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Reisen

Das Festival am Ende der Welt

Einmal im Jahr versammeln sich 2000 Leute auf einer kleinen Insel am nördlichen Polarkreis, um auf dem Træna-Fckn-Festival so richtig durchzudrehen.
23.7.12

Einmal im Jahr versammeln sich 2000 Leute auf einer kleinen Insel am nördlichen Polarkreis, um so richtig durchzudrehen. 24 Stunden Sonne, die Nacht wird im wahrsten Sinne des Wortes zum Tag und somit, nunja, gibt es sie nicht mehr. Zwischen Wal-Burgern, rauem Atlantikklima und einem toten Schaf haben wir es uns gemütlich gemacht, wobei …
Die Anreise gerät eigentlich schon zum Martyrium: Am Flughafen Schönefeld wird mein Gepäck kontrolliert und der (leere) Benzinkocher einkassiert. Der Hinweis, dass meine 2 ½ Flaschen Schnaps wohl eher brennen würden, war gewagt, hat aber auch nichts gebracht.

Im Zug, der fast 17 Stunden die Küste entlangfährt, testen wir zum ersten Mal, wie weit der Touri-Bonus reicht. Jedes Mal, wenn der Zug hält, kippt unsere Horde aus dem Abteil, um zweimal an der Kippe zu ziehen. Irgendwann kommt der Schaffner angestürmt und macht uns brüllend verständlich, dass wegen uns bereits 20 Minuten Verspätung entstanden sind und wir bei der nächsten Aktion rausfliegen. Am Hafen in Bodø geraten wir dann mit der örtlichen Staatsgewalt aneinander, Alkohol ist hier in der Öffentlichkeit verboten, unsere mobile Bar bekommt eine Sperrstunde, wir dürfen aber unsere Drinks noch runterkippen.

Mit der Fähre geht’s nochmal knappe vier Stunden übers offene Meer ins Nirgendwo. Spätestens jetzt registriert der Geist, dass die Zivilisation in immer größere Entfernung rückt und wir buchstäblich die Erde verlassen.

Schneebedeckte Berge, felsige Inseln, Gletscher, die Sonne und die Luft geben einem das Gefühl, über das Meer dahinzuschweben, doch wehe dem, der vergessen hat, sich zuvor einzudecken, Alkohol ist in Norwegen streng reglementiert.

Gegen Nachmittag erreichen wir Træna. Zu der Kommune gehören insgesamt über 1000 kleine Inseln, wobei nur fünf davon bewohnt sind. Die meisten leben hier vom Fischfang und eben einmal im Jahr vom Tourismus.

Die Inselbewohner sind natürlich auf die Flut an Festival-Besuchern vorbereitet und versuchen, ihr Geschäft damit zu machen. Am provisorischen Grillstand gibt es Wal-Steaks, Wal-Burger und Robben-Wraps, wobei die Einheimischen versichern, dass hier nur Wale gejagt werden, deren Population groß genug ist, um nachhaltige Fischerei zu betreiben. Tatsächlich treiben sich im nördlichen Atlantik über 100.000 Minkwale rum, von denen jährlich nur 1000 gefangen werden, wem das nicht reicht, der werfe nun das erste Massentierhaltungssteak. Trotzdem schmeckt Walfleisch eher wie fades Hack aus dem Billigsupermarkt, doch der Reiz am Fremden treibt den Meeressäuger schließlich in den Magen—das Marketing hat mal wieder funktioniert.

Zwar gibt es hier nichts, was auch nur im Entferntesten an einen Strand herankommt, aber wen interessiert das schon, wenn man danach erzählen kann, wie sich ein Bad im Nord-Atlantik so anfühlt … Ziemlich, ziemlich kalt, ehrlich gesagt sogar so kalt, dass man panisch die Flucht zum Ufer sucht, schwimmen kann hier nur, wer sterben will.

Unser Camp schlagen errichten wir auf dem „Moskito-Hill“, den wir nach entsprechendem Dauerangriff so genannt haben. Irgendwann kommt ein Außenzelt angeweht, das wir nach ausreichender Aufbewahrungsfrist in einen Drachen umfunktionieren, den man später kaum noch mit zwei Leuten halten kann, ohne den Berg hinunter geweht zu werden. Vielleicht fragt ihr euch jetzt, wieso da im Vordergrund ein Schaf herumlungert, aber dazu später mehr.

Der erste wirklich nennenswerte Höhepunkt des Festivals ist der Solo-Auftritt von Erlend Øye (Kings of Convenience und Whitest Boy Alive), der am frühen Freitagmorgen in einer kleinen Kapelle auf der Insel spielt. 50 passen rein, die restlichen 500 lauschen draußen bei eisigem Wind. Øyes Songs passen perfekt zum mittelmäßigen Wetter, ein bisschen grau, ein bisschen diesig.

