das heißt, Wrestler nehmen eine Vielzahl von bunten Aufbaupräperaten, trinken eine Vielzahl von alkoholischen Getränken und rauchen eine Vielzahl von rauchbaren Substanzen, bevor sie sich hinters Steuer begeben und anderen Autos liebevoll die Stoßstange tätscheln, bevor sie unsanft von Exekutivbeamten an der Weiterfahrt gehindert werden.

Und weil Bilder von kaputten Gesichtern nicht nur zum Inhalt, sondern auch zum Erscheinungszeitpunkt dieser Kolumne – sprich: zum Wochenende – passen, werde ich in den kommenden Wochen immer einen wunderschönen Wrestler gegen sein Schnappschuss-Selbst antreten lassen und nenne das Ganze "The Mugshot Matches". Fangen wir gleich mal mit einem Mann an, der über die Grenzen des Wrestling hinaus bekannt und inzwischen sowohl Streetart- und Skater-Ikone als auch das Gesicht einer eigenen Bekleidungsmarke ist. Ding, ding, ding! (Das soll eine Ringglocke sein.)

Andre The Giant war genau das: Ein André (mit Nachnamen Roussimoff und der Herkunft nach Franzose) und ein Gigant (mit einer Körpergröße von ziemlich gewaltigen 2.54 Metern). Wenig verwunderlich also, dass weder sein Charakter noch sein Aussehen sonderlich durch Subtilitäten glänzte und auch seine Schauspielkarriere abseits des Rings von solchen Haudrauf-Auftritten wie der Rolle eines Monsters in The Six Million Dollar Man, der Rolle eines Monsters in The Princess Bride und der Rolle eines Monsters in Conan der Zerstörer bestimmt war. Und das, wo er doch schon im Ring die Rolle des Monsters im Kampf gegen Hulk Hogan spielen musste.

All das ist heute aber nicht mehr so stark im kollektiven Gedächtnis verankert wie Andres schwarzweißgezeichneter Street-Tag, das mit der Bildunterschrift OBEY zum Markenzeichen von Künstler Shepard Fairley und in weiterer Konsequenz einer ganzen Szene wurde (mehr zur Geschichte und den Hintergründen lest ihr hier und hier). Vielleicht ist es im Nachhinein nicht ganz fair, dass André Roussimoff auf ganzer Linie die Arschloch-Kappe aufgesetzt bekommen hat und womöglich wäre es ein besseres Statement, wenn unter seiner Steinvisage nicht OBEY, sondern HUG stehen würde. Aber leider kann man die Vergangenheit halt nicht mehr ändern und außerdem gibt es für genau diese Zwecke ja die Mugshot Matches.

Hätten wir nicht das Polizeibild vom verschwitzten, aufgedunsenen Endzeit-André, wäre sein hartes Image wahrscheinlich heute noch ungebrochen. Wenn ihr mich fragt, kann das nur eins bedeuten:

Immerhin war der wahre André ein ganz ein lieber, der nicht nur tolle Interviews mit "Mr. Baseball" Bob Uecker gegeben hat, bei denen man dank französischem Akzent nicht mal die Hälfte versteht (wer zum Teufel ist "Ulk Ogan"?), sondern überlieferterweise ganze 127 Bier am Stück trinken konnte, auch wenn er daraufhin in der Hotellobby das Bewusstsein verlor und vom Personal nicht bewegt werden konnte, weshalb sie nichts weiter tun konnten, als einfach abzuwarten, bis er von alleine wieder aufwachte und ging. Ein starker Typ mit mehr als einer Schwäche also. Seine größte war seine Wachstumskrankheit, genannt Akromegalie, die ihn mit 46 Jahren das Herz und das Leben kostete. Mit dem Mugshot bleibt er uns genau so in Erinnerung. Denn wenn wir eins nicht brauchen, sind das Giganten ohne Kanten. Mahalo!