Die Hauptbühne befindet sich innerhalb des Festival-Geländes auf dem örtlichen Sportplatz. Man kann von einem Ende zum anderen schauen und in zwei Minuten bequem drüber laufen. Um so witziger wirkt die Sicherheitspolitik: Den gesamten Tag (also 24 Std.) patrouilliert ein düster drein blickender Polizist mit einem Drogenspürhund über Stock und Stein und die Securitys ermahnen jeden, der auch nur darüber nachdenkt, einen Stagedive hinzulegen. Das Ganze ging sogar so weit, dass mich einer von den Jungs fest hielt, mitten in der Menge, während des Konzerts. Er wollte mich beruhigen, da ich seiner Meinung nach die Menge zu sehr aufheizen würde—dazu fiel mir dann wirklich nichts mehr ein. Klar, die großen heimischen Festivals sind durchsetzt mit Zivil-Bullen und Securitys, aber meine Vorstellung von einer Party so weit ab der Zivilisation war dann doch anders.

Die beiden größten Zelte waren eine Fressbude und ein Bankzelt, an dem man per Visa seine „Cashless-Card“ aufladen konnte—bei 10€ pro Bier braucht man diese Form der Entfremdung vom Geld, wenn man nicht verzweifeln möchte. Licht und Ton sind, gelinde gesagt, eher schlecht als recht, aber so weit im Norden wollen wir da mal nicht so streng sein. Zu den Acts gibt es nur zu sagen, dass man das Ganze eher im Gesamtzusammenhang genießen sollte—so richtig abgegangen sind nur LCMDF und eine Band namens Death by Unga Bunga, der Rest ist nicht der Rede wert.

Zu dem absoluten Highlight setzen wir auf die Nachbarinsel Sanna über, auf der in einer 6000 Jahre alten Grotte ein Konzert stattfindet. Der Klang ist gewaltig und die Besucher fallen in eine Art kollektive Trance. Ein alter Fischer bietet uns seinen „Walblut-Drink“ an, der einem den Dampf aus den Ohren schießen lässt, mir war noch nie so warm.

Positiv aufgefallen sind jedoch die vielen kleinen Spots, die nicht im offiziellen Guide verzeichnet waren. Für diesen Floor hier hat ein skandinavischer Künstler extra Hunderte Paletten einschiffen lassen und überall Boxen montiert, dazu gab es durchgehend Weißwein und entspannten Electro-Sound mit Blick aufs Meer.

Wahrscheinlich liegt es an der nie enden wollenden Helligkeit und der Dauerparty, dass wir langsam aber sicher alle Hemmungen verlieren: Die junge Dame auf dem Foto heißt Katrina und kurz nach der Aufnahme kam sie auf die Idee, mit Anlauf auf einen Security-Van zu springen, um darauf zu tanzen. Die Jungs fanden das gar nicht lustig und steckten sie fast schon gewaltsam in den Wagen. Unsere Interventionen halfen nicht wirklich viel und so musste natürlich die Ordnungsmacht anrücken, damit dem Recht genüge getan wird. Der Wagen hatte keinen Kratzer, die Sicherheitsleute dafür einen um so größeren Schaden.

Nun zu der Sache mit dem Schaf: Den Zeitpunkt kann niemand mehr rekonstruieren, aber halbwegs gesichert ist folgende Geschichte: Am Hafen vor Træna lag ein Schiff vor Anker, kein normales, nein, sondern eins von der Sorte Trawler oder Walfänger. Eins, das mit unaufhaltsamer Kraft durch die Weltmeere pflügt, um unzähligen Fischen, Delphinen und Meerjungfrauen den sicheren Tod zu bringen. Am Bug dieser Kutsche des Verderbens war ein Schaf befestigt. So hing es dort, alleine und der Unbeständigkeit des Wetters ausgesetzt, bis … Bis zwei junge, muskulöse Männer auf es aufmerksam wurden. Zwei Männer, die kein Unrecht zulassen können und Schafe, ob tot oder lebendig, nicht in Gefangenschaft zurücklassen. Die nächsten zehn Minuten können aus rechtlichen Gründen nicht wiedergegeben werde, aber so viel sei gesagt: Es war ein durchschlagender Erfolg und ganz nebenbei konnte auch die Schiffshure aus ihrem luftigen Verließ am Mast befreit werden. Wer ein bisschen norwegisch kann, oder weiß wie man Google-Translator benutzt, lese doch diesen Artikel.
Leider wurde unser Freund seiner letzten Grabesruhe entrissen und befindet sich wieder auf hoher See.

Was bleibt ist jede Menge Müll. In diesem Punkt unterscheidet sich auch das Trænafestivalen nicht von anderen. Die Möwen stürzen sich auf alles, was unbewacht herumliegt und die Plastiktüten wehen in Massen ins Meer. Da sammelt man schon das gesamte Festival seinen Müll in Tüten und stopft sich sogar die Kippenstummel in die Jackentasche und die Einheimischen kümmern sich einen Dreck um ihren Abfall. Das liegt wohl an der allgemeinen Einstellung des Menschen, auf seine Umwelt zu scheißen.


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